Othmarschen

Martin Hofmann: Ein Gottesmann geht andere Wege

Pastor Martin Hofmann von der Christuskirche in Othmarschen wurde in das Projekt „Studium in Israel“ aufgenommen.

Pastor Martin Hofmann von der Christuskirche in Othmarschen wurde in das Projekt „Studium in Israel“ aufgenommen.

Foto: Michael Rauhe

Pastor der Christuskirche nutzt ein Sabbatical für dreimonatige Israel-Forschungen. Seit zwölf Jahren spricht er im NDR-Hörfunk.

Hamburg. Die Predigt am letzten Sonntag dieses Jahres in der Christuskirche will er noch halten. Und zum Ausklang des Silvesterkonzerts zwei Tage darauf wird er der Gemeinde Gottes Segen erteilen. Anschließend bricht Pastor Martin Hofmann auf zu neuen Ufern – im wahrsten Sinn des Wortes. In Jerusalem, der 880.000 Einwohner umfassenden Hauptstadt zwischen Mittelmeer und Totem Meer, möchte der evangelische Theologe grundsätzlichen Fragen des Glaubens sowie des Miteinanders von Israelis und Palästinensern auf den Grund gehen. Diese Studien dauern drei Monate. Die Ergebnisse sollen das Fundament eines Radiogottesdienstes bilden, den der vierfache Familienvater am Sonntag nach Ostern des kommenden Jahres in der Christuskirche halten wird.

Der Gemeinde am Roosens Weg in Othmarschen ist Martin Hofmann seit 2007 verbunden. Der Gottesdienst soll auf NDR Info und im WDR übertragen werden. Grundlage des außerordentlichen Einsatzes ist die Möglichkeit eines dreimonatigen Sabbaticals. Dieses gewährt der Kirchenkreis seinen mehr als 50 Jahre alten Pastoren einmal in ihrer Amtszeit. Während des Vierteljahres wird das Gehalt weiterbezahlt; zusätz­liche Kosten gehen auf eigene Rechnung. Etwa in der Mitte des Berufslebens erhalten die Theologen somit eine Chance zum Innehalten, Auftanken und zur Perspektiverweiterung. Manche führt der Weg ins Kloster, andere nach Rom.

Akku wieder aufladen

Dass dieses Aufladen des Akkus nach wochenlanger Krankheit ohnehin erforderlich ist, konnte der gebürtige Hamburger bei seinem Antrag vor mehreren Monaten nicht ahnen. Eine von Ärzten nach einem Zeckenbiss anfangs nicht erkannte Neuro-Borreliose zwang Hofmann jüngst zwei Wochen ins Krankenhaus und einen Monat in die Reha. Das ist abgehakt, Gott sei Dank, und am 4. Januar geht es nach Jerusalem. Auf zur Auszeit mit theologischem Anspruch.

„Ich freue mich sehr“, sagte der 51 Jahre alte Pastor bei Kaffee und Franzbrötchen im Gemeindehaus der Christuskirche. Mit seinem positiven Naturell und dem Talent, ernsthafte Themen unterhaltsam und zum Nachdenken anregend vortragen zu können, erwarb sich Martin Hofmann über Othmarschen hinaus einen formidablen Ruf. Nicht nur in den Elbvororten gilt er als Institution. Ehefrau Alexandra, ebenfalls eine Theologin, die vier Kinder zwischen zwölf und 21 Jahren, sowie der Wohnsitz, nur wenige Fußminuten vom Roosens Weg entfernt, tragen zur Bodenhaftung bei. Da der Geistliche ganz bewusst nie einen Führerschein gemacht hat, ist er ein passionierter Spaziergänger, der Hamburg kennt.

