Hamburg

Trauerfeier: Pastor will IS-Kämpfer nicht idealisieren

Pastor Sieghard Wilm in der St. Pauli Kirche. Dort will er gemeinsam mit einem Imam in einem Gottesdienst ein Zeichen gegen Gewalt setzen

Pastor Sieghard Wilm in der St. Pauli Kirche. Dort will er gemeinsam mit einem Imam in einem Gottesdienst ein Zeichen gegen Gewalt setzen

Foto: Michael Arning / HA

Die Trauerfeier für den IS-Anhänger Florent in der St.Pauli Kirche hat Pastor Wilm aus Hamburg Kritik und Zustimmung eingebracht.

Hamburg. Sieghard Wilm, 50, wurde in Bad Segeberg geboren, studierte in Hamburg, Heidelberg und Ghana Evangelische Theologie und Ethnologie. Seit 2002 ist er Pastor der St. Pauli Kirche in Hamburg, dabei auch verantwortlich für die Jugendsozialarbeit. 2013 machte Wilm bundesweit Schlagzeilen, als er die St. Pauli Kirche vorübergehend zur Notunterkunft für gestrandete Flüchtlinge aus Afrika erklärte..

An diesem Freitag ist in der Hamburger St. Pauli Kirche eine christlich-muslimische Trauerfeier für den Jungen geplant, der in der salafistischen Szene als „Bilal“ bekannt war. Florent wurde als Christ getauft, konvertierte mit 14 Jahren zum Islam. „Ich bin schon öfter kritisch angegangen worden, wie ein Pastor eine Trauerfeier für einen Terroristen machen könne“, berichtet Pastor Sieghard Wilm im Gespräch. Es habe aber auch Zuspruch gegeben.

Was sagen Sie Ihren Kritikern?

"Wir verweigern uns nicht dieser schwierigen Situation. Uns stehen als Menschen nicht die letzten Urteile zu, die stehen Gott alleine zu. Auch gedenken wir selbstverständlich aller Opfer von Terror und Gewalt. Ich kann Ihnen als Pastor auf St. Pauli sagen, dass ich auch schon mehrere Mörder zu Grabe getragen habe. Sie können keine Grenze ziehen. Ein Mensch bleibt ein Mensch. Auch ein Mensch, der sich verfehlt hat. Auch so ein Mensch hat Angehörige, die um ihn trauern. Die Mutter braucht die öffentliche Trauer, sie kann das nicht mit sich selbst abmachen im stillen Kämmerlein. Es gab aber auch Verständnis für diese Entscheidung, dass die Kirche einen geschützten Raum anbieten will für die Trauer der Familie und Freunde, und dass sie ein Lernort sein will für den Respekt der Religionen untereinander."

Besteht nicht die Gefahr, bei dem Gottesdienst ein zu schönes Bild dieses 17-Jährigen zu zeichnen, der für den IS in den Kampf ziehen wollte?

"Nein, er wird nicht idealisiert. Die ganze Gebrochenheit seines Lebens wird auch benannt. Es ist ein Irrweg, den er gegangen ist. Ich werde das aussprechen. Sein Leben von verschiedenen Seiten anzuschauen, muss möglich sein, auch bei jemandem wie Florent, der zum IS gegangen ist. Es ist ganz wichtig, in beide Richtungen nicht zu verfallen: Das Dämonisieren ist genauso unangemessen wie das Idealisieren."

Der Junge wurde christlich getauft, konvertierte mit 14 Jahren zum Islam. Wie wollen Sie damit bei dem Totengedenken umgehen?

"Die Familie ist christlich, legt darauf auch Wert und kann im christlichen Gott Trost finden. Nach christlicher Auffassung bleibt ein Mensch, der getauft wurde, mit Gott verbunden - auch wenn er Dinge tut, die Gott nicht mag. Gottes Treue gilt auch, wenn wir als Menschen untreu sind. Ich ignoriere dabei nicht, dass der Junge selbst den Weg in den Islam gegangen ist, aus diesem Grunde nehme ich den Imam Abu Ahmed Jakobi dazu, der mein volles Vertrauen genießt. Er wird im selben Sinne wie ich sagen, dass wir an einen Gott des Friedens glauben. Wir wollen das Zeichen setzen: Gewalt darf mit Religion nichts zu tun haben. Natürlich hoffen wir auch, dass wir für alle Jugendlichen eine Warnung aussprechen."

Welche Bedeutung hat die Audiodatei, die Florent kurz vor seinem Tod verschickte, für seine Familie?

"Es ist ein Trost für die Mutter, dass es diese Audiodatei gibt. Sie gibt darüber Auskunft, dass Florent bereut hat. Er hat erkannt, dass er einen Irrweg gegangen ist, er kritisiert den Salafismus, ohne als Kämpfer ausgebildet worden zu sein. Es deutet sehr viel darauf hin, dass er vom IS selbst umgebracht wurde, weil er eben kritisch war. Es gibt einige junge Menschen, die deutlich gewarnt worden sind durch dieses traurige Schicksal."

Wie haben Sie Florent kennengelernt?

"Ich kenne Florent aus unserem Stadtteil, in dem wir Jugendsozialarbeit machen. Als ich ihn das erste Mal traf, war er elf Jahre alt, er war ein Freund unseres damaligen türkischen Pflegesohns. Ich kenne Florent als einen sehr fröhlichen, lebenslustigen Jungen. Er war eines der Kinder, das unsere Angebote sehr angenommen hat. Ob Theater oder Kletteraktion, überall war er mit dabei."

Haben Sie mitbekommen, wie sich Florent immer stärker radikalisierte?

"Verändert hat er sich sehr deutlich, als er 14 Jahre alt wurde. Plötzlich trug er gerne weiße Schlabberkleidung. Sehr einschneidend war natürlich die Ankündigung: „Ich heiße nicht mehr Florent, ich heiße Bilal“. Es gab auch eine Problemanzeige in der Schule. Denn es gab einige Jungs, die sich so radikalisierten, und anfingen, Mädchen, die kein Kopftuch trugen, zu beschimpfen. Mit Florent wurden mehrere Gespräche geführt. Er hatte dann eine Phase, in der er sich unauffällig kleidete. Ob das einfach nur eine Anpassung war, überlegt man natürlich im Nachhinein."

Hatten Sie weiterhin Kontakt zu ihm?

"In dem Moment, in dem die Jugendlichen in der Salafisten-Szene waren, war es klar, dass sie nicht mehr in das Jugendhaus durften. Denn es ist ja ein Ort, an dem sich Jungs und Mädchen treffen - und das ist aus Sicht der Salafisten verboten. Ich habe Florent nie mehr alleine auf der Straße gesehen, sondern immer in der Gruppe. Die passen alle gegenseitig aufeinander auf. Wenn wir uns in der Fußgängerzone gesehen haben, gab es immer einen kurzen Austausch von Höflichkeiten. Aber es war klar, dass er sich von mir und seinem früheren sozialen Umfeld entfremdet hatte. Man kam nicht mehr an ihn heran."