Übergriffe an Silvester

Polizei sucht im Internet nach Hinweisen auf Absprachen

In der Silvesternacht soll es auf der Großen Freiheit zu mehreren sexuellen Übergriffen auf junge Frauen gekommen sein (Archiv)

In der Silvesternacht soll es auf der Großen Freiheit zu mehreren sexuellen Übergriffen auf junge Frauen gekommen sein (Archiv)

Foto: dpa / picture alliance

An Silvester wurden mehrere junge Frauen in Hamburg und Köln sexuell attackiert und teilweise ausgeraubt. Koordinierte Aktionen?

Hamburg. Die Dimension der sexuellen Übergriffe auf junge Frauen in der Silvesternacht an der Hamburger Reeperbahn weitet sich aus: Bis zum Dienstagnachmittag sind beim Landeskriminalamt 27 Strafanzeigen eingegangen wonach Frauen sexuell belästigt wurden. Von diesen Fällen sind zehn Taten nach jetzigem Ermittlungsstand ausschließlich als sexuelle Belästigung zu werten, in 17 Fällen wurden den Opfern zusätzlich Geldbörse, Papiere, Bargeld bzw. das Handy gestohlen.

Mittlerweile liegen noch etwa 50 Hinweise vor, die ausgewertet werden. Zeugen, aber insbesondere auch mögliche Opfer werden weiterhin gebeten, sich bei der Polizei unter der Rufnummer 4286-56789 zu melden.

Polizei fahndet in sozialen Netzwerken

Um die genauen Hintergründe der sexuellen Übergriffe auf junge Frauen in Hamburg und Köln aufzuklären, stehen die Ermittler beider Städte im direkten Austausch. Der Hamburger Polizeisprecher Jörg Schröder sagt: „Wir sehen auch die Auffälligkeit, dass es zeitgleich in zwei Städten zu sehr ähnlichen und eher außergewöhnlichen Taten gekommen ist.“

Eine wichtige Frage ist auch, ob es vor den Übergriffen Absprachen unter den Tätern gab. Polizeisprecher Schröder: „Wir suchen unter anderem in den sozialen Netzwerken nach entsprechenden Aufrufen.“ Laut Schröder werden in Köln bereits Handyfotos und Videos ausgewertet, die Zeugen den Beamten zur Verfügung gestellt haben. „Wir fangen nun auch damit an“, sagt er und bittet Hamburger und Touristen, die in der Silvesternacht im Bereich der Reeperbahn gefeiert haben, Fotos und Videos gemacht haben, sich bei der Polizei zu melden. Auch Menschen, die in den sozialen Netzwerken entsprechende Aufrufe finden, werden gebeten, sich bei den Hamburger Ermittlern zu melden.

Die Opfer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren seien jeweils von mehreren Männern im Bereich Reeperbahn und Große Freiheit umringt und an den Brüsten oder im Intimbereich angefasst worden. Ähnliche Vorfälle gab es nach Berichten von Betroffenen auch bei der Silvesterparty am Jungfernstieg.

"Es war wie in einem Alptraum"

Eine junge Frau, die berichtet, die Übergriffe in der Silvesternacht am eigenen Leib erlebt zu haben, schildert dem Abendblatt das Erlebte wie folgt: „Zwei Freundinnen und ich haben um Mitternacht im Shooters auf der Großen Freiheit ins neue Jahr gefeiert.“ Gegen 1.30 Uhr wollte das Trio weiter auf den Hans-Albers-Platz. An der Großen Freiheit seien sie jedoch plötzlich von etlichen Ausländern umgeben gewesen. „Wir dachten uns erst nichts dabei, bis der erste unter unsere Röcke gegriffen hat.“ Daraufhin hätten die drei Frauen versucht, der Situation zu entgehen und sich den Weg durch das dichte Gedränge zu bahnen. Immer wieder hätten die Männer sie jedoch zwischen den Beinen oder am Gesäß berührt und versucht, ihnen die Handtaschen zu entreißen. „Es war wie in einem Alptraum, da man aus dieser Gruppe nicht raus kam“, so die junge Frau. „So etwas wünscht man niemanden.“

Polizeigewerkschaftschef: Taten sind widerwärtig

Politik und Polizeigewerkschaften zeigten sich von den Übergriffen entsetzt. Der Hamburger Landeschef der deutschen Polizeigewerkschaft, Joachim Lenders, bezeichnete die Taten als „widerwärtig“. „Es geht nicht an, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen Frauen behandeln wie Freiwild. Diese Täter müssen mit aller Härte des Gesetzes verfolgt werden.“, sagte Lenders. Ähnlich äußerte sich der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete und Innenexperte Dennis Gladiator. „Wenn diese Form systematischer sexueller Gewalt und Übergriffe gegen Frauen Ausdruck anderer kultureller oder religiöser Wertvorstellungen sein sollte, muss es Aufgabe von Politik, Gesellschaft und Sicherheitsbehörden sein, diesem Treiben mit einer Null-Toleranz-Strategie zu begegnen und unmissverständlich deutlich zu machen, dass Mädchen und Frauen in unserer Gesellschaft in jeder Hinsicht gleichberechtigt sind und ihre Würde zu achten ist."

