Hamburg

Auf dem Hansaplatz in St. Georg regiert die Angst

Der Hansaplatz

Der Hansaplatz

Foto: HA

Drogen, offene Gewalt, Prostitution: Der Hansaplatz bleibt krimineller Brennpunkt. Auch ein Abendblatt-Reporter wurde bedroht.

St. Georg. Auf den ersten Blick ist am Mittwochmorgen die Welt am Hansaplatz noch in Ordnung: Marktstände gruppieren sich um den mächtigen alten Brunnen, Händler bieten frisches Obst und Gemüse an. Gegenüber findet man handgeknüpfte Teppiche und Blumen. Aus einem alten Citroën heraus werden mediterrane Öle und Antipasti angeboten. Tische und Stühle sind ebenfalls aufgebaut: ein improvisiertes Marktcafe. Fast könnte man denken, an einem der gefährlichsten Plätze der Stadt sei Ruhe eingekehrt, aber der Schein trügt.

Mit dem Markttag soll ein altes Problem zumindest an einem Wochentag gelindert werden. Seit den 80er-Jahren ist der Hansaplatz fest in der Hand von Drogenabhängigen, Alkoholikern und Kriminellen. Unzählige Aufwertungsversuche liefen bislang ins Leere. Auch die Einrichtung eines sogenannten Gefahrengebietes mit verstärkten Polizeikontrollen brachte keine Besserung.

Seit einem Monat kommen nun die Händler, immer mittwochs. Parallel dazu sucht das Forum Hansaplatz, in dem Polizei, Anwohner, Händler und Vertreter des Bezirks vertreten sind, nach weiteren praktikablen Vorschlägen. „Die Maßnahmen von allen Beteiligten sollen besser vernetzt werden“, sagt Bezirksamtssprecherin Sorina Weiland. Am 18. Juni ist die Verabschiedung neuer Maßnahmen in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte geplant. Und somit auch die Klärung der Frage, wer die Macht auf dem Hansaplatz hat.

Auf dem Hansaplatz ist jetzt mittwochs Markt
Auf dem Hansaplatz ist jetzt mittwochs Markt
Video: Hamburg 1

Denn auch wer den Hansaplatz mittwochs betritt, wird schnell Zeuge der zunehmenden Verwahrlosung. Der opulente Brunnen, erst vor wenigen Jahren aufwendig und für sehr viel Geld restauriert, ist nach wie vor außer Betrieb. Obdachlose, Drogenabhängige, Trinker und Dealer sitzen schon mittags um 12 Uhr am Rand auf den schmutzigen Treppenstufen.

Probleme mit Wildpinklern

Das Einzige, was hier in rauen Mengen läuft, ist Alkohol. Und Urin. „Schauen Sie sich das an!“ sagt ein Händler, als ein Mann direkt vor seinen Augen mitten auf dem Markt die Hose herunterlässt und an den Brunnen pinkelt. Dabei ist das öffentliche Pissoir nur wenige Meter entfernt. „Die urinieren auch an die Planen unserer Verkaufsstände.“

Zur selben Zeit torkelt ein junger Mann orientierungslos über den Platz. Er hat Mühe, sich auf den Beinen zu halten und muss sich mehrmals übergeben. Vom Obsthändler bekommt der Gestrandete eine Banane geschenkt. Mit der unmissverständlichen Bitte, jetzt aber doch bitte weiterzugehen.

Im Marktcafé, direkt gegenüber des Brunnens, der längst keiner mehr ist, herrscht gähnende Leere. Wer will sich diesen Anblick schon freiwillig antun? Stattdessen kreisen ein paar Schritte entfernt die Flaschen. Eine Prostituierte steht neben dem Gelage, pöbelt einen Mann an, der ein Foto schießen will.

Die Anzahl der Kunden an den Marktständen ist ebenfalls überschaubar. „Der Markt wird von den Anwohnern gut angenommen“, sagt Händler Stefan Schneider. Den Markt gebe es ja erst zum fünften Mal. Das brauche Zeit.

„Wir sind total überrascht, was hier in der Gegend los ist“, sagt Ulrike Nelsen aus Hildesheim, die mit ihrem Mann zum Konzertbesuch der Gruppe KISS in die Stadt gekommen war. „Wir sind immer mal wieder hier in Hamburg. Aber diese Leute hier in der Gegend machen uns Angst.“ Man müsste viel stärker am Hansaplatz kontrollieren, sagt Ulrike Nelsen.

Polizei geht auf Zivilstreife

Die Polizei ist allerdings vor Ort – auch wenn man sie auf den ersten Blick nicht sieht. „Wir zeigen Präsenz in Uniform und in Zivil. Wir haben die Präsenz sogar deutlich erhöht“, sagt Andreas Nieberding, Revierleiter vom Kommissariat in St. Georg. Man könne allerdings nicht ständig überwachen. Dennoch gebe es auch Erfolge gegen die Kriminalität. „Allein am Mittwoch haben wir seit 15 Uhr bis in die späte Nacht 50 Personen überprüft und Platzverweise erteilt“, sagt der Polizist.

Nach Abendblatt-Informationen gab es am Hansaplatz und Umgebung von September 2014 bis Mai 2015 rund 1000 Personenüberprüfungen wegen Rauschgiftkriminalität. 232 Platzverweise und 545 Aufenthaltsverbote wurden erteilt.

Gegen die herumlungernden Trunkenbolde kann die Polizei kaum vorgehen. Alkohol trinken sei in der Öffentlichkeit erlaubt, die Beamten müssten erst eine Straftat abwarten, sagte Nieberding in der letzten Sitzung des Forums Hansaplatz. Zurzeit würden wegen des schönen Wetters allerdings wieder verstärkt Gewaltdelikte registriert werden: Vor wenigen Tagen erst wurde ein 63- jahre alter Mann Opfer eines Straßenraubs, eine Messerstecherei zwischen Jugendlichen ist ebenfalls noch nicht lange her. Auch Prostitution spielt nach wie vor eine große Rolle, obwohl sie am Hansaplatz verboten ist. Kürzlich wurde ein Mann von der Polizei gefasst, der Prostituierte wiederholt am Hansaplatz abholte und anschließend mutmaßlich vergewaltigte.

Reporter wird massiv bedrängt

Und dann passiert es. Ein Abendblatt-Reporter, der ein Foto machen will, wird von einem alkoholisierten Mann massiv bedrängt. „Gib mir alles, was du hast. Ich habe eine Pistole. Willst Du sterben?“ droht der Mann in aggressivem Ton und greift in seine Jacke. Dem Reporter gelingt es, durch Hilferufe ein Touristen-Ehepaar auf den Überfall aufmerksam zu machen. Die glauben zunächst an einen Scherz, erkennen dann aber die gefährliche Situation und alarmieren per Notruf die Polizei. Der Reporter rettet sich durch einen Sprung in einen Tabakladen. Der Straßenräuber entkommt unerkannt.

„Das wirkliche Problem sind die Leute, die hier rumlungern“, gibt ein Händler später zu. „Die sitzen in den Hauseingängen und pöbeln die Leute an. Sie schreien. Sie urinieren an den Brunnen. Das verschreckt die Kunden. Viele haben Angst, ihr Portemonnaie zu zücken.“

Zumindest damit hat ein Anwohner aus der Alstertwiete, der gerade Kirschen gekauft hat, keine Probleme. Dass es alles andere als rund läuft, ist auch ihm nicht entgangen. „Man löst das Problem aber nicht, indem man die Leute verscheucht“, sagt er. „Irgendwo müssen sie ja sein. (HA)