Starkes soziales Engagement

Basis gemeinnützigen Wirkens ist sein soziales Engagement – von Anfang an. Nach Schulzeit in Wandsbek und Studium in der Heimatstadt arbeitete Hofmann in der Gehörlosenseelsorge, an einem Berufsbildungswerk für behinderte Jugendliche sowie im Sozialprojekt Rathauspassage. Aktuell engagiert er sich außerhalb der eigenen Gemeinde für die Einrichtung „Hoffnungsorte“, die Bahnhofsmission und eine Flüchtlingsunterkunft am Holmbrook.

Seit zwölf Jahren spricht der Protestant kurz und pointiert Andachten im NDR-Hörfunk. Im vergangenen Monat war er dreimal auf NDR 90,3 präsent. 2011 gewann Martin Hofmann den bundesweit ausgeschriebenen Ökumenischen Predigtpreis in Bronze und 2015 in Gold. Mit diesem Erfolg sind weitere Teilnahmen ausgeschlossen. Doch um Preise geht es diesem Pastor ohnehin ausschließlich der Sachen wegen. Entsprechend ist das Sabbatical 2020 angelegt. „Einen solchen Radio-Gottesdienst kann man nicht am Schreibtisch vorbereiten“, sagt Martin Hofmann.

Hofmann will sich vor Ort eine persönliche Meinung bilden

Kontakte helfen ihm, in Israel interessante Gesprächspartner zu treffen und möglichst vielfältige, ungefilterte Informationen zu erhalten. Ziel ist es, sich eine persönliche Meinung bilden zu können. In einem adventlichen Brief an Gemeindemitglieder und Freunde stellt der Pastor Details seiner Planung vor. In den drei Monaten seiner Reise nach Nahost wird seine seit Februar dieses Jahres vor Ort aktive Kollegin Susann Kropf das Gros der Predigten übernehmen. Mit ihrer Rückendeckung, der Unterstützung des Kirchengemeinderates und dem Segen seiner Familie sollen die Gedanken frei sein. Während seiner langen Krankheit im Herbst erkannte Hofmann: „Mensch, Kirche läuft auch ohne mich.“ Dabei ging ihm eine Aussage seines früheren Propstes nicht aus dem Kopf: „Es ist keine Kunst, ein guter Pastor zu sein. Es ist aber eine Kunst, ein guter Pastor zu bleiben.“

Initialzündung für die theologische Mission fernab des Alltags gab eine zehntägige Israelreise im Vorjahr, zu der Hofmann gemeinsam mit 26 Gemeindemitgliedern der Christuskirche aufbrach. Jeder zahlte selbst. Bei der jetzigen Tour wurde der Hanseat Hofmann in das Projekt „Studium in Israel“ aufgenommen. Dieser gemeinnützige Verein kümmert sich um die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses. Arbeitstitel seiner Recherchen: „Wo im Nahostkonflikt wird man müde, wo bekomme ich Hoffnung?“

Unterstützung des lutherischen Auguste-Viktoria-Hospitals

Besonders am Herzen liegt ihm die Unterstützung des lutherischen Auguste-Viktoria-Hospitals. Dieses ist dringend auf Spenden angewiesen, um weiterhin die Behandlung krebskranker Palästinenser gewährleisten zu können. Martin Hofmann selbst sagt: „Ich gehe als ein Theologe nach Israel, der fest davon überzeugt ist, dass man das Christentum ohne das Judentum nicht verstehen kann.“ Die neuen Erfahrungen sollen beleben und beseelen. Und da der Suchende aus Hamburg die Kosten bei weiterhin laufenden Zahlungen daheim selbst trägt, muss sparsam gewirtschaftet werden.

Dabei hilft ein Zimmer im Deutschen Archäologischen Institut in Jerusalem als Wohnquartier. Unabhängig von der aktuellen Mission plant Martin Hofmann bereits Israelreise Nummer drei. Im Jahr 2021 möchte er erneut mit Mitgliedern seiner Gemeinde ins gelobte Land aufbrechen. Die Gemeinschaft soll von seinem Erfahrungsschatz profitieren.