Auch die BBC berichtet über die Vorfälle

Die Übergriffe auf zahlreiche Frauen in Köln und Hamburg bekommen auch im Ausland Aufmerksamkeit. Der britische Sender BBC berichtete am Dienstag auf seiner Webseite über das Geschehen. „Das Ausmaß der Angriffe auf Frauen am Hauptbahnhof der Stadt hat Deutschland schockiert“, hieß es über den Kölner Fall. Besonders beunruhigend sei, dass die Attacken organisiert erschienen. „Ein Politiker sagt, es handelt sich lediglich um die Spitze eines Eisbergs.“ Zugleich wies der Sender auf eine weitere Sorge hin: Was passiert an Karneval in der Domstadt?

Ermittler suchen nach weiteren Zeugen

Dass das Ausmaß der Vorfälle erst jetzt bekannt wurde, erklärt die Polizei damit, dass die Anzeigen an unterschiedlichen Wachen eingegangen seien. In der Silvesternacht selbst sei nur eine Anzeige über eine sexuelle Belästigung bei der für den Kiez zuständigen Davidwache eingegangen, sagte Polizeisprecher Holger Vehren. In den Tagen danach seien auch anderen Hamburger Polizeikommissariaten Anzeigen erstattet worden.

„Dass es sich hier um ein Phänomen handelt, ist erst am Montagabend deutlich geworden“, so Vehren. Zwar ließen sich Gemeinsamkeiten mit Köln feststellen, doch hätten sich die sexuellen Übergriffe auf dem Kiez bei weitem nicht auf dem Niveau wie in der Domstadt abgespielt. Dort war es laut Polizei sogar zu einer Vergewaltigung gekommen. Die jungen Frauen in Hamburg sind nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen im dichten Gedränge auf dem Kiez angegangen worden. Ob sie wie in Köln regelrecht „eingekesselt“ wurden, ist noch unklar.

Bis zu 20 Männer bedrängten Frauen

Zudem weichen die Zeugenaussagen voneinander ab. Mal sei von Gruppen in einer Stärke von fünf bis sechs Personen, mal von bis zu 20 Personen die Rede. In allen Fällen berichteten die Betroffenen, dass es sich bei den Tätern um Menschen mit „südländischem oder arabischem Aussehen“ handeln soll. Wie die Opfer der Polizei berichteten, seien sie im Intimbereich, am Po, im Schritt und am Busen berührt und auch unflätig beleidigt worden. „Wir gehen davon aus, dass die Täter die Frauen mit den sexuellen Übergriffen ablenken wollten, um ein Vermögensdelikt zu begehen“, so Vehren weiter.

Den Frauen seien Portemonnaies, Papiere, Bargeld und/oder Smartphones abgenommen worden, so Vehren weiter. Ähnliche Vorfälle haben sich am Wochenende zwar nicht wiederholt. Nach Abendblatt-Informationen führt die Polizei seit dem Wochenende niedrigschwellige Kontrollen von relevanten Tätergruppierungen durch.

Jetzt sucht die Polizei nach weiteren Zeugen. Es gehe um Delikte im Bereich der sexuellen Beleidigung sowie Raub und räuberischer Diebstahl. Die Täter sollen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gewesen sein. Die Ermittler hoffen auch auf Handyfotos, die in der Tatzeit zwischen 1 und 3 Uhr am Neujahrsmorgen auf der Reeperbahn gemacht wurden. Auch am Jungfernstieg soll es vor einer Bühne kurz vor Mitternacht zu ähnlichen Vorfällen gekommen sein. Das sagen Betroffene gegenüber dem Hamburger Abendblatt. Eine Anzeige wurde nicht erstattet.

90 Strafanzeigen in Köln

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln tappt die Polizei bei der Suche nach Tätern noch weitgehend im Dunklen. Der Polizeipräsident der Stadt, Wolfgang Albers, sagte am Dienstag auf einer Pressekonferenz: „Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über Täter.“ Und Kölns Oberbürgermeisterin stellte klar: „Es gibt keinen Hinweis, dass es sich um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben“, sagte Henriette Reker (parteilos).

