St. Pauli

Gericht erklärt Schilleroper zum Denkmal

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Joachim Mischke und Matthias Rebaschus

Eigentümer will Theater nach Norden versetzen, um Gewerbeflächen zu schaffen. Statt neuer Bühne könnten Wohnungen entstehen.

Hamburg. Etwas versteckt neben dem Neuen Pferdemarkt steht die Schilleroper zwischen Wohnhäusern und dem Polizeikommissariat 16 an der Lerchenstraße. Ein schmutzig-graubrauner Rundbau von 1891, seit elf Jahren leer stehend, mit zerbrochenen Fenstern und verriegelten Türen. Wenig einladend ist das alles - und doch ist diese Adresse ein Ort der Sehnsucht und der Träume. Denn hinter der trostlosen Dachpappe, dem mit Graffiti bemalten Mauerwerk und der gelblichen Eternitverkleidung verbirgt sich Deutschlands letzter Zirkusbau des 19. Jahrhunderts: ein Stahlskelett, konstruiert wie der Eiffelturm, mit einer Manege und Platz für 1000 Besucher.

Dieses einmalige Bauwerk würden einige liebend gern zum Leben erwecken. Bernhard Paul, Chef des Circus Roncalli, hat schon lange sein Interesse kundgetan. Neben Plänen für ein Veranstaltungszentrum möchten Hamburger Künstler die Schilleroper in ihrer ursprünglichen Pracht neu entstehen lassen und dort eine Musik- und Theaterbühne für Varieté und Burlesque einrichten, wie es sie vor 100 Jahren einmal gab.

Ein Traum, der nach jahrzehntelangen Streitigkeiten zwischen den Eigentümern der Immobilie und der Stadt Hamburg jetzt Realität werden könnte. So sehen es jedenfalls Kulturschaffende, denn das Hamburger Verwaltungsgericht hat mit einem Urteil eine Entscheidung des Denkmalschutzamts bestätigt: Die Schilleroper ist ein Denkmal und darf deswegen auch nicht abgerissen werden, wie es die Eigentümer ursprünglich wollten, um das Grundstück lukrativ zu verwerten.

Mehr noch: Die Richter geraten beinahe ins Schwärmen und schmettern die Klage der Eigentümer in allen Punkten als "unbegründet" ab. So sei allein die Tatsache, dass der Bau in Deutschland einzigartig ist und "die Bedeutung dieses baulichen Dokuments weit über Hamburg hinaus weist", derart bedeutend, dass andere Gründe in den Hintergrund träten.

Damit kommt endlich wieder Bewegung in das festgefahrene Thema.

+++ Schutz für weitere 3000 Denkmäler in der Stadt +++

Die Schilleroper gehört einer Erbengemeinschaft, die mehrheitlich nicht in Hamburg lebt. Vor Jahren stimmten die Eigentümer einem Kompromiss zu, der die Versetzung der Eisenhalle um einige Meter und eine schmale Neubebauung des Randstreifens beinhaltete. 2007 wurde ein Abrissantrag gestellt. Das Verwaltungsgericht schlug 2011 einen Vergleich vor, der es in sich hatte: Mit einem Bauantrag müssten der Eisenbau saniert und eine Million Euro als Sicherheitsleistung hinterlegt werden. Wenig später beschloss das Denkmalschutzamt, das Gebäude unter Schutz zu stellen. Seitdem herrscht Stillstand an dieser Adresse mit großer Vergangenheit.

Bei der Ablehnung der Klage gegen die Stadt Hamburg dagegen stellt das Verwaltungsgericht fest: Ein Gutachten habe ergeben, dass die Eisenkonstruktion "mit klar begrenztem Aufwand" zu sanieren sei. Die Schilleroper sei als "ideale symmetrische Grundrissorganisation entwickelt worden" und stelle "eine Landmarke im städtebaulichen Gefüge St. Paulis" dar. Der Denkmalschutz sei auch wirtschaftlich zumutbar, denn eine "bauliche Verdichtung" würde einen Ausgleich schaffen.

In der Urteilsbegründung führt das Gericht dann noch Argumente auf, die die Eigentümer selbst einmal vorgebracht hatten: "Die geschichtliche Bedeutung des Rundbaus erkennen anscheinend auch die Kläger an, wenn sie bereits 1992 die Schilleroper als 'ein über 100 Jahre altes kulturhistorisches Baudenkmal und in seiner Form einzig in Europa' beschreiben."

Die Eigentümer wollen nach Auskunft ihres Anwalts nun den alten Plan verwirklichen, nach dem die Eisenkonstruktion demontiert und - leicht nach Norden versetzt - wieder aufgebaut wird. Südlich des Rundbaus soll ein viergeschossiger Neubau für Gastronomie oder Ladenflächen, Büros und Lofts entstehen.

Ob dann in dem versetzten Rundbau wieder ein Veranstaltungsraum eingerichtet wird, sei unklar, denn auch Wohnungen seien für die Eigentümer vorstellbar. "Eine kulturelle Großnutzung wie früher allerdings nicht", sagt deren Anwalt. Die frühere Heimat des Zirkus Busch war 1905, nach ihrem Umbau zum Theater, mit Schillers "Wilhelm Tell" wiedereröffnet worden; der 100. Todestag des Dichters verhalf dem Gebäude zu seinem Namen. Auf den Spielplänen standen zunächst Klassiker und Operetten, später auch niederdeutsche Werke und Lokalstücke. 1909 wurden Ringkämpfe veranstaltet, der noch sehr junge Hans Albers trat 1913 in "Ut de Franzosentied" auf. Nach wechselvollen Jahren und einem weiteren Umbau wurde aus der volkstümelnden Bühne die "Oper im Schiller-Theater", in der zum Start in eine neue Ära 1932 Webers "Freischütz" erklang. Sieben Jahre später dirigierte Franz Lehár dort seine "Giuditta".

Im Herbst 1939 endete der Spielbetrieb, das Haus wurde als Kriegsgefangenenlager und als Notunterkunft für Ausgebombte genutzt. Ende der 1970er-Jahre war die Rückkehr eines Zirkus im Gespräch. Kunterbunt ging es weiter: Das Areal sollte Grünfläche werden. Geplant waren auch: ein Stadtteilzentrum, eine Spielstätte des Schauspielhauses, ein Markt und ein Veranstaltungszentrum. Später waren in dem Bau Asylbewerber untergebracht, danach mehrere Restaurants und ein Musikklub.

Seit 2001 steht die Immobilie nun leer. Aktuell geht es bei dem Streit um eine 2008 beantragte Baugenehmigung, bei deren Umsetzung sich die Eigentümer durch das Denkmalschutzamt behindert fühlen. Das erklärte Thomas Scheliga, der als Anwalt die Eigentümer vertritt und weitere Vorwürfe gegen das Denkmalschutzamt und die Kulturbehörde erhebt: So sei es "nachgewiesen falsch, wenn behauptet wird", dass die Eigentümer die Schilleroper "ihrem Schicksal überließen". Scheliga: "Dabei stellt sich die Frage, weshalb die vom Senat gewünschte Investitions- und Baubereitschaft in dieser Stadt hier durch das Handeln einer seiner Behörden konterkariert wird."

Die Eigentümer haben gegen das Urteil Berufung eingelegt. Mit einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts wird in den kommenden zwei Monaten gerechnet.