Roman

Blankenese – mal amüsant, mal verstörend

Schreibt sehr gut, ohne um die Leser zu buhlen: Mischa Kopmann.

Schreibt sehr gut, ohne um die Leser zu buhlen: Mischa Kopmann.

Foto: Thorsten Ahlf

Autor Mischa Kopmann präsentiert die Elbvororte in seinem Roman „Aquariumtrinker“ ungewohnt sarkastisch. Spaß macht es trotzdem.

Hamburg. Ein Treffen mit Mischa Kopmann mitten in Blankenese ist eine etwas zweischneidige Sache. Einerseits ist man gespannt, diesen vielversprechenden Schriftsteller mit der ungewöhnlichen Biografie kennenzulernen. Andererseits sind Ortskern, Villen- und Treppenviertel Schauplatz seines Romans „Aquariumtrinker“ – und der hat es ganz schön in sich. Wie geht Kopmann mit der Gegend um, die sein Antiheld Leon Spihr unter anderem als „in Sachen Vortäuschen falscher Tatsachen Schönste im ganzen Land“ bezeichnet? Und wie reagiert Blankenese auf ihn? Tauchen sie nun alle im Café Carroux auf, die nicht ungefährlichen Typen aus diesem Roman und massakrieren ihren Schöpfer?

In der Realität ist (natürlich) alles ganz harmlos. Kopmann, Ende der 1960er-Jahre in Celle geboren, ist bestens gelaunt, sehr umgänglich und wirkt schlaksig-jugendlich und kernig wie der Langstreckenkurier, der er zeitweise mal war. Und durch Blankenese kann er immer noch völlig unbehelligt spazieren, denn schließlich hat er ja kein Sachbuch geschrieben, sondern eine Satire, mit der sich weltoffene Elbvorortler aufgeschlossen und nach einigen Seiten wohl auch nachdenklich beschäftigen.

Einer Reihe skurriler Typen

Erzählt wird die Geschichte von Leon Spihr, der nach einer schweren Lebenskrise in Blankenese als Lebensmittel-Lieferant anheuert. Das hat auch Mischa Kopmann mal getan. Und dabei jede Menge Eindrücke vom „Beverly Hills der Hamburger Westside“ gesammelt, die er nun – stark karikierend – in seinen Debütroman einfließen ließ

Man ahnt Böses, als Spihr den neuen Job antritt. Sein Vorgänger, so berichtet der Marktleiter, habe den Wagen mitten auf der Blankeneser Hauptstraße mit geöffneter Fahrertür stehen lassen und sei zwischen zwei Aufträgen getürmt. So schlimm, so verstörend kann es hinter den Kulissen vor Ort doch eigentlich nicht zugehen. Oder doch? Spihr begegnet einer Reihe skurriler Typen, allen voran den zerstrittenen Brüdern Wanka, Eigentümer des gleichnamigen „Delikatess“-Ladens. Auf seinen Touren bewahrheitet sich, was er schon immer über die Gegend vermutet hatte: „Mehr von allem. Nur dass all das Aus und An und Zweit und Dritt (...) inzwischen so überhand genommen hat, dass es kaum mehr ein Durchkommen gibt (...).“

Überzogen-witzige Milieustudie

Spihr verführt oft – oder er lässt sich verführen. Mal beglückt er eine junge Mutter, die unverkennbar am Kiekeberg wohnt, mal landet er im Kingsize Bett der Abiturientin Nisi. Die hat gerade mit Ach und Krach das Abi an der Internationalen Schule in Groß Flottbek bestanden, das sich laut Kopmann „wie Bel Air zu Beverly Hills“ verhält. Nisi bläst einen „vollendeten Lucky-Luke-mäßigen weißen Lucky–Strike-Rauchkringel in die sonnengelbe Sommerküche“ und kommandiert den Lieferanten auch in der Horizontalen wie einen Dienstboten herum. Spätestens als sie Spihr um einen Gefallen bittet, wird vollends klar, dass Mischa Kopmann sein Buch auch als überzogen-witzige Milieustudie versteht, die allenfalls (aber immerhin) ein Körnchen des echten Blankenese enthält. Einmal nur möchte Nisi mitgenommen werden auf die andere Seite der Autobahnbrücke – „die die Elbvororte vom Rest der Welt trennt“. Sie will „mystische Orte“ sehen: die Rote Flora. Reeperbahn. Rummel. Ritze. Riesenrad – „und das ist nur die Liste mit ,R‘“.

Der labile Spihr hat zwar jede Menge Sex, aber wahre Liebe – das fällt auf – bleibt für ihn unerfüllt – und verbunden mit Enttäuschung, Unerreichbarkeit und Zerstörung. Das Elbvororte-Milieu – knallhart eben auch auf diesem Gebiet. Autor Kopmann macht es seinen Lesern so wenig leicht wie sich selbst. Jahrelang hat er an seinem persönlichen Schreibstil gefeilt, bis die Worte endlich quasi aus ihm herausfielen – und zwar so, wie er sie haben wollte. Er habe sich ein Handwerk angeeignet, sagt Kopmann nachdrücklich. Seine Bücher sind anspruchsvoll geschrieben – voller Assoziationen und Anspielungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Musik, die wohl nicht jeder Durchschnittsleser auf Anhieb versteht.

Abrechnung mit den Neureichen

Möglicherweise lässt sich auch damit gutes Geld verdienen – aber sicherlich nicht über Nacht und auf dem üblichen Weg durch die Tingeltangel-Mühle. In Zeiten, in denen der Markt mit viel Trash geflutet wird – von Billig-Krimis bis zu den Lebensbeichten irgendwelcher C-Promis –, ist es schwer, sich zu behaupten. Kopmann ist das völlig egal.

Rund zehn Jahre lang war er als alleinerziehender Vater im Dauereinsatz, übernahm neben diversen anderen Jobs auch schreiberisch viele Auftragsarbeiten als Broterwerb. Mittlerweile kann er so schreiben, wie es ihm passt. Das sei ein ungeheuer befreiendes Gefühl. Der Autor ist überzeugt: „Welche Bücher langfristig überdauern, lässt sich wohl kaum an den Verkaufszahlen ablesen.“

Kopmanns Buch ist eine Abrechnung mit den Neureichen vor Ort. Für die „alte Welt“, wie er es nennt, und deren Werte hat er durchaus Sympathien. Und auch wenn die Uhren im „schneewittchenschönen“ Blankenese anders ticken, wie Leon Spihr erkennt: Mischa Kopmanns Figuren sind vital und clever – und damit durchaus lebenstüchtig.