G20-Gipfel in Hamburg

Wie die Hamburger dann mal sauber machten

Am Sonntag kamen nach einem Aufruf im Internet  Tausende Hamburger mit  Eimer und Besen ins Schanzenviertel, um die Schäden der Krawallnacht zu beseitigen

Foto: Christophe Gateau / dpa

Am Sonntag kamen nach einem Aufruf im Internet Tausende Hamburger mit Eimer und Besen ins Schanzenviertel, um die Schäden der Krawallnacht zu beseitigen

Tausende kamen ins Schanzenviertel, um ihre Solidarität mit den Anwohnern zu demonstrieren. Das gefiel nicht allen.

Sie picken mühsam jede einzelne Glasscherbe aus dem Kopfsteinpflaster, kratzen Farbschmierereien von Glasscheiben und fegen alles zusammen, was in den vergangenen Krawall-Tagen übrig geblieben und von der Stadtreinigung noch nicht beseitigt worden ist. Tausende Helfer folgten dem Facebook-Aufruf der Hamburgerin Rebecca Lunderup (22) und trafen sich am Sonntagmittag in der Schanze zum großen Aufräumen.

Sie sind ausgestattet mit roten Eimern und Besen, Handschuhen und Müllsäcken. Doch sie wollen nicht nur den Dreck wegmachen, sie wollen auch ein Zeichen setzen. "Das hier zeigt, wie Hamburg wirklich ist. Das ist so ein großer Zusammenhalt", sagt Rebecca Lunderup. Eine Baumarktkette hat die Utensilien gespendet, ein Bäcker lässt Franzbrötchen verteilen. Und Hardy ist mit seinen Freunden morgens aus Bergedorf gekommen, um 80 belegte Brote, Kaffee, Tee und Kuchen zu verteilen.

Gunda Wütschner ist auch zum Putzen erschienen und freut sich, dass das Chaos vorbei ist. "Und dass wir Hamburger der Welt beweisen können, dass wir auch gemeinsam etwas auf die Beine stellen können." Sie wollen andere Bilder um den Globus schicken als brennende Barrikaden. Nach kurzer Zeit fährt die 73-Jährige zum Großreinemachen mit dem Rad weiter zur Großen Bergstraße. "In der Schanze gibt es genügend Leute, ich werde woanders gebraucht." Manche Helfer blicken angestrengt nach unten auf der Suche nach dem Dreck, der nach zwei Krawallnächten noch übrig geblieben ist.

Lautstarke Debatte über die Putzaktion vor der Flora

Das gefällt nicht allen in dem bunten Viertel. "Putzspießer marsch – geht nach Hause", hat eine Anwohnerin auf einen großen weißen Zettel geschrieben und hält diesen direkt vor der Roten Flora mutig in die vorbeiziehende Menge. Schnell bildet sich ein großer Pulk aus bunten Putzaktivisten, und es entbrennt eine heftige Debatte über Solidarität und falsche Symbolik.

Pulk: "Was hast du denn dagegen, dass wir hier aufräumen?"

Sie: "Das ist doch nur eure Traumabewältigung, um mit den Bildern, die ihr Freitagabend im Fernsehen gesehen habt, fertigzuwerden."

Pulk: "Wie bist du denn drauf? Wir kommen, um zu helfen."

Sie: "Das müsst ihr gar nicht. Die Stadtreinigung war schon da und hat alles aufgeräumt."

Pulk: "Mensch, das ist doch auch eine großartige Geste einer solidarischen Gemeinschaft."

Sie: "Nee, das ist die völlig falsche Symbolik. Eure Aktion ist Schwachsinn."

Pulk: "Mädchen, das ist überhaupt nicht schwachsinnig. Ich wohne seit 37 Jahren in der Schanze. Und ich bin gerührt darüber, dass heute so viele ganz normale Bürger hierher gekommen sind, um uns beim Aufräumen zu helfen."

Sie: "Ich wohne hier auch schon ewig, und hier ist es sauber. Aber mit solch einer Aktion meint ihr, einfach einmal durchzuwischen und dann ist die Welt wieder in Ordnung, oder?"

Pulk: "Natürlich ist die Welt nicht in Ordnung, aber das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Hier geht es doch auch um Anteilnahme."

Sie: "Ist denn jemand gestorben?"

Pulk: "Nee, aber es gab sehr viele Verletzte."

Sie: "Warum putzt ihr nicht vor den Messehallen, also bei denen vor der Tür, die das Ganze zu verantworten haben?"

Pulk: "Warum verwüsten die Autonomen nicht die Waffenfabriken von Heckler & Koch in Oberndorf oder zünden die Karossen der deutschen Waffenproduzenten an statt hier die Autos und Geschäfte der kleinen Leute zu demolieren?"

