St. Pauli

40 Jahre hinter Klostermauern und dann auf den Kiez

Schwester Egberta mit Helfer Gerd in der Kranken- und Sanitärstation am Nobistor

Schwester Egberta mit Helfer Gerd in der Kranken- und Sanitärstation am Nobistor

Foto: Irene Jung

Zum Abschied sprechen die Franziskaner-Schwestern über die Zeit im Obdachlosen-Projekt Alimaus auf St. Pauli – und über strenge Regeln.

St. Pauli. Leicht fällt ihnen der Abschied nicht. Vierzehn Jahre lang haben die Schwestern Borromäa und Henrike im Hilfsprojekt Alimaus am Nobistor sich um Obdachlose gekümmert, Schwester Egberta neun Jahre lang. Jetzt verlassen die drei Thuiner Franziskanerinnen den Kiez. Nach einem Abschiedsgottesdienst am 8. Juni in der Kirche St. Joseph an der Großen Freiheit kehren die Nonnen zurück ins Mutterhaus in Thuine (Emsland).

Seit das rote finnische Holzhaus der Alimaus am Nobistor 1999 eingeweiht wurde, haben immer wieder Schwestern verschiedener Orden hier geholfen. Die erste Thuiner Franziskanerin war Gerharda Rekers, die die Alimaus 2003 bis 2009 leitete, ihre Nachfolgerin war Sr. Clemensa Möller bis 2015. „Als Gerharda hier anfing, wollte sie nicht allein sein und hat uns geholt“, sagt Sr. Borromäa Willemborg. Bevor die heute 80-Jährige selbst 2002 nach St. Pauli kam, war sie Lehrerin am Jungeninternat in Thuine gewesen und hatte Physik, Chemie, Biologie und Religion unterrichtet.

Die Franziskanerinnen nahmen St. Paulis Kiez-Kosmos mit Humor

Anfangs lebten die Schwestern in einem Haus in der Paul-Roosen-Straße 39, in dem vorher ein Bordell gewesen war. Eine Stadtteilzeitung titelte: „Katholiken besetzen einen Puff“. In dem „ Don Alfonso“ genannten Haus wurden eine kleine Kapelle und die Kleiderkammer der Alimaus eingerichtet. Für die Schwestern war wenig Platz, jede hatte nur acht Quadratmeter für sich – Bett, Stuhl, Schrank. Aber die Stimmung war gut, sagt Sr. Borromäa. „Das ist doch urkomisch: 40 Jahre hinter Klostermauern und dann mitten auf dem Kiez! Sie glauben nicht, wie oft wir über die Situation gelacht haben. Mein Schlafzimmer war zur Straße hin, da konnte ich manchmal die Freier reden hören.“

Während Sr. Borromäa vor allem in der Kleiderkammer arbeitete, stand Sr. Henrike Feltel in der Küche der Alimaus. Die gelernte Wirtschafterin hatte schon in vielen Küchen gekocht: „Willst du dir die Welt ansehen, musst du in ein Kloster gehen, hieß es früher bei uns“, sagt sie. In der Alimaus leitete sie zahlreiche ehrenamtliche Helfer an, die täglich beim Kochen, Kaffeemachen und Broteschmieren mit anpacken. Die Lebensmittel spenden verschiedene Supermärkte. Täglich sind rund 300 Gäste zu ernähren, im Winter noch mehr - viel Arbeit für die 70-Jährige.

Der Wirkungskreis von Sr. Egberta Focke, 79, ist vor allem die Sanitärstation „Nobis bene“ am Nobistor 42, wo die Gäste auch duschen können. Die gelernte Krankenschwester, die Erfahrungen in Hospiz, Krankenhaus, Altenheim und Psychiatrie mitbrachte, bietet dort ambulante medizinische Hilfe an. „Fast alle Menschen, die auf der Straße leben, sind krank“, sagt sie. „Sie leiden an Haut- und Fußproblemen, viele haben Läuse, Krätze, Ungeziefer.“ Für viele ist Egberta längst „die gute Seele am Nobistor“.

Sechs Minuten duschen: Strenge Regeln für die Gäste

Aber auch eine, die streng sein kann. „Es muss hier auch Regeln geben“, sagt sie. Zum Beispiel beim Duschen: Jeder hat sechs Minuten, Dauerbelegung gibt’s nicht. Immer wieder sind die Nonnen aus dem frommen Emsland gefragt worden, wie sie auf St. Pauli den harten Kontrast zwischen Geistlichkeit und Rotlichtbezirk verkraften.

Sr. Borromäa lacht: „Ach, das war keine fremde Welt für mich. Ich bin Kriegskind und wusste, was Not ist. Auf dem Hof meiner Eltern war immer alles mit eingebunden und saß mit am Tisch, im Krieg Kriegsgefangene, später Flüchtlinge, Tippelbrüder und Landstreicher übernachteten in der Scheune. Auf St. Pauli ist es jetzt nicht anders.“ In der Alimaus kommen etliche Nationen zusammen, deutsche Frührentner ebenso wie afrikanische Flüchtlinge oder osteuropäische Leiharbeiter. „Viele unserer Gäste haben unverschuldet ihre Existenz verloren, oder sie haben nach vielen Jahren Arbeit in Deutschland daheim ihre Familie verloren, oder sie sie sind arm und krank“, sagt Sr. Borromäa. „Aber sie bewältigen ihr Leben mit einer Würde und Haltung, dass ich denke: Das sind für mich die wahren Helden.“

Alimaus-Leiter Triebel: Die Schwestern haben Spuren hinterlassen

Seit Wochen hört Holger Triebel, der Leiter der Alimaus, allseits Bedauern, dass die Schwestern gehen. „Dass sie uns verlassen, ist schon ein schmerzhafter Einschnitt, ich selber empfinde das auch“, sagt er. Eine gestandene Ordensschwester finde immer einen Draht zu der manchmal nicht einfachen Klientel. „Obdachlose gehören nun mal hierher und zu uns. Sie brauchen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Bei dieser Arbeit habe ich vor allem die Wärme, Menschengüte und den Humor der Schwestern schätzen gelernt. Es war eine besondere Zeit mit ihnen, sie haben hier tiefe Spuren hinterlassen.“

Ordensschwestern werde die Alimaus nicht wieder bekommen. Jetzt treten andere Ehrenamtliche in ihre Fußstapfen. „Es geht weiter im guten christlichen Sinn“, sagt Triebel. „Wir sind froh, dass wir so viele Unterstützer und Spender haben, die unsere Überzeugung teilen.“ Staatliche Unterstützung bekommt die Alimaus nicht.