Berufsschule

Nach sexuellen Übergriffen soll Polizeipräsenz hoch bleiben

Die Schülerinnen der Staatlichen Schule Gesundheitspflege W4 sollen nur noch in Gruppen zum S-Bahnhof gehen

Die Schülerinnen der Staatlichen Schule Gesundheitspflege W4 sollen nur noch in Gruppen zum S-Bahnhof gehen

Foto: Zand-Vakili

Schülerinnen an Wilhelmsburger Berufsschule fühlen sich seit Monaten durch Männergruppen belästigt. Schon acht Anzeigen.

Hamburg.  Es ist ein etwa 250 Meter langer, von Bäumen gesäumter Weg, der von der Schule direkt unter den Fenstern der Behörde für Stadtentwicklung vorbei zum S-Bahnhof führt. Für die fast 2000 Schülerinnen, die die Staatliche Schule Gesundheitspflege W4 besuchen, um Arzt-, Zahnarzt- oder Tierarzthelferin zu werden, ist der Gang dort entlang zum Spießrutenlauf geworden – hier sollen einige von ihnen sexuell belästigt worden sein. „Wir sollen nur noch in Gruppen gehen“, sagt eine junge Frau, die Freitagmittag mit vier Mitschülerinnen auf dem Weg zum S-Bahnhof ist. Tatsächlich sind es fast nur kleine Grüppchen, die sich von der Schule weg bewegen. Ihr selbst, so sagt sie, sei bislang nichts passiert. Fälle kenne sie aber genug, auch in einer Facebook-Gruppe seien die Taten Thema. Eine andere Schülerin hat bereits Erfahrungen mit den Tätern machen müssen. „Es war nur ekelhaft“, sagt sie. Sie habe sehen müssen, was sie nicht habe sehen wollen, sei bepöbelt und beleidigt worden.

In der kommenden Woche soll die Polizeipräsenz weiter hoch bleiben

Acht Anzeigen wegen sexueller Belästigung liegen bislang vor – es könnten aber noch deutlich mehr werden, denn die Ermittler konnten bisher nur einen kleinen Teil der Schülerinnen befragen. Die Polizei reagiert nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht auf dem Kiez und am Jungfernstieg auf den weiteren Brennpunkt dieser Form und hat am Donnerstag zusätzliche Beamte zur Schule an der Dratelnstraße beordert. In der kommenden Woche sollen weitere Einsätze folgen. Ein Schwerpunkt der Ermittlungen der Polizei geht in Richtung der nahen Zentralen Erstaufnahme, wo 1400 Menschen untergebracht sind.

Sexuelle Belästigungen im Umfeld von Flüchtlingsheimen sind für die Hamburger Schulbehörde ein neues Phänomen. Abgesehen von einem Übergriff am Gymnasium Ohlstedt vor zwei Wochen, als ein zehn Jahre altes Mädchen von einem Mann aus Somalia geküsst wurde, habe es bisher keinerlei Vorfälle an Hamburger Schulen gegeben, sagte Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Am Freitag seien in der Schule an der Dratelnstraße „alle Klassen von den Lehrerin informiert, alle Schüler entsprechend sensibilisiert“ worden. Zudem seien an der Schule Experten der Beratungsstelle Gewaltprävention eingesetzt. Sie sollen beraten und den überwiegend erwachsenen Schülerinnen für Gespräche zur Verfügung stehen.

In der Pause vor dem Gebäude, wo die Schülerinnen in Gruppen zusammen rauchen und Pausenbrote essen, sind die Vorfälle und das Schreiben, das eben die Lehrerin in der Klasse vorgelesen hat, Thema. In den Schreiben hieß es, dass die Schülerinnen jede Form von Übergriffen sofort der Polizei melden sollen.

Die jungen Frauen sprechen darüber, wie sie auf den paar Metern bis zur S-Bahn beleidigt und belästigt worden. Meist sei es zwar bei Worten geblieben, sagt eine Schülerin. Aber für Unwohlsein reiche auch das. Sie beschreibt es so: „Man hat einfach das Gefühl, dass die einen mit ihren Blicken ausziehen.“ Auch das sei sexuelle Belästigung, auch das gehe zu weit. Dass jetzt einige Schüler die Vorfälle bei der Polizei gemeldet haben, findet sie richtig. „Das geht ja schon seit Monaten so“, sagt sie. Eine Mitschülerin erzählt: „Es gibt einfach zu viele hier, die glauben, dass alle Frauen, die keine Burka tragen, Schlampen sind.“ Woher die Männer kommen, sei ihr völlig egal. „Meine Eltern und viele meiner Bekannte kommen auch aus Afghanistan und benehmen sich hier. Das erwarte ich von allen.“

Mehr als 220 Anzeigen nach Übergriffen auf dem Kiez

Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), ist angesichts der Vorfälle alarmiert: „Die Entwicklung ist besorgniserregend“, sagt er. „Hier kommt ein ganzes Deliktsfeld immer offener zutage, das uns absehbar noch lange beschäftigen wird. Es dürfte auch nicht die letzte Schule sein, an der solche Fälle bekannt werden.“ Maßnahmen der Polizei seien allerdings nur in einem gewissen Umfang möglich, da deren Kräfte begrenzt seien.

Seit den Übergriffen an Silvester ist die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Belästigung auf dem Kiez dramatisch gestiegen. Inzwischen sind mehr als 220 Anzeigen bei der Hamburger Polizei eingegangen. Acht Männer sind bisher als Tatverdächtige identifiziert worden. Zwei Afghanen, 29 und 24, sind am Mittwoch festgenommen worden, weil sie eine 18-Jährige auf der Großen Freiheit in der Silversternacht sexuell genötigt haben sollen. Der Jüngere ist wieder auf freiem Fuß, gilt aber weiter als tatverdächtig.