Gaststätte „Linde“

Ein „Heimathafen“ im Herzen von Blankenese

| Lesedauer: 6 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Treff am Tresen: Jafar Ghafoori (v. l.) mit Frau Melanie, Stephanie Süling und Heiner Goßler.

Treff am Tresen: Jafar Ghafoori (v. l.) mit Frau Melanie, Stephanie Süling und Heiner Goßler.

Foto: Roland Magunia

Gastwirtschaft hat den Wandel von der Kneipe zum Lokal durchgemacht – und ist sich trotzdem treu geblieben. Ein Besuch vor Ort.

Hamburg.  Dass der gesellige Blankeneser nicht nur sein Zuhause als Refugium schätzt, liegt entscheidend an der „Linde“. Die traditionsreiche Gastwirtschaft an der Dockenhudener Straße verfügt über einen legendären Ruf. Auch wenn sich das Lokal in strategisch günstiger Lage längst von einer urigen Kaschemme mit üppig sprudelnder Bierquelle und reichlich Remmidemmi zum trendigen Restaurant mit Barbetrieb entwickelte, blieb es seinem historischen Charakter treu: als gute Stube des Stadtteils. Wer kultiviert Einkehr halten will, sitzt hier richtig. Damals wie heute.

Doch wie hat es die „Linde“ geschafft, ihren Status im Herzen des früheren Fischerdorfs und seiner Einwohner dauerhaft zu wahren? Um diesem geselligen Mirakel auf den Grund zu gehen, bitten wir ein Quintett handverlesener Profis zu einem gepflegten Kaltgetränk an die rund 15 Meter lange Theke. Neben dem Gastronomen-Ehepaar Melanie und Jafar Ghafoori, das seit 1997 den Ton angibt, nehmen zwei kampferprobte, konditionsstarke Pistengänger vergangener Zeiten auf den Barhockern platz: Heiner Goßler aus der namhaften Blankeneser Familie sowie Klaus Schümann, Verleger des Magazins „Klönschnack“ und Urgestein des Viertels. Beide kennen sich aus der Kindheit, sind seit Jahrzehnten Freunde.

Blick in die Gründerzeit

Fünfte in der Runde ist mit Stephanie Süling aus Sülldorf ein Stammgast aus der Neuzeit der „Linde“. Die Kommunikationswirtin kommt gerne und regelmäßig mit Familie und Freunden. Jeden zweiten Dienstag im Monat steigt der Jour fixe lebenslustiger Ladys.

Doch blicken wir zurück in die Gründerzeit. Schon vor mehr als einem Jahrhundert nutzten Anwohner die Schank- und Speisewirtschaft nahe des Blankeneser Bahnhofs für ein Fofftein-Pils, hin und wieder einen Lütten, für Familienfeiern oder Zusammenkünfte von Vereinen und Parteien. Denn vom eigentlichen Kneipenraum führte der Weg durch eine Schiebetür in den Saal nebenan, „Halle B“ genannt. Ein Billardtisch, die Musikbox, später Flipperapparate, Geldspielgeräte („Daddelkästen“) sowie die mit lokalen Virtuosen bestückte Band „Fisherman’s Friends“ trugen zur famosen Unterhaltung bei. Einige der Apparate werden heutzutage im Keller verwahrt. Und den uralten Schriftzug hat sich Klaus Schümann gesichert.

„Bermudadreieck“ für routinierte Schluckspechte

Bei diesen Stichworten steigt der Stimmungspegel. Vor allem Goßler und Schümann spielen sich die Bälle in alter Meisterklasse zu. Dass es heute kleine Biergläser und Rhabarbersaft gibt, trübt den Elan keinesfalls. Auch wenn manche im Dorf meinen, die Jungs hätten mit ihren Kumpels früher quasi „den Inhalt eines Tankschiffs weggelutscht“. Nicht nur am Tresen und in der Sitzecke, der „Schweinebucht“, ging’s rund, sondern auch draußen vor der Tür. Vor allem donnerstags sei der Dübel los gewesen. Warum? Weiß keiner so genau, war eben Tradition. Die Raucherpinte mit dem Neonlicht, dem Resopal, den stabilen Holztischen und dem Nimbus eines Kontakthofs wurde von Jung wie Alt angesteuert. Heimathafen „Linde“.

