Hamburgs verschwundene Orte

Als 1963 ein Wahrzeichen verloren ging

| Lesedauer: 8 Minuten
Matthias Schmoock
Der ursprüngliche Kaispeicher A mit seinem Zeitball war nicht nur optisch imposant, sondern auch technisch zu seiner Zeit hochmodern. Heute steht an der Stelle die Elbphilharmonie.

Der ursprüngliche Kaispeicher A mit seinem Zeitball war nicht nur optisch imposant, sondern auch technisch zu seiner Zeit hochmodern. Heute steht an der Stelle die Elbphilharmonie.

Foto: unbekannter Fotograf

Neue Abendblatt-Serie zu fast vergessenen Orten in Hamburg: Lange vor der Elbphilharmonie prägte der Kaispeicher A bereits das Bild des Hafens.

Hamburg. Die Elbphilharmonie ist eines der faszinierendsten Wahrzeichen Hamburgs und ein Publikumsmagnet. Die exponierte Lage spielt dabei eine wichtige Rolle, und niemand kann sich diesen Platz mehr ohne die „Elphi“ vorstellen. Über Jahrzehnte hatte aber ein anderer interessanter Bau dort, an der Spitze der heutigen HafenCity, das Blickfeld dominiert: der Kaispeicher A mit dem Zeitball.

Dieser Speicher wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, der kaum beschädigte Turm 1963 gesprengt und abgetragen. Zum Start der neuen Serie „Hamburgs verschwundene Orte“ blickt das Abendblatt zurück auf ein architektonisch ausgeklügeltes Bauwerk, das jahrelang modernste Technik bot und ebenfalls lange zu den Wahrzeichen der Stadt gehört hatte – zumindest zu denen des Hafens.

Hamburgs verschwundene Orte: Ein verlorenes Wahrzeichen

Der Kaispeicher war nach Plänen des Wasserbaudirektors Johannes Dalmann (1823–1875) gebaut und 1875 fertiggestellt worden – und zwar genau auf der damaligen Johnschen Ecke. Damit bezeichnete man in Hamburg die westlichste Spitze des Großen Grasbrook, der heutigen HafenCity. Der Name geht zurück auf eine heute längst vergessene Traditionswerft, die dort einst ihren Sitz hatte.

Aufgrund der aufwendigen Umgestaltung der Hafenbecken vor Ort im Zuge des Hafenausbaus war der Grundriss des Baugrunds – genau zwischen dem Dalmannkai am Sandtorhafen und dem Kaiserkai am Grasbrookhafen – trapezförmig, was an Architektur und Bauausführung besondere Anforderungen stellte. Die Spitze des sogenannten Kaiserhöfts, die häufig mit der Kehrwiederspitze verwechselt wurde und wird, war schließlich komplett mit dem Kaispeicher bebaut: Hinter dem rund 50 Meter hohen Turm an der westlichsten Ecke lag ein großer Innenhof, dessen Ränder die Speichergebäude bildeten.

Kaispeicher B beherbergt das Maritime Museum Hamburg

Der unterkellerte Bau hatte über dem Erdgeschoss zur Lagerung vier Böden und bot rund 19.000 Quadratmeter Lagerplatz. Außen waren mehrere Kräne installiert, die das direkte Be- und Entladen auch großer Seeschiffe möglich machten. Zum Abtransport der Güter waren auf den beiden Kais jeweils Schienen der Hafenbahn verlegt und mit dem damaligen Berliner Bahnhof verbunden worden. Der Kaispeicher ähnelte den Lagerhäusern der Speicherstadt stark, war aber ungleich imposanter, was nicht zuletzt an dem eindrucksvollen Turm lag.

Die Bezeichnung „Kaispeicher A“ wurde relevant, nachdem die Stadt 1890 einen weiteren Speicher erworben hatte, der danach offiziell als „Kaispeicher B“ bezeichnet wurde. In ihm befindet sich heute das Internationale Maritime Museum Hamburg.

Ab 1876 zeigt ein Zeitball am Kaispeicher A die Mittagszeit nach Greenwich an

1892 wurde der Kaispeicher A bei einem Großfeuer schwer beschädigt, zeitgenössische Fotos zeigen sogar, dass damals nur noch seine Außenmauern standen. Mit viel Aufwand wurde er wieder aufgebaut – was man sich dann mehr als 50 Jahre später sparte. Clou des Kaispeichers A war der Zeitball, der ab September 1876 an einem Gerüst oben auf dem Turm hing. Die Deputation für Handel und Schifffahrt gab damals unter anderem bekannt: „Der Zeitball hat einen Durchmesser von 1,5 Met(ern, die Red.), ist von schwarzer Farbe und befindet sich, wenn er ganz aufgezogen ist, 55 Met. über Hochwasser und 52 Met. über dem Kai.“

Immer genau zur Mittagszeit nach Greenwich (dem Nullpunkt der Längenmessung) fiel der Ball weithin sichtbar rund drei Meter tief nach unten in den korbartigen Abschluss des Gerüsts. Auf diese Weise konnten die Schiffsführer der Umgebung ihre Borduhren überprüfen. Damit der Betrachter sich innerlich etwas darauf vorbereiten konnte, wurde der Ball zehn Minuten vor diesem Zeitpunkt halb hochgezogen, drei Minuten vorher dann ganz.

