Plan für "Spiegel"-Gelände

Eine Internetinsel für Hamburg an der Brandstwiete

Onlineunternehmer und Hamburgs Bürgermeister Scholz machen sich für ein neues Zentrum der digitalen Wirtschaft in der Hansestadt stark.

Hamburg. Die Fensterscheiben sind stumpf, der Beton verwittert. Am Giebel ist noch der Abdruck des abmontierten Verlagslogos zu erkennen. Der ehemalige Sitz der "Spiegel"-Gruppe an der Brandstwiete 19 ist ein wenig in die Jahre gekommen. Noch ist es nur schwer vorstellbar, dass hier bald eine lebendige Verbindung zwischen Altstadt und HafenCity entstehen soll, wie es die Stadt im "Innenstadtkonzept Hamburg 2010" vorsieht. Dort heißt es, die HafenCity müsse "zum erfahrbaren und erlebbaren Teil einer größeren Innenstadt" gemacht und die "bislang losen Verbindungen zwischen den beiden Teilen deutlich gestärkt und herausgearbeitet werden". Das alte "Spiegel"-Areal, zu dem neben dem denkmalgeschützten "Spiegel"-Hochhaus noch weitere Flachbauten und der ebenfalls unter Denkmalschutz stehende ehemalige IBM-Turm gehören, hat für die Wiederbelebung dieser Stadtbereiche eine Schlüsselposition.

Ein Bebauungsvorschlag, der derzeit bei vielen Beteiligten auf offene Ohren stößt, kommt von einem Mann der für praktikable Lösungen mit Potenzial bekannt ist. Benjamin Storm, Diplomkaufmann und ehemaliger strategischer Einkäufer bei Tesa ist seit einem Jahr Internetunternehmer. Auf die Idee zur Hamburger Internetinsel kam er, weil er selbst nach Büroräumen suchte. Storm betreibt einen Onlineversand für Fliegengitter. Gemeinsam mit weiteren Gründerfreunden war er Ende des vergangenen Jahres auf der Suche nach geeigneten Räumen für eine Bürogemeinschaft. Doch entweder wurden ihm ganze Häuser zur Miete angeboten, die für Start-up-Unternehmen mit einem bis vier Mitarbeitern uninteressant sind. Oder er sollte gleich einen Fünfjahresvertrag unterzeichnen.

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Bei einem Spaziergang entlang des von Willy-Brandt-Straße und Dovenfleet umflossenen "Spiegel"-Areals kam dem gebürtigen Kieler schließlich die Idee zu einem dynamischeren Bürokonzept. Die Internetinsel bringt große Onlinefirmen mit kleinen Start-up-Unternehmen unter einem Dach zusammen. "Ähnlich dem Silicon Valley in Kalifornien könnte in Hamburg Deutschlands Silicon Island entstehen", sagt Storm. Mit einer Kindertagesstätte, Fitnessstudio, Gründerwohnungen und Ladenzeilen im Erdgeschoss, soll ein Umfeld geschaffen werden, das für Angestellte und Passanten attraktiv ist. Durch den Firmenmix sind auch günstigere Mieten für Kleinstunternehmen möglich. Davon könnten sogar branchenfremde Firmen profitieren, die sich im Internethandel besser aufstellen wollen und Starthilfe brauchen, sagt Storm.

Er selbst erhält die größte Starthilfe aus der Bezirksversammlung Mitte, die über die Baugenehmigung zu entscheiden hat. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Falko Droßmann will das Konzept mit den "zur Verfügung stehende Mitteln unterstützen". Ein städtebaulicher Vertrag soll sicherstellen, dass der Sieger des Bieterstreits nur das Konzept einer Internetinsel bauen darf. "Wir brauchen nicht die 100. gesichtslose Ladenzeile", sagt Droßmann, der seinen Vorschlag am 11. April im Ausschuss für Stadtplanung einbringen will.

Große Teile der Internetszene in der Stadt, die mehr als 200 Unternehmen umfasst, zeigt sich begeistert von den Plänen. Rund 35 000 Quadratmeter Bürofläche würden die denkmalgeschützten "Spiegel"- und IBM-Hochhäuser, sowie zwei nach einem Entwurf des Wiener Architekturbüros Delugan Meissl geplante Neubauten bieten. Storm, der seit einem halben Jahr seine gesamte Freizeit in die Idee investiert, hat bereits mündliche Interessenbekundungen für rund 26 000 Quadratmeter, ein namhaftes Internetunternehmen überlege gar eines der Hochhäuser zur Weitervermietung unter eigenem Namen zu übernehmen.

