Eimsbüttel

Wohnungen statt Läden – Kündigung für Ärzte und Händler

Sie müssen raus aus ihren Räumen (v.l.): Monika Fröhler, Manuela Godorr und Arne Breest, Petra und Herbert Günter.

Sie müssen raus aus ihren Räumen (v.l.): Monika Fröhler, Manuela Godorr und Arne Breest, Petra und Herbert Günter.

Foto: Marcelo Hernandez

In Eimsbüttel müssen Einzelhändler und Künstler Wohnungen Platz machen. Neue Räume zu finden, ist schwierig.

Hamburg.  Das Schreiben ließ keinen Zweifel zu: Bis zum 30. Juni müssen die Gewerbetreibenden und zwei Allgemeinmediziner mit ihrer Hausarztpraxis aus ihren Räumen an der Bismarckstraße im Generalsviertel in Eimsbüttel ausziehen. Während dort dringend benötigter Wohnraum geschaffen werden soll, fürchten die Geschäftsinhaber jetzt um ihre Existenz. Kein Einzelfall: Nur wenige Kilometer weiter verlieren Künstler ihre Räume.

Für die betroffenen Mieter kam die Kündigung völlig unerwartet. Und nicht nur für sie: Als die Patienten davon erfuhren, sagt der Allgemeinmediziner Arne Breest, waren viele schockiert, manche sauer. Um rund 1500 Menschen aus dem Viertel kümmern sich Breest und seine Kollegin Manuela Godorr, darunter sind viele alte Menschen, zu denen Breest mit dem Fahrrad fährt und Hausbesuche macht.

Beruflicher Neustart mit 61

Seit 2004 betreiben die beiden ihre Hausarztpraxis. „Als unser Vorgänger hier noch war, gab es in der Straße vier Hausärzte.“ Nach der Kündigung durch ihren Vermieter verlässt die letzte Hausarztpraxis die Straße. Wollen die Patienten bei den Ärzten ihres Vertrauens bleiben, müssen sie in Zukunft weitere Wege auf sich nehmen, der mögliche Radius beträgt dann bis zu drei Kilometer. Der Antrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung auf eine Zulassung in der Nähe läuft, es fehlen nur noch passende Räume.

Bitter ist das Aus auch für Monika Fröhler, die seit mehr als 20 Jahren mit ihrem Reisebüro „Luna“ an der Bismarckstraße ansässig ist. Mit ihren drei Angestellten bezahlbare Räume zu finden, ist kompliziert und teuer. „Zumal es in unmittelbarer Nähe gleich zwei andere Reisebüros gibt“, sagt Frau Fröhler. „Wenn ich umziehe, muss ich mir auch einen neuen Kundenstamm aufbauen können.“ 61 Jahre ist sie alt und muss nun komplett neu starten. Doch wenn für 45 Quadratmeter Gewerbefläche in der Nähe 3600 Euro Kaltmiete verlangt werden, kann sie nicht mithalten.

FDP: Gewerbe und Wohnraum nicht kannibalisieren

Nicht das Internet macht diesen Einzelhändlern das Leben schwer, sondern ihr Vermieter und die Senatspolitik. Demnach sollen jedes Jahr 10.000 Wohnungen genehmigt werden. Die angespannte Wohnungssituation in der Stadt macht das notwendig. Zudem zahlt der Senat den Bezirken aus dem Förderfonds Bezirke eine Prämie von 250 Euro pro genehmigter Wohneinheit.

„Diese Prämie ist nicht für Gewerbeflächen vorgesehen“, sagt Michael Kruse, FDP-Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft. Er befürchtet, dass diese Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnungen ein Trend werden könne: „Die Gewerbeflächenentwicklung in Hamburg ist in den letzten Jahren sehr dürftig, zuletzt reduzierte sich die Zahl der Flächen sogar.“

Das geht aus der Antwort auf seine Schriftliche Kleine Anfrage hervor. „Gewerbe und Wohnraum sollten sich nicht kannibalisieren, denn sie bedingen sich in einer attraktiven Metropole gegenseitig“, so Kruse.

