Blankenese

Meterlange Kundenschlangen seit 1909 – für Charolais-Rinder

Ein eingespieltes Team: Otto Meinert mit seiner Tochter Sophia, die demnächst ihren Meister macht.

Ein eingespieltes Team: Otto Meinert mit seiner Tochter Sophia, die demnächst ihren Meister macht.

Foto: Sebastian Becht

Schon seit über 100 Jahren ist die Fleischerei von Otto Meinert in Familienhand. Wie das Unternehmen zukunftsfähig bleiben will.

Hamburg. Es ist nicht leicht, mit Otto Meinert in Ruhe zu sprechen. In seinem nur rund 15 Quadratmeter großen Laden herrscht Hochbetrieb, und Meinert ist ein kommunikativer Typ, der seine Kunden alles andere als maulfaul in den Tag verabschiedet. Hinzu kommen ständige Anrufe – mal geht’s um Bestellungen, mal um Organisatorisches rund um seinen Fleischereibetrieb.

Fleischerei oder Metzgerei – allein über diese Definitionen kann man sich mit Meinert eine halbe Stunde lang unterhalten – genauso lange wie über die Frage, in welcher Generation er den Betrieb mittlerweile führt. Der 67-Jährige, stattlich und vital, agiert wieselflink hinter dem blitzblanken Tresen.

Mit 29 Jahren übernahm er den väterlichen Betrieb, den es mittlerweile seit 110 Jahren am selben Standort gibt. Schon das ist in Zeiten von massivem Ladensterben höchst bemerkenswert. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen auf vegetarische oder auch vegane Ernährung setzen – eigentlich eine alarmierende Entwicklung für den Meinertschen Familienbetrieb. Doch von Krise keine Spur. Meinert und Tochter Sophia sind in Hochform, blicken selbstbewusst und optimistisch nach vorn.

Charolais-Rinder in der Wedeler Marsch

Gelassen berichtet Meinert, der fast 20 Jahre lang stellvertretender Obermeister der Fleischerinnung Hamburg war, aus seinem bunten Leben. Auffällig: Im Verkaufsraum hängen Urkunden aus alten Zeiten, aber Meinert spricht erst nach Aufforderung über seine Altvorderen. Damit wird deutlich: Die Firma fußt zwar auf einer langen Tradition, der er sich auch verpflichtet fühlt, aber er verharrt nicht in der Vergangenheit. Als Unternehmer ist ihm klar, dass Stillstand das Ende seiner Fleischerei bedeuten könnte.

Früher als andere setzte er auf ökologisch wertvolle Aufzucht der Fleischlieferanten und die offensive Werbung mit diesem Thema. Die handverlesenen Charolais-Rinder, die das Fleisch fürs Geschäft liefern, grasen in der Wedeler Marsch – und „liefern ihre zertifizierten Nachweise gleich mit“, wie Meinert ulkt.

Wenn’s sein muss, kann er bei aller Leutseligkeit auch wie ein PR-Experte sprechen: „Regional ist das neue Bio“ ist so ein Satz oder auch: „Jeder Stadtteil hat einen ordentlichen Fleischer verdient.“

Schon seit 1909 am selben Standort

Schon seit 1909 verkauft die Familie Fleisch am selben Standort – der ehemaligen Dockenhudener Dorfschule, die mehr als 200 Jahre alt ist. Davor hatte Meinerts Urgroßvater schon an einem anderen Standort eine Fleischerei betrieben. Sein Vater wurde noch in dem längst denkmalgeschützten Haus geboren, genau wie die Großmutter. Mehr Tradition geht kaum. Man könnte sagen: Im Laufe der Zeit ist jedem der jeweiligen Betreiber der Geschäftsbetrieb buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen.

Allerdings hießen sie nicht immer alle Meinert. Otto Meinerts Vater, ebenfalls Otto mit Vornamen, hatte den Betrieb durch die Heirat mit Fleischermeistertochter Erna Hebenstreit übernommen. Nicht ohne Stolz zeigt Meinert den der Zeit entsprechend kunstvoll gestalteten Meisterbrief von Großvater Hebenstreit – ausgestellt von der Handwerkskammer „zu Altona“.

Platzwechsel. Otto Meinert flitzt zurück in den Verkaufsraum, Tochter Sophia übernimmt das Gespräch für den Vater. In diesem Frühjahr macht sie ihren Meister, arbeitet eng mit dem Senior zusammen, dessen Nachfolgerin sie eines Tages einmal werden soll. Für die junge Frau ist es selbstverständlich, in einem eher „blutigen“ Beruf zu arbeiten, der andere eher abschrecken würde.

„Der Anfang war nicht leicht“, bekennt sie ehrlich. „Ich bin froh, dass wir heute nicht mehr selbst schlachten, aber Blutwurst rühren macht mir nichts mehr aus.“ So ziemlich alles könne sie mittlerweile im Beruf, berichtet sie, und: „Mein Vatter redet mir nicht rein. Er vertraut mir und lässt mich machen.“

Die Kunden informieren sich genauer als früher

Immer wieder ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, innerhalb der Familie einen Nachfolger zu finden, der Freude an diesem Beruf hat, der aber auch mit dem Standort verwurzelt ist. Die Bindung an das eher kleine Haus direkt neben der viel befahrenen Straße ist dafür genauso wichtig wie der richtige Umgang mit den Kunden. Die kommen nicht nur, aber doch zum überwiegenden Teil aus Blankenese und sind damit höflich-korrekt, selbstbewusst und gut informiert.

„Die Menschen heute wollen über die genaue Zusammensetzung von Wurst viel genauer Bescheid wissen als früher“, sagt Sophia Meinert. Insgesamt werde wohl etwas weniger Fleisch gekauft, aber regelrechte Umsatzeinbrüche seien nicht zu verzeichnen. Etwas anderes bereitet den ansonsten stets optimistisch-sonnigen Meinerts mehr Kopfzerbrechen: Es wird auch in diesem Gewerbe immer schwieriger, gutes Fachpersonal zu finden. Aktuell suchen Meinerts eine Verkäuferin in Vollzeit.

Wer im Umkreis der Weihnachtsfeiertage und vor Silvester an der Ecke vorbeikam, an der die Elbchaussee einen markanten Knick hat und ganz kleinstädtisch aussieht, konnte Käuferschlangen sehen, die sich meterlang vor dem Laden ausdehnten. Und wenn die Kunden mit Körben und Taschen vor dem alten Haus mit dem Reetdach stehen, ist das manchmal ein Bild fast wie vor 100 Jahren.

Darum geht es eben bei Meinerts: Mit einer langen Tradition im Rücken den Weg in die Zukunft zu gehen.