Doch noch gehört das Grundstück der IVG Immobilien AG mit Sitz in Bonn, die ein geheimes Bieterverfahren eingeleitet hat. Storm und sein Investor, die Hamburgische Immobilien Handlung (HIH), befinden sich zusammen mit anderen Investoren im Bieterwettstreit. Mitte April soll entschieden werden, wer den Zuschlag bekommt. Zu Namen von Mitbietern und weiteren Bebauungskonzepten macht die IVG keine Angaben. Bei der HIH zumindest war man von Storms Konzept sofort überzeugt: "Hamburg fehlt ein Ort, der die Internetwirtschaft konzentriert zusammenbringt und Synergieeffekte möglich macht", sagt HIH-Geschäftsführer Stefan Best.

Bevor sich die IVG entschied, das Gelände zu verkaufen, suchte sie zusammen mit der Stadt in einem Architektenwettbewerb nach Ideen. Es sollte der in Hamburg so dringend benötigte Wohnraum entstehen. Doch die hohen Kosten für die Schallisolierung der Gebäude im lauten Umfeld der Willy-Brandt-Straße machte die Forderung kaum umsetzbar.

Auch Bürgermeister Olaf Scholz sprach sich inzwischen für die Internetinsel aus: "Ein solches Projekt passt gut hierher - auch weil es den Wandel und das Zusammenwachsen der Medienwelt sichtbar macht. Die Internetinsel hat das Zeug, zu einem weithin wahrgenommenen Zentrum der digitalen Wirtschaft in Hamburg zu werden." Genau wie der Bürgermeister ist auch Storm davon überzeugt, dass ein attraktiver Standort, der kreativen Austausch ermöglicht, mehr Unternehmen in Hamburg halten könnte. "Es ist schade, dass viele in der Branche nur nach Berlin schielen. Wir können uns jetzt selbst gute Bedingungen schaffen", sagt Storm. Die großen Antriebsfedern für Firmengründungen in Berlin sind die bezahlbaren Büromieten und die vorhandenen Fachkräfte, sagt Arndt Groth, Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. Als Gegengewicht stünde die Internetinsel für günstige, innenstadtnahe Büroflächen und Fachkräfte, die an einem Ort gebündelt werden. Das Konzept mache es möglich, Gründer an Hamburg zu binden und Branchengrößen den Raum zu geben, weiter zu wachsen, so Groth. Wie zum Beispiel der Anbieter von Online-Handelssoftware ePages, der gerne auf 1800 Quadratmetern auf der Internetinsel expandieren würde. Für Geschäftsführer Wilfried Beeck ist "die lokale Nähe auch im Internetzeitalter ein wichtiger Faktor". Außerdem sei die Expansion in attraktiven Innenstadtlagen schwierig geworden, so Beeck. Bei der Otto Group gehören Internetfirmen seit Längerem zur Expansionspolitik. "Für uns ist das Konzept interessant, um gegebenenfalls weitere Internetgeschäfte zu bündeln. Man sieht ja in Berlin oder den USA, wie fruchtbar das sein kann", sagt Dr. Lars Finger, zuständig für E-Commerce bei Otto.

Die große Zustimmung aus den verschiedenen Lagern macht Benjamin Storm Mut, auch wenn der Sieg im privaten Bieterwettstreit ausschließlich von der Höhe des Gebots abhängen dürfte - unabhängig von der Idee dahinter. Der Einsatz der SPD in der Bezirksversammlung Mitte für das Projekt hält Storms Idee jedoch lebendig. "Allein bei der Geschichte des Ortes, wäre es schade, wenn diese Möglichkeit ausgelassen würde", sagt Storm. Auf dem Standort des ehemaligen "Spiegel"-Hochhauses stand von 1886 bis 1967 der alte Dovenhof. Es war eines der modernsten Kontorhäuser seiner Zeit und wurde von vornherein für die Vermietung und Zusammenarbeit mehrerer Parteien geplant. Zudem ist die Fassade des ursprünglich für IBM gebauten Gebäudes auf der Ostseite des Areals einer Hollerith-Lochkarte nachempfunden - ein historischer USB-Stick, wenn man so will. Das seien zwar eher sentimentale Faktoren, doch man dürfe ja noch träumen, sagt Storm. Er muss selbst lachen, als er seine Wunschschlagzeile für dieses Jahr verrät: "IBM holt sich die Lochkarte zurück, das wäre doch etwas."