Routinierte Schluckspechte haben ein für Abstürze jeglicher Art geeignetes „Bermudadreieck“ in feuchtfröhlicher Erinnerung: „Linde“, die „Gemütliche Ecke“ an der Ecke Hasenhöhe sowie das „Köpi“ schräg gegenüber. Im „Köpi“ galten Wirt Walter Matzke und Zapfer Hein Wiese als aufrechte Granden Blankeneses. Zu später Stunde soll Stammgast Werner Böhm dort seinen Dauerbrenner „Polonaise Blankenese“ ausgeheckt haben. „Und nachts pinselten Gäste Zebrastreifen auf die Straße und regelten den Verkehr“, erinnert sich Klaus Schümann. Ging in den wilden 1970er-Jahren, geht heute nicht mehr. Verdammt lang her, indes in Fachkreisen unvergessen.

Allgemeines Kneipensterben

Auch Otto Waalkes, Horst Janssen, bisweilen Udo Lindenberg, Uwe Seeler und Max Lorenz gesellten sich hinzu. Am 25. Januar 1995 war Schluss mit lustig: Wirt Uwe Schell und Ehefrau Helga alias „Herzi“ baten zur Abrissparty – und zur finalen Runde. Nicht lang schnacken. Das allgemeine Kneipensterben verschonte Blankenese nicht vor dem Kollaps ihrer vertrauten Kultkneipe. Es war ein Abschied mit Pauken, Trompeten, Tränen, trotz allem unbändiger Lebenslust.

Heiner Goßler schätzte sich glücklich, das aus seiner Sicht mit Abstand beste Stück frühzeitig „geangelt“ zu haben: Der studierte Architekt und talentierte Lebenskünstler traf in der „Linde“ seine Riitta, Studentin aus Finnland. Seit 36 Jahren sind die beiden verheiratet, zusammen noch länger. Dass Heiner Rekordhalter mit 40 zwischen den Zähnen geklemmten Bierdeckeln war, ist eine andere Geschichte. Die versteht nur, wer früher dabei war.

Von der traditionsreichen Kneipe zum stilvollen Lokal

Halten wir kurz inne, ordern weitere Drinks und kommen auf ein anderes Paar zu sprechen, das „Linden-Geschichte“ schreibt: Im „Feuerstein“ am Neuen Pferdemarkt lernten sich einst die studentischen Aushilfskräfte Melanie Sumser und Jafar Ghafoori kennen. Der im Iran geborene Jurastudent und die später examinierte Psychologin schließen nicht nur den Bund fürs Leben. Seite an Seite starten sie in der Gastronomie durch. Mit einer Investition von damals einigen Hunderttausend D-Mark, einem hohen Bankkredit, Risikofreude und Ideen eines bekannten Innenarchitekten verwandelten sie die traditionsreiche, jedoch letztlich abgewirtschaftete Kneipe in ein zeitgemäßes, stilvolles Lokal mit zur Umgebung passendem Charme.

Die „Linde“ 2.0 oder 2020 verfügt über rund 100 Sitzplätze an den Tischen sowie an der Theke. Bei schönem Wetter kommen im Garten 40 hinzu. Die Küche ist mediterran geprägt, mit orientalischer Nuance. Wer mag, kann alternativ Currywurst und Burger bestellen. Geöffnet ist an sieben Tagen in der Woche von 17 Uhr bis weit nach Mitternacht. Nicht selten weilen aktuell die Kinder oder Enkel der Stammgäste von damals vor Ort. Sie lauschen gespannt den Geschichten von früherer Blüte der „Linde“. Heute hat ein neuer Frühling begonnen. Er ist nicht schlechter; er ist anders.

Und wo eingangs der Waschräume einst ein Kondomautomat an der Wand hing, kann man jetzt kleine Dosen mit Niveacreme ziehen. O tempora, o mores. Die Zeiten haben sich geändert.

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