Zeitbälle wichen genaueren Messmethoden

Ausgelöst wurde der Mechanismus per Knopfdruck von Mitarbeitern der Sternwarte, die sich damals dort befand, wo heute das Museum für Hamburgische Geschichte (Hamburgmuseum) steht. Dafür war eigens ein elektrisches Kabel von der Warte zum Speicher verlegt worden. Die Hamburger Sternwarte steuerte übrigens auch die Zeitbälle in Bremerhaven und Cuxhaven. Ab 1899 erfolgte das Ganze dann automatisch. Es gab sogar einen roten Notball, der zum Einsatz kam, wenn der Mechanismus, warum auch immer, einmal nicht funktionierte.

Solche Zeitbälle fanden sich damals in vielen Hafenstädten – mitunter sollen es weltweit 130 gewesen sein. Von Anfang der 1930er-Jahre an ersetzten modernere und noch genauere Messgeräte die Zeitbälle. Ende Mai 1934 veröffentlichte die Wirtschaftsbehörde eine knappe Bekanntmachung: „Vom 1. Juni 1934 an werden die Zeitzeichen durch den Zeitball auf dem Kaispeicher A nicht mehr gegeben“ – die Anlage wurde stillgelegt. Weniger auffällig als der Ball waren die insgesamt vier weithin sichtbaren Anzeiger an den Seiten des Turms, an denen sich der jeweilige Wasserstand wie an den Ziffernblättern großer Uhren ablesen ließ.

1963 wird der Kaispeicher A gesprengt

Am 27. Februar 1963 vermeldete das Hamburger Abendblatt: „Maßarbeit leistete gestern ein Sprengkommando auf dem Kaiserhöft im Freihafen. Punkt 15.55 Uhr legte sich der Signalturm des einstigen Kaispeichers A auf die Seite und krachte fast zentimetergenau auf die vor­ausberechnete Stelle.“ Etwas pathetisch könnte man rückblickend dazu bemerken: Der Turm hatte also zum letzten Mal seine Pflicht erfüllt.

Die Zeitung schrieb zwar von einem „berühmten Hafenwahrzeichen“, beeilte sich dann aber, dem Zeitgeist entsprechend darauf hinzuweisen, dass der Turm seine einst wichtigen technischen Funktionen mittlerweile längst verloren habe. Der Artikel endete mit einer Ankündigung: „Aber das Kaiserhöft soll nicht ohne Wahrzeichen bleiben – Strom- und Hafenbau, die Hafen-Lagerhausgesellschaft und ein Architekt planen ein neues auffälliges Bauwerk an dieser ,Ecke‘ des Hafens, ein Bauwerk, das wiederum zum Wahrzeichen werden soll.“

Abbruch des markanten Baus stieß kaum auf Kritik

Es ist fraglich, dass der Abbruch eines fast 88 Jahre alten städtischen Wahrzeichens heute immer noch so unkritisch beschrieben werden würde und dass man die „Maßarbeit“ der Sprengmeister dabei sogar deutlicher in den Mittelpunkt stellen könnte als den alten Traditionsbau selbst. Zu viel ist seitdem in Hamburg zerschlagen und abgeräumt worden, und zu oft hat es im Zuge dieser Arbeiten irgendwelche visionären Versprechungen gegeben, die dann nicht eingehalten wurden und für viele Hamburgerinnen und Hamburger enttäuschend endeten.

In dem neuen Buch „Hamburgs verschwundene Orte“ finden sich zahlreiche Beispiele dafür; verwiesen sei hier nur auf die Nachfolgebauten von Altonaer Bahnhof und der nördlichen Esplanade. Im Übrigen ist es auch fast tragikomisch, dass im Zusammenhang mit dem Abriss des Baus immer mal über Turm und Zeitball berichtet wurde, aber nur sehr wenig über den alten Speicher selbst. Heute wird in Hamburg um jede Mauer gekämpft, die mit Fritz Schmumachers Backstein in Verbindung gebracht werden könnte, doch damals wurden ziemlich bedenkenlos die Reste eines Speichers abgetragen, der nicht nur ein Meisterwerk der Statik war, sondern ein ganz frühes Beispiel der Hamburger Backsteinarchitektur.

Seit 2017 steht auf dem Kaiserhöft wieder ein Wahrzeichen

Das 1963 angekündigte „auffällige Bauwerk“, das anstelle des alten Kaispeichers ein neues Wahrzeichen hätte werden sollen, wurde 1966 fertiggestellt. Der Speicher des Architekten Werner Kallmorgen (1902–1979) erfüllte durchaus hohe bauliche Anforderungen und war hoch effizient. Wie solide und zukunftsweisend er konzipiert war, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Elbphilharmonie später auf seinen Fundamenten errichtet werden konnte.

Doch der funktionale, äußerlich völlig schmucklose und unoriginelle Bau unterschied sich in einem wesentlichen Punkt von seinem Vorgänger: Er wurde keineswegs zu einem Wahrzeichen. Viele Hamburgerinnen und Hamburger dürften ihn kaum wahrgenommen haben – und wer erinnert ihn heute überhaupt noch? Erst mit der Fertigstellung der Elbphilharmonie im Jahr 2017 steht auf dem Kaiserhöft wieder ein Wahrzeichen – viele Jahrzehnte nach der Zerstörung des alten.

Nächste Folge: Freibad Lattenkamp