Begräbnisstätte

Katakombe auf St. Pauli lädt heute ins Reich der Toten ein

In der Gruft liegen Gebeine von rund
350 Menschen

In der Gruft liegen Gebeine von rund 350 Menschen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das St. Pauli Museum und die Pfarrei St. Joseph bieten für jeweils 20 Besucher an zwei Tagen Führungen in die Gruft mit Gebeinen an.

Hamburg.  Der Stadtteil St. Pauli ist für viele Überraschungen gut. Was Touristen bisher nur in Italien oder Paris bestaunten, gibt es seit Kurzem auch hier: eine Katakombe mit einem „Ossuarium“, einer Gruft mit Gebeinen. Unter der Kirche St. Joseph wurde die Krypta mit dem Beinhaus 2015 mit großem Aufwand ausgestaltet und eröffnet. Jetzt haben Interessierte die seltene Gelegenheit, sie zu besichtigen: Am heutigen Mittwoch sowie noch einmal am 17. September bieten das St. Pauli Museum und die Pfarrei St. Joseph Führungen für jeweils 20 Besucher an.

Die Entdeckung liegt noch gar nicht lange zurück: „Erst vor zwei Jahren hat man im Keller der Kirche einen bis dahin zugemauerten Raum mit Knochen und Schädeln entdeckt“, sagt Jürgen Henke vom St. Pauli Museum. Sie stammten von rund 350 Menschen, die zwischen 1719 und 1868 in der Gruft bestattet worden waren. Mithilfe von Experten der „Forschungsstelle Gruft“ in Lübeck wurden die Gebeine geborgen. Den Archäologen eröffnete sich ein einmaliges Forschungsfeld norddeutscher Bestattungskultur. Gruft, Gebeine und andere Fundstücke erzählen viel von der Geschichte der Kirche und dem Kampf um Religionsfreiheit.

Erst 130 Jahre nach der Reformation, 1658, gewährte der dänische König Friedrich III. in Altona unbefristete Religionsfreiheit auch für Katholiken – davon zeugt der Straßenname Große Freiheit. Zuerst entstand hier eine katholische Kapelle, die 1713 abbrannte.

An der Stelle wurde 1718–23 die Barockkirche St. Joseph erbaut – mit einer Gruft, in der sich auch viele Gutbetuchte bestatten ließen. Ihre Namen und Sterbedaten sind in den alten Totenbüchern der Pfarrei dokumentiert, sagt Gemeindereferentin Evelyn Krepele. Zum Beispiel César Rainville und seine Frau Jeanne, die mit ihrem Gartenrestaurant „Rainville Terrassen“ Pariser Lebenskunst nach Altona brachten, der Maler Johann Joachim Faber (1778–1846), eine Hofdame und ein Kardinal. Bei einem Bombenangriff 1944 wurde St. Joseph halb zerstört, die Gruft teilweise geplündert. 1953 beim Wiederaufbau habe man sie geschlossen und vergessen, sagt Jürgen Henke.

Nach der Wiederentdeckung hatten die Archäologen und Restauratoren viel zu tun, um die Gruft wieder herzurichten. Erhaltene Grabbeigaben zeugen von Wohlstand, etwa Kruzifixe, Kämme, Spielzeug und Textilien, darunter Messgewänder eines Priesters. Einige der Schädel enthielten Stiftzähne aus Nilpferdzahn – im 18. Jahrhundert eine zahnmedizinische Sensation. Die Gebeine sind heute in einem kleinen Gewölbe hinter Glas dicht geordnet bestattet, über dem Eingang steht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Die Führungen beginnen im St. Pauli Museum zunächst mit einem wissenschaftlichen Vortrag. Nach einem Spaziergang zu St. Joseph können die Besucher anschließend die Krypta besichtigen. In Vitrinen sind die Grabfunde ausgestellt, eine illustrierte Zeitleiste informiert über die Geschichte der Katholiken auf St. Pauli.

Termine: 6. Juli, 19 Uhr, und 17. September,
14 Uhr. Beginn jeweils im St. Pauli Museum, Davidstr. 17, Tickets für 18/ erm. 16 Euro
an der Kasse. Anmeldung unter info@sankt-pauli-museum.de