St. Pauli

Einige Händler kritisieren das Konzept der Rindermarkthalle

Die Rindermarkthalle auf St Pauli

Die Rindermarkthalle auf St Pauli

Foto: Marcelo Hernandez

Erwartungen noch nicht erfüllt. Stimmt das Konzept der Rindermarkthalle auf St. Pauli? Der Betreiber zieht jedoch eine positive Bilanz.

St. Pauli. Bereits beim Betreten der Halle ist seine überschwängliche Begrüßung nicht zu überhören. „Moin Moin, Servus und Grüß Gott“ – ein wenig erinnert Obstverkäufer Jamil Hasan mit seiner eindringlichen Stimme an eine jener exzentrischen Persönlichkeiten, die man bislang eigentlich nur vom Fischmarkt kannte. „Schickimicki, Schickimicki“, singt Jamil, als er frisches Obst in den Shaker wirft. „Ich liebe meinen Job einfach“, sagt der 28-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht. „Ich fühle mich hier wie zu Hause.“

Sein Zuhause, damit meint Jamil die Rindermarkthalle auf St. Pauli, die an diesem Freitag bereits auf ihr einjähriges Bestehen zurückblickt. Am 18. September 2014 wurde das für 15 Millionen Euro grundsanierte Gebäude – in dem neben Aldi, Budnikowsky und Hamburgs größtem Edeka-Markt mit rund 4700 Quadratmetern auch zahlreiche kleine Marktstände untergebracht sind – offiziell wiedereröffnet. „Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen im Stadtteil die Halle annehmen werden“, sagte Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) anlässlich der Eröffnung. Und Peter Saur, zuständiger Geschäftsbereichsleiter von Edeka Nord, frohlockte, die Rindermarkthalle werde dank der Kombination aus Nahversorgung und soziokulturellen Angeboten schnell „zum neuen lebendigen Zentrum von St. Pauli“.

Doch ein Jahr später ist vielen Standbetreibern in der Rindermarkthalle so gar nicht nach Feiern zumute. „Die Zahl der Kunden liegt weit hinter dem, was man uns versprochen hat“, sagt ein Unternehmer, der wie viele nicht namentlich genannt werden will. „An einem Wochenende haben Sie die Miete wieder drin“, habe es von Seiten des Vermieters geheißen. Doch der versprochene Ansturm der Kunden sei ausgeblieben – und damit auch der Umsatz.

Einzelne Standbetreiber haben reagiert und ihre Zelte bereits wieder abgebrochen. Aktuell stehen drei Verkaufsflächen in der Markthalle leer. Andere Händler haben ihre Personalkosten nach unten geschraubt. „Wir arbeiten hier nur noch zu zweit“, sagt eine Mitarbeiterin. „Wenn einer von uns im Urlaub ist, muss der andere den kompletten Tag übernehmen.“

Fragt man nach den Gründen, hört man immer wieder, das Konzept sei zu einseitig, fast nur auf Essensstände konzentriert. „Die Entwickler haben aus einem Nahversorgungskonzept einen Genusstempel gemacht“, sagt ein anderer Betreiber. Abgesehen von einer Apotheke, einem Haushalts­warengeschäft oder einem Blumen­laden findet man tatsächlich fast ausschließlich kulinarische Stände. „Viele Kunden hetzen zum Einkauf durch oder kommen auf einen kurzen Snack in der Mittagspause vorbei“, sagt eine Mitarbeiterin. „Für einen ausgiebigen Bummel lohnt sich die Halle nicht.“

Ein paar mehr Stände, die nichts mit Essen zu tun haben, würden der Halle sicherlich gut tun, glaubt auch Jozep Živko. An der Langfristigkeit des Projekts hat der Betreiber des Weinfachhandels „FinoVino“ jedoch keine Zweifel. „Angesichts der Immobilienspekulationen in der Schanze hast du als Selbstständiger da kaum noch eine Chance“, sagt er. In der Rindermarkthalle hätte man dagegen die Möglichkeit, unter fairen Bedingungen und mit einem vertrauensvollen Partner sein Glück zu versuchen. „Dass dabei nicht jeder überleben kann, ist auch klar.“

Auch bei den Betreibern sieht man die Fluktuation in der Markthalle gelassen. „Wir hätten es uns einfacher machen können, wenn wir bei der Vergabe der Flächen auf die üblichen Verdächtigen gesetzt hätten“, sagt Peter Saur, zuständiger Geschäftsbereichs­leiter von Edeka Nord, und meint damit vor allem namhafte Franchise-Unternehmer, wie sie in vielen deutschen Einkaufszentren zu finden seien. „Aber das war nicht das Ziel. Wir haben auf ein Konzept gesetzt, das so völlig neu ist.“ Insofern sei es normal, dass nicht alle Konzepte aus der ersten Stunde aufgingen.

Der jüngste Mieter in der Rindermarkthalle ist gerade mal wenige Tage alt. Wolf Bock hat sich mit „Hopper Bräu“ auf handwerklich gebraute und stark gehopfte Biere spezialisiert. „Wir hatten bisher einen guten Start, das Feedback der Leute ist großartig“, sagt er. „Wir können uns nicht beklagen.“

Beklagen will sich auch Peter Saur nicht. „Wir sind zufrieden“, bilanziert er, und fügt hinzu: „Auch wenn Händler ja nie ganz zufrieden sind.“ Die Besucherfrequenz übersteige im Durchschnitt bereits die Grenze von 50.000 Kunden pro Woche. „Stärkster Tag ist der Sonnabend mit durchschnittlich 15.000 Personen.“ Die Kundenfrequenz liege damit genau im Planungskorridor für das erste Jahr. Vom Grundkonzept zeigt man sich bei Edeka nach wie vor überzeugt. „Wir haben einen langen Atem, der wirtschaftliche Erfolg wird kommen“, sagt Saur.

Mit zunehmender Bespielung der Aktionsfläche in der Markthalle sowie des Vorplatzes sollen die Besucherzahlen gesteigert werden. Tatsächlich hat man bereits einiges versucht, um die Rindermarkthalle mehr zum Stadtteil hin zu öffnen und sie „mit dem richtigen Geist zu füllen“, wie FinoVino-Chef Jozep Živko sagt. Alle drei Monate organisiert er mit dem „RMH Soundcheck“ einen Musikabend für Nachwuchskünstler, und unter dem Motto „Kiezklang“ sucht man nach jungen Musikern, die an drei Tagen pro Woche in der Halle spielen. Jeden Sonnabend präsentieren zudem junge Food-Start-ups ihre Produkte auf dem Vorplatz, auf dem Parkdeck finden Events wie die „Hamburg Longboard Open“ oder die „Graphic Days“ ihren Platz. Und auch alle sozio-kulturellen Einrichtungen wie die Street Art School oder die St.-Pauli-Nähschule haben ihren Betrieb aufgenommen.

Damit haben die Macher zumindest einen Teil ihres Versprechens gegenüber Stadtteil und Bewohnern eingehalten. Initiativen hatten immer wieder die mangelnde Anwohnerbeteiligung angeprangert. Auch jetzt gibt es Stimmen, die kritisieren, man sei von einem lebendigen Stadtteilzentrum noch weit entfernt – nicht nur, weil der Eingang auf der Rückseite des Gebäudes nur mit Mühe zu finden sei. Nicht nur daran, wird man in den kommenden Monaten noch arbeiten müssen.

Eine längere Version des Artikels finden Sie im St. Pauli Blog