Straße ist ein Wohnstandort

Glück hat Petra Günter, die seit 2004 das Kinderschuhgeschäft „Cangokids“ an der Bismarckstraße 108 betreibt und neue Räumlichkeiten am Eppendorfer Weg gefunden hat, am 1. März war Neueröffnung. Doch auch sie muss in Zukunft mehr einnehmen, um die höhere Miete ausgleichen zu können.

Hauseigentümer Helmut Köhler hatte den Gewerbetreibenden gekündigt, weil er Wohnungen bauen möchte. Rechtlich ist das in Ordnung, da die Bismarckstraße Mischgebiet ist. „Wir sehen die Straße als Wohnstandort und schaffen nun vernünftigen Wohnraum“, sagt er.

Auch Künstler müssen Wohnungen weichen

Kündigungen von gewerblichen Räumen in Wohngebieten sei vermehrt festzustellen, sagt Peter Gutzeit, Sprecher des Kerngebietsausschusses in der Eimsbütteler Bezirksversammlung für die Fraktion Die Linke. „Ich wehre mich gegen die Vertreibung des inhabergeführten Einzelhandels. Es bedarf dringend eines Mieterschutzes für Gewerbetreibende. Das ist allerdings nur über die Bundesgesetzgebung möglich.“ Aus Sicht des Bezirksamtes ist ein Mix aus Wohnen und Gewerbe trotz der Kündigungen gegeben. „Entlang des Eppendorfer Wegs und an der U-Bahn Hoheluftbrücke gibt es auf kürzesten Wegen den gewünschten Mix aus Wohnen und Gewerbe“, so ein Bezirksamtssprecher.

Ein paar Kilometer weiter Richtung Eimsbüttel ist auch der Künstler Till F.E. Haupt von Verdrängung betroffen. Weil der Eigentümer eventuell Wohnungen bauen will, müssen Haupt und die anderen vier Künstler der Gemeinschaft ihre Räume im Hinterhof an der Sillemstraße 48 verlassen. Derzeit nutzen dort vier Parteien eine Fläche von etwas mehr als 3000 Quadratmetern im Rahmen befristeter Gewerbemietverträge.

Keine Luxuswohnungen an der Sillemstraße

„Konkrete Planungen für die nachvertragliche Zeit besteht nicht“, heißt es vom Rechtsanwalt des Vermieters. „Die Schaffung bezahlbaren Wohnraums für Familien wäre eine Option.“ Überlegungen, dort Luxusobjekte zu errichten, bestünden auf keine Fall. Das sei wegen des Milieuschutzes auch gar nicht möglich.

Für Haupt und seine Frau, eine Musikerin, steht nun fest: Sie müssen Hamburg verlassen. „In Hamburg werden wir uns nichts leisten können, auch nicht im Speckgürtel“, sagt der 48-Jährige. Momentan gucken sie sich Räume in Itzehoe an. „Wir als Künstler sind sogar bereit, ungeheizte und zum Teil undichte Flächen zu mieten, um überhaupt arbeiten zu können. Aber selbst diese Flächen verschwinden nun auf Grund verfehlter Wohnungspolitik und Spekulanten.“

Künstler verlassen die Stadt

Künstler Haupt geht es um das große Ganze: „Es ist ein großer Verlust für Hamburg, wenn wir Künstler die Stadt verlassen.“ Er schaut skeptisch in die Zukunft: „Wenn sich Gewerbe nach außen verlagert, ist das keine Stadtgesellschaft der Zukunft.“ Statt Ateliers und Werkstätten entstünden hippe und überteuerte Wohnungen.

„Eine Großstadt ohne lebendiges Gewerbe, ohne idyllische Höfe mit Menschen, die dort arbeiten, ist eine traurige Stadt.“ Haupt verweist auch auf seine Kollegen an der Bernstorffstraße in Altona-Altstadt.

Dort leben und arbeiten seit 35 Jahren 110 Handwerker und Künstler, darunter auch Rocko Schamoni und die Hip-Hop-Band Fettes Brot. Seit ein Investor aus Berlin das Gelände gekauft hat, fürchtet die Gemeinschaft, langfristig durch Mieterhöhungen vertrieben zu werden und protestiert dagegen.