Neustadt

Ein Stück England in einer Hamburger Kirche

Schon seit mehr als vier Jahrhunderten ist das Anglikanische Gotteshaus St. Thomas Becket Heimat der englischsprachigen Gemeinde. Neben den Gottesdiensten wird auch ein buntes Programm organisiert.

Hamburg. Diese Kirche hat keinen Turm und keine Glocke, dafür umso mehr Seele, Charakter und Geschichte. Tausende Hamburger Autofahrer befahren Tag für Tag die Ludwig-Erhard-Straße – ohne zu wissen, welches historische Gebäude sich am Zeughausmarkt direkt nebenan befindet. Es erinnert an die Blütezeit exzellenten Handels zwischen Hanseaten und Londoner Seelenverwandten.

Die Anglikanische Kirche St. Thomas Becket ist seit mehr als vier Jahrhunderten Heimat der englischsprachigen Gemeinschaft der Hansestadt. Sie legt Zeugnis ab vom liberalen Geist der Pfeffersäcke und dem Sinn unserer Vorfahren für Religionsfreiheit und Toleranz. Vor allem ist sie Heimat einer der aktivsten und internationalsten Gemeinden Hamburgs. Zuletzt wurden bei einem Gottesdienst Gläubige aus 18 Ländern gezählt. Meist kennt man einander persönlich, grundsätzlich findet jeder Eintritt.

Auch heute steht das Tor weit offen. „Herzlich willkommen!“, ruft ein groß gewachsener, freundlicher Mann mit gewinnendem Wesen. „Schauen Sie sich gerne um.“ Der Aufforderung des Reverends Matthew Jones, eines Geistlichen aus Brisbane in Australien, wird Folge geleistet. Das neoklassizistische Gebäude mit der weißen Fassade wurde in den vergangenen Jahren für 170.000 Euro renoviert – ausschließlich aus Spenden. „Englische Kirche“ steht in goldenen Buchstaben über dem Portal. Eine kleine Gedenktafel neben der Tür erinnert an einen Besuch von Lady Diana und Prinz Charles im Jahr 1987.

Das Gotteshaus beeindruckt mit schlichter Eleganz, einer Reproduktion der Sixtinischen Madonna von Raffael im Altarraum, historischer Deckenbeleuchtung und Sitzbänken aus hellem Holz. Prunk und Schnörkel sind Fehlanzeige. Auf der Empore stehen Tische und Stühle für das Café anlässlich eines Basars einschließlich Bücherverkauf und vielen anderen Angeboten.

Reverend Jones bittet in sein Kirchenbüro, das bescheidener nicht ausfallen kann. Auf wenigen Metern ist alles untergebracht, was für den Gottesdienst und die Gemeindeverwaltung nötig ist. Kaffee und natürlich Tee stehen bereit. Der 55-jährige Priester, der zuvor 20 Jahre in Australien predigte, kam 2011 im Rahmen einer Ausschreibung nach Hamburg. Der internationale Charakter der Gemeinde, deren mehr als vier Jahrhunderte Tradition und der gute Ruf der Hansestadt waren Lockrufe. Der alleinstehende Geistliche lebt ein paar Meter weiter in einem zum Michel gehörenden Apartment. Die Beziehungen zur Hauptkirche St. Michaelis sind exzellent.

Die Adresse dort sagt eine Menge über die Vergangenheit des nicht weit vom Heiligengeistfeld gelegenen Areals in der Neustadt und über die Geschichte aus: Englische Planke. Früher lebten in der Gegend Kaufleute von der Insel, die für regen Handelssinn und ein anständiges Geschäftsgebaren bekannt waren. Matthew Jones weiß mehr. In gebrochenem, jedoch gut verständlichem Deutsch schildert er in Stichworten die Gründungszeit seiner Gemeinde, die zu den ersten anglikanischen auf dem europäischen Kontinent zählte. Basis war ein Vertrag, den die Hamburger Ratsherren anno 1612 mit der Gilde englischer Tuchhändler schlossen.

Diesen „Merchant Adventures“ wurde offiziell das Recht zugestanden, für ihre Mitglieder Gottesdienste in englischer Sprache nach dem Ritus ihrer Heimatkirche abzuhalten. Von dieser großgeistigen Haltung einer seinerzeit fast beispiellosen Glaubensfreiheit konnten Bürger in anderen Städten nur träumen. Einzige Auflage aus dem Rathaus: Es müsse bitte leise gepredigt werden, um öffentliches Aufsehen zu verhindern.

So geschah es dann auch. Anfangs versammelten sich die Mitglieder der ersten nicht lutherischen Kirche Hamburgs in einer Kapelle an der Alten Gröninger Straße nahe der heutigen English Church. Bis zum Ausbruch der Napoleonischen Kriege Anfang des 19.Jahrhunderts und dem Einmarsch der Franzosen in Norddeutschland blieb die Gilde der englischen Tuchhändler bestehen. In ihrer Blütezeit Ende des 15. Jahrhunderts war die 1407 gegründete Kaufmannsgemeinschaft mit ihrer Flotte praktisch in ganz Europa unterwegs. Schon 1281 waren Hamburger an dem Aufbau eines zentralen Handelskontors in London beteiligt. Hüben wie drüben wurde gutes Geld verdient.

Nach Rückkehr der vor Napoleons Soldaten geflüchteten Engländer wurde ihnen am 15. April 1835 ein Grundstück am Zeughausmarkt überschrieben. Im November 1838 wurde die „Church of England“ in Hamburg eingeweiht. Nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Gotteshaus 1945 durch die britische Besatzungsmacht wieder instand gesetzt und nach St. Thomas Becket benannt, dem früheren Erzbischof von Canterbury und Kanzler von England, der 1170 als Märtyrer starb. In seinem Sinne wird heutzutage eine intensive Gemeindearbeit betrieben: Sich regen bringt Segen.

„Wir sprechen Christen aus aller Welt an“, sagt Birte Fischer aus Reihen des Kirchenvorstands. Die Heilpraktikerin aus Barmbek zählt zu den deutschen Mitgliedern. Andere kommen aus Großbritannien, Kanada, den USA, Indien, zumeist jedoch aus Afrika. Die Kirche in der Neustadt ist religiöser Anlaufpunkt, aber auch gesellschaftlicher Treffpunkt. Gläubige aus Peru, Sri Lanka, Holland, von den Seychellen oder Bahamas runden die internationale Vielfalt ab.

„Wir sind eine besonders fröhliche Kirche“, sagt Frau Fischer, „und wir pflegen untereinander herzlichen Kontakt.“ Immerhin schaffen es die Gemeindemitglieder und ihnen nahestehende Gönner, sämtliche Kosten selbst zu bestreiten. Auch das Gehalt des Reverends zählt dazu. Kirchensteuer gibt es nicht, im Gegenteil: Ein kleiner Teil der Einnahmen muss nach London abgeführt werden.

Neben den immer sonntags um 10.30 Uhr zelebrierten Gottesdiensten einschließlich Abendmahl wird ein buntes Programm organisiert. Beispiele sind das monatlich gesungene Abendgebet, ein Afrika-Festival am 15. November sowie der traditionelle Basar am 22. November. Am 29. November singt ein Elvis-Imitator Weihnachtslieder, und am 5. Dezember wird die Adventszeit angestimmt. An der Orgel sitzt mit Jochim Trede ein Hamburger, der englische Kirchenmusik spielt. Mitte September feierte der 73-Jährige ein halbes Jahrhundert Einsatz für diese besondere Kirche.