Cafés in Hamburg

Bei der Heilsarmee auf St. Pauli kann bald jeder einkehren

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Matthias Schmoock
Gregor Heidemann (l.) und Mareike Walz von der Heilsarmee im Saal an der Talstraße. Mit dabei: Sebastian Giesen von der Hermann Reemtsma Stiftung

Gregor Heidemann (l.) und Mareike Walz von der Heilsarmee im Saal an der Talstraße. Mit dabei: Sebastian Giesen von der Hermann Reemtsma Stiftung

Foto: Roland Magunia

Sanierung des Gebäudes an der Talstraße läuft. Saal wird zum Café mit 150 Plätzen – Eröffnung schon für Dezember geplant.

Hamburg. Es ist eines der markantesten Gebäude auf St. Pauli – aber über sein Innenleben ist nur wenigen Hamburgerinnen und Hamburgern etwas bekannt. Das Haus der Heilsarmee an der Talstraße 13 wirkte über viele Jahre für klassische Kiezbummler eher unzugänglich, hinzu kommt, dass es schon seit rund zwei Jahren renoviert wird und von einem Sicherungszaun und Baumaschinen verdeckt ist. Das Abendblatt konnte sich dort umsehen und den Gang der Arbeiten begutachten. Dabei wurde deutlich: Es wird sich nach der Wiedereröffnung für alle sichtbar eine Menge verändert haben.

Treffen mit Mareike Walz (offizieller Titel „Kapitänin“), einer der Leiterinnen des Missionsteams, und Gregor Heidemann, der für die Spendenbetreuung zuständig ist. In den weitläufigen Räumen rumpeln Baumaschinen, Handwerker eilen herum. Die Fußböden liegen zum Teil frei, Kabel hängen von den Decken. Noch ist es kalt und ziemlich dunkel.

Café in Hamburg: Ein Haus für die Heilsarmee auf St. Pauli

Doch nicht mehr lange. Schon am 15. Dezember sollen die unteren Stockwerke neu eröffnet werden. Der erste und zweite Stock folgen in der Weihnachtszeit, die Fertigstellung der beiden oberen Stockwerke ist dann für den kommenden Februar geplant. Der Zeitplan scheint ehrgeizig, aber Walz und Heidemann sind zuversichtlich. „Wir glauben hier ja an Wunder“, scherzen sie, „und das schon seit vielen Jahren.“

Herzstück des Hauses wird dann der wohl schönste Raum sein: der große Saal mit Säulen und Kassettendecke im Hochparterre. Hier wird ein Café mit etwa 150 Plätzen eingerichtet, das dann auch für alle Interessierten zugänglich ist. Die innere Hemmschwelle, die viele hier empfunden haben mögen, wird fallen, ein Kiezbesuch mit Abstecher zur Heilsarmee künftig ungebremst möglich sein.

Haus der Heilsarmee: Hier entstehen auch Sozialwohnungen

Mareike Walz zeigt einige frisch verputzte Räume, in denen es bald wieder die „klassischen“ Angebote für Bedürftige geben wird, darunter eine Kleiderkammer, Duschen und eine Frisierecke. Ein ruhig gelegener Ort ist für die seelsorgerische Arbeit vorgesehen. Abgerundet werden die Arbeiten in den oberen Stockwerken: Dort entstehen öffentlich geförderte Sozialwohnungen.

Auch an der Talstraße ereignete sich das, was bei der Sanierung alter Gebäude häufig geschieht: Erhebliche Bauschäden wurden festgestellt, darunter an einigen Stellen Schwammbefall der Zwischendecken. Die ursprünglich auf 4,5 Millionen Euro bezifferte Bausumme musste daraufhin auf 5,5 Millionen Euro nach oben korrigiert werden. In einem der oberen Stockwerke mussten sogar zwei Außenwände neu aufgebaut werden – so stark waren die Schäden, die zum Teil noch aus der Kriegszeit herrührten.

Der markante Heilsarmee-Bau im Herzen von St. Pauli

Zum Glück wird das Projekt von zahlreichen Stiftungen und privaten Spenderinnen und Spendern mitgetragen. Unter anderem sind die „Zeit“-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und die Stiftung Denkmalpflege Hamburg mit im Boot. Eine sechsstellige Summe kommt von der Hermann Hinrich Reemtsma Stiftung, deren Geschäftsführer, Sebastian Giesen, beim Rundgang mit dabei ist. „Für uns ist es Ehrensache, hier finanziell mitzuhelfen“, sagt Giesen. Die Stiftung unterstützt kulturelle und soziale Projekte gleichermaßen – und beide Kriterien erfüllt der markante Heilsarmee-Bau im Herzen von St. Pauli nun schon sehr lange.

Er wurde von 1889 bis 1890 erbaut und war zunächst eine „Herberge zur Heimat(h)“. Diese Bezeichnung trugen einst unter christlicher Hausordnung stehende Hotels überall in Deutschland. Sie waren vor allem für Wandergesellen und Handwerksburschen gedacht, die dort unter anderem vor den Gefahren von Alkoholmissbrauch und Glücksspiel gewarnt und bewahrt wurden.

Heilsarmee kaufte 1922 das Gebäude auf St. Pauli

In seinen Lebenserinnerungen schreibt der Schriftsteller Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934), der 1901 auf Stellungssuche in Hamburg war: „Um Geld zu sparen, wohnte ich anfangs für 40 Pfennig pro Tag in der Herberge zur Heimat. Es ging dort recht unordentlich zu, sodass ich meine Briefe lieber postlagernd bestellte.“

Von 1904 an wurde in dem Haus unter wechselnden Eigentümern christliche Nächstenliebe praktiziert, unter anderem betrieb von 1920 bis 1922 der Prediger Robert E. Meyer vor Ort das „Missionshaus St. Pauli“. Die Heilsarmee kaufte den Bau 1922 und wirkt seitdem ununterbrochen auf St. Pauli.

Wie viele Menschen die Heilsarmee gerettet hat, lässt sich nicht beziffern

Besonders effektiv arbeitete sie nach dem Ersten Weltkrieg, weil die international aufgestellte Hilfsorganisation damals nicht, wie viele andere soziale Einrichtungen, mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hatte. Wie viele Menschen die Heilsarmee gerettet hat, lässt sich nicht beziffern. Es waren sicherlich Tausende.

„Seit mehr als 130 Jahren ist dieses eindrucksvolle Gebäude eine Anlaufstelle für Menschen in Not“, sagt Mareike Walz. „Mit der Sanierung möchte es die Heilsarmee erhalten und sozial orientiertes Wohnen und Arbeiten in innerstädtischer Lage ermöglichen.“ Der markante Bau ist aber auch ein Wahrzeichen von St. Pauli. Und nicht nur Insider sind sicher, dass er eine Seele hat.