5. Hallenmasters

Blinde Fußballer treffen sich zum Turnier in Hamburg

| Lesedauer: 5 Minuten
Nathalie Schnabel und Lisa Fröhling

Zu den 5. Hallenmasters in St. Pauli kamen viele verschiedene Teams aus ganz Deutschland. Die Spieler leitet auf dem Platz allein das Gehör.

Hamburg. Vorsichtig bewegen sie sich auf dem Platz in der Halle. Die Augen sind ihnen zugeklebt oder abgedunkelt - dabei können viele von ihnen ohnehin gar nicht sehen. Der Ball kommt, er rasselt. „Voy!”, ruft der Verteidiger des FC St. Pauli. Der gegnerische Spieler vom Chemnitzer FC versucht auszuweichen, doch die Verteidiger des FC St. Pauli können den Ball wegschießen. Es ist kein gewöhnliches Fußballspiel, was man hier beobachten kann. Es sind ganz besondere Voraussetzungen, unter denen diese Männer und Frauen Fußball spielen. Sie alle sind blind, oder stark sehbehindert.

Damit Chancengleichheit herrscht, wird allen Spielern vor dem Match zusätzlich ein Sichtschutz verpasst. Jeder ist auf dem Spielfeld komplett blind. Die Zuschauer müssen mucksmäuschenstill sein, denn die Kicker können allein über ihr Gehör den Ball und ihre Gegenspieler ausmachen. In dem Fußball ist eine Rassel eingenäht, sodass jede Bewegung ein Geräusch hervorruft. Außerdem müssen die Spieler, wenn sie sich den Gegenspielern und dem Ball nähern „Voy” rufen, damit sie nicht gegeneinander laufen. „Das ist spanisch und heißt so viel ‚ich komme’”, erklärt einer der Spieler.

Bereits zum 5. Mal sind am Wochenende in Hamburg mehrere Bundesligisten des Blindenfußballs in Deutschland nach Hamburg gekommen, um im Turnier gegeneinander anzutreten. Den Titel sicherten sich am Ende die Spieler vom Lichterfelder FC Berlin, die sich im Finale knapp gegen das Team des BFW Würzburg durchsetzten - im Sechsmeterschießen. Dazu positioniert sich der Schütze vorm Tor, ein Assistent klopft gegen den rechten und gegen den linken Pfosten und gibt per Zuruf zu erkennen, wo sich die Tormitte befindet. Anhand dieser akustischen Signale kann der Schütze abschätzen, wohin er den Ball schießt.

Veranstaltet werden die 5. Blindenfußball Hallenmasters 2012 vom FC St. Pauli. „Blindensport wird immer bekannter”, sagt Dieter Rittmeyer, Leiter der Fußballabteilung des Amateurbereichs vom FC St. Pauli. In den letzten Jahren kamen zu dem Turnier immer rund 500 Zuschauer. Mehr als 20 Ehrenamtliche unterstützen das Turnier, finanziert wird es in großen Teilen aus Spenden.

Jeweils vier Feldspieler und ein Torwart stehen auf dem Platz. Der Torwart kann jedoch sehen - darf dafür aber die Linie nicht verlassen. Er und zwei weitere Hilfskräfte, die hinter dem gegnerischen Tor und der Mittellinie stehen, rufen den Feldspielern Anweisungen zu. Sie sind die „Augen” der Spieler und können auch taktisch die Aufstellung der Kicker verfolgen. Die Mannschaften sind dabei gemischt - Frauen und Männer spielen gemeinsam in dem selben Team.

Erik Engler ist einer der blinden Spieler, die am Wochenende bei dem Turnier dabei sind. Der 33-Jährige spielt eigentlich bei Köln, hilft aber für die Veranstaltung beim FC St. Pauli aus. Engler wurde blind, als er 19 Jahre alt war - eine Spätfolge einer Chemotherapie nach einer schweren Krebserkrankung als kleines Kind. Er hat schon früher Fußball gespielt, erzählt er. Weil er schon einmal sehend gespielt hat, hat er auch Vorteile. Er kann beispielsweise mit zwei Füßen schießen. Das können nicht alle. Seit 2008 spielt er in einem Blindenfußball-Team. „Es macht mir Spaß”, erzählt er. „Ich bin Fußballverrückt.” Am Anfang habe er Hemmungen auf dem Platz gehabt, schließlich war er es ja vorher gewohnt gewesen, zu sehen. „Aber mittlerweile komme ich gut auf dem Platz klar.” Zu dem Turnier kommt er auch immer gerne, erzählt er. Und: Wenn er nicht so weit weg wohnen würde, würde er sogar gerne in Hamburg spielen. Dann beim FC St. Pauli.

Das Hamburger Team trainiert seit drei Jahren Wolf Schmidt. „Ich finde es sensationell, weil es eine sehr sehr junge Sportart ist”, erzählt er. Dadurch sei der Sport noch nicht so vorgeprägt. „Es ist irgendwie Pionierarbeit.” Eine große Schwierigkeit sei aber, dass man gerechter sein müsse. Und man müsse sich natürlich auf die Behinderungen der Spieler einstellen.

Dabei könne für die Spieler das Fußballspielen auch Freiheit bedeuten, erzählt er. Michael Löffler, der das Blindenfußball-Team beim FC St. Pauli gegündet hat, habe einmal gesagt: „Blindenfußball ist da, wo ich am freisten bin.” Dort musste er keinen Blindenstock mit sich führen oder einen Blindenhund, erklärt Schmidt.

Was das besondere am Blindenfußball ist? „Was auf jeden Fall anders ist, ist die Lautstärke während des Spiels”, erzählt Dieter Rittmeyer. Denn beim Blindenfußball ist es auf dem Spiel laut, und nicht unter den Zuschauern. „Anfeuern und Fan-Gesänge gehen hier ja nicht”, sagt er.

Ergebnis:

1. Platz: LFC Berlin

2. Platz: BFW Würzburg

3. Platz: Blau Gelb Marburg

4. Platz: FC St. Pauli

5. Platz: MTV Stuttgart

6. Platz: Chemnitzer FC

7. Platz: DJK Essen