Provisorium für U-4-Bau

Enttäuschung über Abriss des Alsteranlegers am Jungfernstieg

Der Alsteranleger am Jungfernstieg war ein Provisorium für U-4-Bau - und auch ein beliebter Treffpunkt. Jetzt musste die "Seebrücke" weichen.

Hamburg. Die vergangenen Sommer über war er stets ein beliebter Treffpunkt: der Schiffsanleger an der Binnenalster, auch bekannt - und gut frequentiert - als "Seebrücke". Bei schönem Wetter standen und saßen hier Hamburger wie Touristen, schleckten Eis, schnackten miteinander, während sie die Füße im Alsterwasser plantschen ließen, und genossen die herrliche Aussicht auf Binnenalster, Lombardsbrücke und Hotel Vier Jahreszeiten. Dieser Sommergenuss ist nun Geschichte: Vergangene Woche wurde die Seebrücke an der Binnenalster abgebaut. Damit ist ein großer Schritt in Richtung Baustellenschluss am Jungfernstieg getan. Ende April sollen dort alle Arbeiten zur neuen U-Bahn-Linie U 4 abgeschlossen sein.

Was während der vier Jahre ihres Bestehens gemeinhin etwas in Vergessenheit geraten war: Die Seebrücke sollte von Anfang an nur ein Provisorium sein. Am 28. März 2008 wurde das mehrere 100.000 Euro teure, 120 Meter lange und neun Meter breite Bauwerk offiziell eingeweiht. "Dieser Steg musste seinerzeit im Zuge der Baumaßnahmen für die U 4 errichtet werden", sagt Christoph Kreienbaum, Sprecher der Hochbahn. "Denn die Alsterschiffe konnten wegen dieser Arbeiten nicht länger an ihrem angestammten Platz, der Kaikante am Jungfernstieg, anlegen." Ursprünglich sollte der Steg nur bis zum Frühjahr 2011 bestehen. Wegen Verzögerungen bei den U-4-Tunnelbauarbeiten bekam er dann jedoch ein weiteres Jahr "Bleiberecht".

+++ Glatter Anlegerbetrug +++

+++ Neue U-Bahn-Linie 4: Gleise sind verlegt +++

Die vergangene Woche über ist der Steg nun Stück für Stück aus der Binnenalster verschwunden. Bauarbeiter bauten ihn nach und nach zurück. "Der Anleger sollte aus mehreren Gründen nicht dauerhaft bleiben", sagt Christoph Kreienbaum und ergänzt: "Zunächst einmal waren die Materialien des Stegs nicht auf Beständigkeit angelegt." Die mit Styropor gefüllten Betonkästen - nach oben hin von Lärchenholz, nach unten hin von Kunststoff eingefasst - begännen innerlich schnell zu faulen, weil Wasser in sie eindringe.

"Darüber hinaus", fügt Kreienbaum hinzu, "hat der provisorische Anleger gewisse Sicherheitsrisiken geborgen: Dass auf dem Steg oft Leute saßen, die ihre Beine in die Alster hinabbaumeln ließen, war zumindest immer dann nicht ganz ungefährlich, wenn die Schiffe zum Anlegen heranfuhren." Kreienbaum hält fest: "Ich bin froh, dass es in den vier Jahren, die es den Steg gab, zu keinem Unfall gekommen ist." Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass die Seebrücke in die Binnenalster jetzt Geschichte ist: einen städtebaulichen nämlich. Den erklärt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter: "Das historisch geprägte Bild der quadratisch gefassten Binnenalster, das Fritz Schumacher zusammen mit dem Rathausmarkt das 'Kunstwerk Hamburgs' nannte, soll auch in Zukunft erhalten bleiben."

Zum Verbleib der Seebrücke äußert sich Ulrich Trottnow, Sprecher der zuständigen Arbeitsgemeinschaft U 4: "Wir haben sie verkauft." Wohin der Steg - und für wie viel Geld - gegangen ist, will Trottnow jedoch nicht sagen: "Zu vertraglichen Details äußern wir uns nicht."

Der Rückbau der Seebrücke war indes nur ein Teil der Anstrengungen, den Jungfernstieg wieder so aussehen zu lassen wie vor Beginn der dort insgesamt 323 Millionen Euro teuren U-4-Arbeiten, die Hamburg (189 Millionen Euro) und der Bund (134 Millionen Euro) bezahlen. "Ab Ende April wird hier wieder alles hübsch sein", verspricht Hochbahnsprecher Christoph Kreienbaum. Dafür werde in den nächsten Wochen einiges getan: "Wir lasieren die 20 verschiebbaren Sitzbänke, die aktuell am Jungfernstieg stehen, neu und überarbeiten deren Rolltechnik. Die zusätzlichen 50 Bänke, die hier vor den Bauarbeiten standen, haben wir bereits hergerichtet und stellen sie jetzt wieder auf." Zudem werde das aktuelle Baustellen-Areal am Jungfernstieg noch mit Granitplatten ausgelegt und erneut bepflanzt: mit 16 Silberlinden, derselben Art und Anzahl an Bäumen wie früher. Anders als früher sollen die Linden zukünftig nicht schutzlos wachsen, sondern von gusseisernen Baumschutzgittern eingefasst sein.

Wasserseitig sollen die letzten U-4-Bauarbeiten schon in dieser Woche abgeschlossen werden. Damit erfolgt die An- und Abfahrt der Alsterschiffe ab der anstehenden neuen Saison wieder an der Kaikante, also am alten Anleger Jungfernstieg.

Das Ende der Binnenalster-Seebrücke stößt bei Hamburgern auf ein überwiegend negatives Echo: "Ich finde es sehr schade, dass der Steg weg ist", sagt Inge Müller, 54, Friseurin aus Langenhorn, beim Spaziergang am Jungfernstieg. "Quasi mitten im Wasser zu stehen, das hatte schon was." Heike Heller kritisiert das Steg-Aus ebenfalls. Die 33 Jahre alte Industriekauffrau aus Stellingen sagt: "Die letzten Sommer bin ich wirklich häufig auf dem Steg gewesen. Wenn man irgendetwas Stressiges in der Stadt zu erledigen hatte, war ein kleiner Abstecher auf dem Anleger immer super zum Gute-Laune-Tanken." Jörg Walle sieht das ähnlich: "Dieser Anleger hatte Flair", sagt der 40 Jahre alte Lehrer aus Sasel. "Allerdings finde ich auch, dass es wiederum das Flair einer Stadt wie Hamburg ist, dass sie sich stets im Wandel befindet."