Sie: "Warum geht ihr nicht in solchen großen Massen auf die Straße, wenn Tausende Menschen vor den Küsten Europas im Mittelmeer ertrinken? Stattdessen kommt ihr zu Tausenden, nur um hier die Straße zu kehren, das ist wirklich keine besonders intelligente Reaktion auf die Ereignisse."

Einig wird man sich am Ende immerhin über die Einschätzung, dass es ziemlich unsinnig war, den G20-Gipfel in Hamburg abzuhalten. Olaf Scholz muss an allen Ecken und Enden im Viertel als Sündenbock herhalten.

Bewohner massiv von Autonomen bedroht

"Ein Anwohner geht herum und klebt überall weiße Zettel auf Wände und Parkuhren: "Kaputt – ist ja doof, aber beschwert euch bei den Chaoten, nicht bei mir. Ich war ja auch gar nicht da, sondern Musik hören. Wünsch euch was, euer Olaf!" Sie fühlen sich vom Bürgermeister ihrer Stadt bitter im Stich gelassen.

An einem Fenster kleben Zettel mit der Aufschrift "Wir haben Angst". Auf einem anderen der Hinweis: "Kinderzimmer". Anwohner Henning Brauer sagt: "Das war heftiger als alles, was ich vorher hier erlebt habe." Manche hätten zwar noch versucht, ihr Viertel zu schützen, Barrikaden zu löschen und abzureißen. Sie seien jedoch von Autonomen massiv bedroht worden. "Da regierte sinnlose Zerstörungswut, da konnte man keine Brücken mehr bauen", sagt er und fragt: "Wo war die Polizei?"

Bereits am Sonnabend hatten Mitarbeiter der Stadtreinigung sauber gemacht – auf Twitter wurde der "orange Block" dafür kräftig gefeiert.

Wie Strandurlauber im Krisengebiet

Auch Michael Strieker hat sich am Sonntag extra eine orangefarbene Hose angezogen. Er wollte nicht mit militanten Autonomen verwechselt werden. Nun steht er vor seinem Geschäft am Schulterblatt und guckt zu, wie Handwerker seinen komplett geplünderten Laden reparieren. Passanten, die mit Flip-Flops, kurzer Hose und gezückter Handykamera wie Strandurlauber im Krisengebiet wirken, machen Strieker sauer.

Hinter ihm liegt eine schlaflose Nacht, er hat kein Verständnis für die vielen Schaulustigen, die sich die Zerstörung aus nächster Nähe anschauen wollen statt mitzuhelfen. "Ich bin einfach nur schwer genervt. 500 Leute machen Fotos, aber keiner packt mit an." Aus seinem Laden hat der plündernde Mob alles mitgenommen: Bargeld, Cola und Espressobohnen. "Damit sie zu Hause ihren Latte macchiato kochen können."

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Sandra Canztler und ihre Nachbarn haben ihre kleine Straße, die von der Weidenallee abgeht, selbst gegen die Zerstörungswut der Chaoten geschützt. "Die Nachbarn hatten die Idee, nachdem die ersten Mülltonnen brannten und mehr als zwei Stunden keine Polizei erschienen ist, die Straße mit Wasserschläuchen und auch durch den direkten Dialog mit den Idioten zu sichern." Diese seien tatsächlich weitergezogen. "Da wird dein Viertel abgefackelt und keiner macht etwas dagegen." Für sie hat die Stadt in den vergangenen Nächten komplett versagt: "Wir im Viertel haben endgültig das Gefühl, im rechtsfreien Raum zu leben. Schon merkwürdig, wenn die Anwohner gucken müssen, wie sie mit dem Mob klarkommen."

Keinen Bock auf schwarzen Block

Vor dem Jesus Center am Schulterblatt hat Holger Mütze zwei große Pinnwände aufgestellt. "Das Negative kriegt wieder viel zu viel Raum", sagt der Leiter der sozial-diakonischen Einrichtung. "Da wollten wir etwas dagegensetzen." Also haben sie oben auf die Wände geschrieben: Gibt es bei dem Chaos etwas Positives? Und nun haben Hunderte mit bunten Filzstiften ihre Gedanken zu den G20-Tagen in Hamburg aufgeschrieben. "Hamburg hält zusammen", steht da. Und: "Autokraten, Klimakiller, Neoliberale konnten entspannt die Ode an die Freude hören – danke Olaf." Ganz unten steht: "Hamburg ist ein Spiegel – so sieht unsere Welt aus."

Diese wird am Sonntagnachmittag im Schanzenviertel wieder ein bisschen bunter. Auf das verbrannte Kopfsteinpflaster am Neuen Pferdemarkt haben Kinder mit farbiger Kreide geschrieben: "Keinen Bock auf schwarzen Block".

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