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Polizei duldet 1000 Protest-Zelte im Volkspark

G 20 Protestcamp im Volkspark mit der Ankunft des Sonderzuges aus Basel am gestrigen 6. Juli

G 20 Protestcamp im Volkspark mit der Ankunft des Sonderzuges aus Basel am gestrigen 6. Juli

Foto: Michael Rauhe

Die Polizei hat ihre Strategie geändert und toleriert ein großes Zeltlager. Bis zum Abend blieb es friedlich. 800 Gipfelgegner kamen erst heute.

Die schon länger erwartete Ankunft kündigt sich mit zwei kleinen Mannschaftswagen der Bundespolizei an, die um die Ecke biegen. Dann sind sie da: 700, vielleicht 800 Gipfelgegner, die am Mittag mit einem Sonderzug aus Basel über Heidelberg und Frankfurt am Hauptbahnhof angekommen sind und nun in einem Aufzug aufs Gelände ­marschieren. Die meisten um die 20, 30 Jahre alt, ein paar wenige graue ­Köpfe darunter. Man schwenkt rote Fahnen, skandiert: „Klassenkampf, Klassenkampf!“ Jemand zündet zur Begrüßung ein bengalisches Feuerwerk, die Umstehenden hier im Luruper G20-Protestcamp am Volkspark klatschen freudig.

Dann rollt ein Miettransporter auf das Wiesengelände, Schlafsäcke, Zelte und Gepäck werden ausgepackt, und die ersten der Neuankömmlinge beginnen gleich mit dem Aufbau. Ruhig, gut organisiert, schnell wirkt die Szenerie – wie auf einem Musikfestival, nur deutlich disziplinierter. Lautsprecher-Durchsagen wehen durchs Camp. Um 16 Uhr sei „Plenumssitzung“, teilt eine energische Frauenstimme mit. Geschätzt etwa 400 kleine Kuppelzelte stehen dort am Donnerstagmittag in verschiedenen, mit rot-weißen Bändern gekennzeichneten Abschnitten, dazu ein paar größere ­Zirkus- und Versorgungszelte. Mit dem neuen Schwung aus dem Sonderzug dürften es bald 1000 Zelte sein, vermutet Camp-Sprecher Amseln Schindler.

Der Hickhack um die Camps

Der 28-jährige freiberufliche Journalist aus Bayern ist schon ein paar Tage hier und hat das juristische Hickhack um die G20-Protestcamps miterlebt. Dass die angereisten G20-Demonstranten aus dem Sonderzug hier ihre Zelte aufschlagen können, erschien lange kaum möglich. Und noch immer ist auch nicht ganz klar, ob die Polizei es auf Dauer tolerieren wird.

Ursprünglich sollte es ein großes Protestcamp im Stadtpark geben. Das wurde aber von der Stadt untersagt. Man fürchtete einen Rückzugsraum für gewalttätige Demonstranten, hieß es. Innensenator Andy Grote (SPD) argumentierte, man könne sie nicht von friedlichen Protestlern in solchen Camps unterscheiden.

Pfefferspray und Privatquatiere

Dann wurden Camps in Lurup und Entenwerder als Kompromiss genehmigt. Aber nur für Treffen und Veranstaltungen; das Schlafen in Zelten sei nicht durch das grundrechtlich geschützte Versammlungsrecht gedeckt. In Lurup und auf Entenwerder kontrollierte die Polizei die Eingänge daher scharf, Schlafsäcke oder gar Zelte waren nicht erlaubt. Pfefferspray setzten die Beamten teilweise ein, räumten rigoros an verschiedenen Stellen der Stadt Schlafzelte weg. Es hagelte Proteste, und ein juristisches Pingpong durch verschiedene Instanzen begann. Entnervt gaben die G20-Gegner schließlich Entenwerder auf, ließen nur ein einsames Bretterbuden-Klo zurück und verteilten sich in der Stadt.

Auf den Grundstücken von Kirchengemeinden wie in Altona an der Max-Brauer-Allee oder auf St. Pauli zum Beispiel. Im Schauspielhaus bekamen Gipfelgegner Übernachtungsplätze und später auch beim FC St. Pauli. Über das Internet und Stelltafeln boten Hamburger aber auch Hinterhöfe und Gärten zum Zelten an.