Dutzende Frauen sollen in der Silvesternacht auf dem Bahnhofsvorplatz der Stadt aus einer Gruppe von etwa tausend Männern heraus angegriffen worden sein. Die Polizei hatte von Sexualdelikten in massiver Form und von einer Vergewaltigung gesprochen. „Es gibt keine tausend Täter“, stellte Albers klar. Es habe eine Ansammlung von Menschen gegeben, aus der heraus Straftaten begangen worden seien. Zum jetzigen Zeitpunkt könne er noch keine Zahl von Tätern oder Tatverdächtigen nennen.

Polizeichef: „Wir waren ordentlich aufgestellt“

Albers wies Kritik am Einsatz der Polizei zurück. Es seien ausreichend Kräfte auf dem Bahnhofsvorplatz vor dem Dom gewesen: „Wir waren an dem Abend ordentlich aufgestellt.“ Die Beamten hätten zwar schon in der Silvesternacht von Übergriffen Kenntnis bekommen. Der volle Umfang – insbesondere der sexuellen Übergriffe – sei allerdings erst am nächsten Tag klar geworden. „Es hat auf der Leitstelle in der Nacht drei konkrete Notrufe zu dem Sachverhalt gegeben.“ Bislang gebe es 90 Strafanzeigen. Er rechne damit, dass es mehr werden, sagte Albers.

Gleichzeitig räumte Albers allerdings Fehler bei der Darstellung der Vorkommnisse gegenüber der Öffentlichkeit ein. In einer Pressemitteilung hatte die Polizei die Einsatzlage in der Silvesternacht als entspannt beschrieben. „Diese erste Auskunft war falsch“, musste der Polizeipräsident nun zugeben.

Laschet: Kölner Polizei hat völlig versagt

Aus Sicht von CDU-Bundes-Vize Armin Laschet hat die Kölner Polizeiführung beim Krisenmanagement in der Silvesternacht völlig versagt. Nach den spektakulären Hooligan-Krawallen vom Oktober 2014, bei denen rund 50 Polizisten verletzt worden waren, offenbarten sich in Köln nun erneut „eklatante Missstände bei der Inneren Sicherheit“. Laschet sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Während die bayerische Polizei erfolgreich dem Terror trotzt, ist die NRW-Polizei in Köln nicht in der Lage, Frauen vor serienweisen sexuellen Übergriffen im Zentrum der größten Stadt des Landes zu schützen“, so Laschet, der auch Landesvorsitzender der CDU in NRW ist.

Der Staat dürfe „No-Go-Areas“ und rechtsfreie Räume nicht dulden. Aber die Kölner Polizeispitze handle wie immer: „Täuschung der Öffentlichkeit über eine angeblich friedliche Silvesternacht durch die Behauptung, sie habe alles im Griff gehabt.“

„Wir wollen keine unkontrollierbaren Orte“

Als Konsequenz aus den Übergriffen will die Stadt Köln ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen verschärfen. Stadt und Polizei hätten Maßnahmen entwickelt, „die dazu führen sollen, dass es solche Vorfälle hier nie wieder gibt“, sagte Oberbürgermeisterin Reker. Frauen und Mädchen müssten ohne jedes Unsicherheitsgefühl in der Domstadt Karneval feiern können: „Wir wollen hier keine unkontrollierbaren Orte in Köln.“ Es müsse eine Stadt bleiben, „in der jeder auch feiern kann“.

Und Polizeichef Albers kündigte mit Blick auf Karneval an: „Nun werden wir deutlich die Präsenz erhöhen.“ Die Polizei werde sowohl uniformierte als auch zivile Kräfte einsetzen und mobile Videoanlagen einrichten.

Merkel: "Widerwärtige Übergiffe"

Nach den massiven Überfällen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht haben Politiker parteiübergreifend ein konsequentes Durchgreifen der Behörden gefordert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte nach Angaben eines Regierungssprechers in einem Telefonat mit der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Dienstag "ihre Empörung über diese widerwärtigen Übergriffe und sexuellen Attacken aus", die nach einer harten Antwort des Rechtsstaats verlangten. Es müsse alles daran gesetzt werden, die Schuldigen so schnell und so vollständig wie möglich zu ermitteln und ohne Ansehen ihrer Herkunft oder ihres Hintergrundes zu bestrafen. Zeugen zufolge sahen die Verdächtigen nordafrikanisch und arabisch aus. Am Abend demonstrierten etwa 150 Menschen vor dem Kölner Dom gegen Gewalt gegen Frauen.