St. Georg

Leiche in Restaurant einbetoniert – es ging um Schutzgeld

Koch des Restaurants Casa Alfredo in St. Georg soll mutmaßlichen Erpresser Ercan D. getötet haben. Staatsanwaltschaft erhebt Anklage.

Hamburg. Als die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Schutzgelderpressers Ercan D. entdeckte, lag sie bereits seit sieben Wochen in dem italienischen Restaurant an der Kirchenallee, einbetoniert im Boden unter dem Abstellraum, direkt hinter der Küche und nur wenige Meter entfernt von den Tischen, an denen die Gäste ahnungslos gesessen und gegessen hatten. Der Mann, der Ercan D. getötet und im Boden vergraben hatte, war Alfredo M. S. – ausgerechnet der bei den Gästen für sein witziges und herzliches Auftreten äußerst beliebte Koch des Casa Alfredo. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Anklage wegen Totschlags gegen den 51-Jährigen erhoben.

Jahrelang Schutzgeld erpresst?

Jahrelang soll Ercan D., Spitzname „CinCin“, Schutzgeld in „erheblicher Höhe“ von dem Koch erpresst haben, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach, auf Abendblatt-Anfrage. Am 30. September, gegen 23.15 Uhr, soll Ercan D., 49, das Restaurant betreten und erneut Geld von dem 51-Jährigen verlangt haben. Um seine Forderung zu unterstreichen, legte er laut Anklage eine Pistole auf den Tisch. Offenbar geriet Alfredo M. S. an jenem Abend über den dreisten Erpressungsversuch derart in Rage, dass er sich die Waffe schnappte und aus „nächster Distanz“ einen Schuss auf Ercan D. abgab. Wie die Obduktion ergab, wurde unter anderem das Halsmark von Ercan D. durchtrennt. Die Leiche ließ Alfredo M.S. in einem bei Sanierungsarbeiten bereits ausgehobenen Erdloch im Abstellraum verschwinden. Danach schüttete er die Grube zu.

Angehörige hatten Ercan D. vermisst gemeldet

Angehörige des in Hummelsbüttel gemeldeten Ercan D. hatten den 49-Jährigen Ende September als vermisst gemeldet. Weil der Mann zuletzt lebend in dem Restaurant an der Kirchenallee gesehen worden war, hängten sie überall in St. Georg Suchplakate mit einem Bild von Ercan D. Auf. Zunächst hatte die Polizei den Fall als reinen Vermisstenfall behandelt. Doch weil die Angehörigen nicht locker ließen und darauf beharrten, dass sich „CinCin“ nicht einfach so aus dem Staub machen würde, übernahm die Mordkommission den Fall. Zudem ließ die kriminelle Vorgeschichte des Mannes, gegen den bereits unter anderem wegen einer Raubtat ermittelt worden war, die Beamten aufhorchen: Ercan D. saß schon einmal wegen Schutzgelderpressung in U-Haft.

Casa Alfredo kam als Tatort in Betracht

Das Restaurant an der Kirchenallee war zwar der letzte bekannte Aufenthaltsort von Ercan D. und kam somit als potenzieller Tatort in Betracht. Den entscheidenden Hinweis lieferte Alfredo M. S. jedoch selbst, indem er auf Facebook schrieb: „Neuer Boden im Casa! Kommt und überzeugt Euch selbst. Eure Füße werden begeistert sein“. Die Ermittler, die den Eintrag ebenfalls lasen, zählten Eins und Eins zusammen – und ließen am 18. November den Boden des Restaurants aufstemmen. Zuvor hatten dort Leichen- und Blutspürhunde angeschlagen. Schicht für Schicht trugen Bereitschaftspolizisten mit Schaufeln und Hacken den zerbröselten Beton ab, bis sie nach stundenlanger Suche auf die bäuchlings, in mehr als 30 Zentimeter Tiefe vergrabene Leiche von Ercan D. stießen. Noch am Tatort wurde Alfredo M. S. festgenommen. Während seiner Vernehmung im Polizeipräsidium gestand der 51-Jährige den Ermittlern die Tat.

Koch Alfredo wartet in der U-Haft auf den Prozess

Im Souterrain eines schmucken Altbaus gegenüber der Dreieinigkeitskirche in St. Georg hatte das Casa Alfredo 2011 eröffnet. Nicht nur die Kochkünste von Alfredo M. S., der lange in Italien und Frankreich gelebt hatte und als Spezialist für die mediterrane Küche galt, waren bei den Gästen hochgeschätzt. Sie wussten auch die Anekdoten des sympathischen Küchenchefs zu schätzen, wie aus zahlreichen Kommentaren auf Internet-Bewertungsplattformen hervorgeht. Kurz nach der Tat war das Restaurant dauerhaft geschlossen worden. Alfredo M. S. wartet nun in der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis auf den Beginn seines Prozesses. Ein Termin steht noch nicht fest.