300 Zelte sind erlaubt – doch es werden immer mehr

Dann am Mittwochabend die Überraschung: Das Oberverwaltungsgericht (OVG) erlaubte auf Entenwerder unerwartet doch 300 Zelte zum Schlafen. Allerdings will kaum jemand zurück. „Wir bleiben hier in Altona, ist doch viel zentraler“, sagt etwa Alma Wunder, die mit ihrer Gruppe aus dem Wendland ein Quartier auf dem Rasen der St.-Johannis-Gemeinde in Altona bezogen hat. Anfangs habe sich der Pastor geziert, berichtet sie. „Wir sind dann trotzdem gekommen.“ Inzwischen kamen immer mehr, der Hof ist voll mit den kleinen Kuppelzelten. Plenumssitzungen im großen Versammlungszelt und Info-Tafeln gibt es auch hier. Doch das Protestcamp am Volkspark in Lurup entwickelt sich offenbar zur neuen Zentrale. Unter völlig anderen Umständen allerdings, als es die Gipfelgegner noch in den Vortagen erlebt haben. Nach dem OVG-Urteil zu Entenwerder lenkte auch hier die Behörde ein, beide Seiten einigten sich am Mittwoch auf 300 Schlafzelte.

Doch schon am Donnerstag wird diese Zahl erreicht. „Wir brauchen einfach mehr Zelte, die Leute brauchen doch Platz zum Schlafen“, sagt Camp-Sprecher Amseln Schindler. Wenn man Protest zulasse, müsse man auch die Logistik dafür zulassen, argumentiert er.

Die Polizei ist überraschend zurückhaltend

Die Polizei hält sich unterdessen zurück – zumindest an diesem Nachmittag. Während in den Tagen zuvor noch überall Mannschaftswagen abgestellt waren und etliche Beamte die Besucher scharf kontrollierten, ist jetzt bis auf die beiden kleinen Transporter, die die Sonderzug-Passagiere begleitet haben, keine Polizei zu sehen. Auch auf den Zufahrtsstraßen nicht. Obwohl das Camp von Minute zu Minute wächst, wie es scheint.

Haben Senat und Polizei eine 180-Grad-Wende hingelegt? Während zuvor versucht wurde, nirgendwo ein Übernachtungscamp zuzulassen, scheint die Linie nun urplötzlich sehr locker. „Wir gehen davon aus, dass die Polizei das toleriert, ist doch alles friedlich“, sagt der Sprecher und deutet auf ein tatsächlich friedliches Campingbild, das sich dem Besucher jetzt bei Sonnenschein bietet. Und die Polizei selbst? „300 Zelte sind genehmigt“, sagt ein Sprecher. Mehr könne er dazu derzeit nicht sagen. Da ist es ebenfalls noch Nachmittag – während Behörden, Gerichte, und Anmelder über das Camp weiter beraten. Es gibt einen Antrag auf eine völlige Freigabe oder auch auf zusätzliche Plätze in der Nähe.

Zeltgruppen haben eigene Namen

Von diesem Tauziehen im Hintergrund scheinbar unbeeindruckt spielt sich auf der Wiese derweil eine Art Protestcamp-Routine ein. Die Zeltgruppen sind in verschiedene „Barrios“, wie sie hier genannt werden, unterteilt. „Barrio Thüringen“, steht auf einem Schild. „Barrio Rosso“, auf einem anderen. Eine Gruppe aus Italien campiert dort, ebenfalls meist jüngere Leute, doch ein wenig eleganter gekleidet als die meisten. Cargohose und T-Shirt herrschen sonst vor. „Die Revolution ist weiblich“, steht auf einem Banner vor Zelten, wo Kurden ihr Quartier aufgeschlagen haben.

Viel ist an den Info-Ständen von „Antikapitalismus“ zu lesen. Mal informieren dort eher libertäre, anarchische Gruppen, dann wieder stramm sozialistische, die auch ihren Lenin ausliegen haben. „Es geht uns um ein basisdemokratisches Gegenmodell zu den G20-Staaten“, sagt der Camp-Sprecher.

Das Bezirksamt prüft die Gesundheitszeugnisse

Auf Hinweisschildern wird zu einem „Aktionsplenum“ in einem der großen Zelte aufgerufen. „Shut-Down the Logistic of Capital“ ist auf einem roten Banner auf einem anderen Zelt zu lesen. Konzentriert wie bei einem Meeting im Büro bespricht eine Gruppe dort die für Freitag geplanten Blockade-Aktionen. „Wer kann Material aus der Flora mitbringen?“, fragt mit strenger Stimme ein junger Mann. Und wer habe einen Führerschein? Aufgaben werden verteilt, die Stimmung auch hier: ruhig und diszipliniert.

Aber nicht überall: Auf einem Fußballfeld wird fröhlich gekickt, manch einer liegt aber auch einfach nur entspannt auf der Wiese im Gras. Andere tragen Kaffeekannen oder Mahlzeiten durchs Camp. Ein regelrechter Küchendienst wurde auch organisiert. Und weil eben alles seine Ordnung haben muss, hat sich nun doch eine Behörde zur Kontrolle angesagt: Das Bezirksamt Altona will gleich mit drei Mitarbeitern prüfen, ob die Leute im Küchenzelt auch die vorgeschriebenen Gesundheitszeugnisse dabeihaben. Mit einer solchen Kontrolle aber, so scheint es, kann man hier im Camp gut leben.

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