Hamburg

Der Gräfin in Blankenese auf der Spur

Marion Dönhoff im hohen Alter, fotografiert in Blankenese..

Marion Dönhoff im hohen Alter, fotografiert in Blankenese..

Foto: Dieter Wehde

Schüler des Gymnasiums haben erforscht, wie Marion Dönhoff in ihrer Nachbarschaft lebte.

Hamburg.  Sie gehört auch mehr als 17 Jahre nach ihrem Tod noch immer zu den bekanntesten Intellektuellen Deutschlands: die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff. Zahlreiche Bücher erschienen bereits über die Hamburger Ehrenbürgerin, darunter mehrere Biografien. Jetzt hat eine Gruppe von vier geschichtsinteressierten Schülern des Gymnasiums Blankenese einen weiteren Mosaikstein zu Dönhoffs Leben hinzugefügt: die von Geschichtslehrer Fabian Wehner als Tutor betreute Arbeit: „Die Gräfin am Blankeneser Pumpenkamp – Kontinuität und Diskontinuität im Leben Marion Dönhoffs“. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, wurde die Gruppe, Lando Derouaux, Elisabeth Dimigen, Franziska Landgrebe und Anna Schomberg, damit kürzlich Landessieger beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2018/19.

Dönhoff wohnte fast 40 Jahre am Pumpenkamp

Dönhoff war im Januar 1945 aus ihrer Heimat Ostpreußen nach Westen geflüchtet. 600 Jahre lang (!) hatte sich das Schloss Friedrichstein im Besitz ihrer Familie befunden – es galt als das kulturhistorisch bedeutendste Anwesen Ostpreußens. Kurze Zeit später wurde es von der Roten Armee gesprengt – nur minimale Reste blieben übrig. Über Flucht, Vertreibung und den Beginn des „zweiten Lebens“ in Hamburg Blankenese hat Marion Dönhoff immer wieder geschrieben, unter anderem in ihrem Buch „Namen, die keiner mehr nennt“.

Was blieb im Haus am Pumpenkamp erhalten vom Leben aus der Zeit vor 1945, welche Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Rituale behielt Dönhoff in dem eher kleinen Haus (einem Geschenk des Verlegers Gerd Bucerius) bei, das sie von 1963 an fast 40 Jahre lang bewohnte? „Wie hat sie den biografischen Bruch verarbeitet und wie viel erstes Leben hat sie in ihr zweites mitgenommen?“ wollten die Schüler wissen.

Die Schüler sprachen auch mit ihren früheren Nachbarn

Um das herauszufinden, sprachen die vier und Lehrer Wehner nicht nur mit Angehörigen der Gräfin wie Friedrich Dönhoff und Hermann Graf Hatzfeld, sondern auch mit ihren Blankeneser Nachbarn. Sie haben damit erstmals die unmittelbare Lebensumgebung der Gräfin untersucht und dabei Verblüffendes herausgefunden, darunter auch manches, was selbst Dönhoff-Kennern kaum bekannt gewesen sein dürfte – und erst recht nicht der Öffentlichkeit.

Dönhoff lebte demnach in dem Haus ungeheuer anspruchslos. Sie ließ nur die allernötigsten Reparaturen erledigen, der Garten wurde so gut wie nicht gepflegt. Das Badezimmer habe den Standard der 1950er-Jahre gehabt, wie sich ein Besucher erinnert.

Stark unter dem Verlust der Heimat gelitten

Stärker als sie es öffentlich vermittelt hat, dürfte Dönhoff unter dem Verlust der Heimat gelitten haben – auch das ist eines der Ergebnisse der Schülerarbeit. Sie, die in Ostpreußen keineswegs im Luxus aufgewachsen war, sondern spartanisch-preußisch, umgab sich am Pumpenkamp mit vielen Erinnerungsstücken aus ihrem „ersten Leben“, darunter Bilder, Möbelstücke, Tafelsilber und eine Truhe voller Wäsche aus Friedrichstein. Das Mobiliar, zu dem auch ihr Schreibtisch gehörte, hatte sie vor der Flucht rechtzeitig nach Westen verschickt.

Als sie den langen Ritt bei schneidender Kälte dann antrat, gehörte neben einem Gedichtband auch ein silberner Löffel zu den Dingen, die sie mitnahm. Der Grund: Dönhoff war sicher, bei stationären Essensverteilungen unterwegs ohne Löffel leer auszugehen. Wenig bekannt: Jahrzehntelang hat sie diesen Löffel im Handschuhfach ihres jeweiligen Porsche verstaut. Die schicken Autos, gehörten zu den wenigen Luxusgütern im Leben der Dönhoff – allerdings wurden auch sie, wie sich die Nachbarn rückblickend erinnern, kaum gepflegt.

Die Gräfin bevorzugte ganz einfaches, leichtes Essen

Im Grunde wirkte ihr Blankeneser Haushalt in der Beschreibung in mancher Hinsicht wie ein Mini-Friedrichstein. Die fast schon spartanische Lebensweise entsprach Dönhoffs „preußischem Idealismus im besten Sinne des Wortes“ (Fritz Stern). So hatte sie zwar eine Haushälterin, die im Keller wohnte und täglich kochte. Aber die Gräfin bevorzugte ganz einfaches, leichtes Essen – morgens nur ein Müsli. „Wenn Besuch da war, dann gab es immer schöne Sachen, aber wenig, immer wenig“, erinnert sich ein Nachbar.

Kurios und wohl typisch auch das: An einem kalten Januartag habe Dönhoff bei den Nachbarn geklingelt und darauf bestanden, ihren verstorbenen Dackel trotz Bodenfrosts gemeinsam im Garten zu begraben. Nach mühsam erledigter Arbeit ließ sie wissen: „Sie kommen jetzt mit, wir trinken noch einen Schnaps.“

Die treuen Nachbarn waren es auch, die einen großen Bernstein aus dem Nachlass erhielten, der von Marion Dönhoff aus Ostpreußen nach Westen gerettet worden war und der danach jahrzehntelang auf ihrem Schreibtisch gelegen hatte.

Schüler und Tutor besichtigten die Reste des Anwesens von Schloss Friedrichstein

Um sich tiefer in die Gedanken- und Gefühlswelt der Dönhoff einzufinden, fuhren Schüler und Tutor auch an die Stelle, an der Schloss Friedrichstein einst gestanden hatte. Fast sprachlos habe sie die enorme Ausdehnung von rund 90 Metern Fassade gemacht, die sich noch erahnen lässt, erinnern sich die vier in ihrer Arbeit. „Die geliebte Heimat irreversibel zerstört und verlassen“, stellten sie bewegt fest. Und: „Das ruinöse Friedrichstein lässt uns ansatzweise erahnen, was dieses Schicksal bedeutet, das damals viele Menschen ereilt hat.“ Ein „magischer Ort“ seien die Reste des Anwesens, so Tutor Fabian Wehner, der bei den Besuchern durchaus etwas auslöse und niemanden kalt lasse.

Auch der Frage, ob und wie stark Dönhoff durch Verlust und Flucht traumatisiert war, ist die Projektgruppe offensiv nachgegangen. Nach Analyse zahlreicher Äußerungen der Gräfin und Gesprächen mit Weggefährten halten sie das keineswegs für ausgeschlossen.