Elbvororte

Blankeneser Künstlerhaus wegen Bauprojekts abgerissen

Das Haus Hasenhöhe 95 kurz vor dem Abriss.

Das Haus Hasenhöhe 95 kurz vor dem Abriss.

Foto: Andreas Laible

Letzter Wohnsitz der jüdischen Malerin Alma del Banco wurde sang- und klanglos dem Erdboden gleichgemacht.

Hamburg.  Das Grundstück an der Hasenhöhe 95 ist inzwischen eingezäunt und verödet. Hier ist ein Bauprojekt geplant, dessen Umsetzung aktuell hakt. Interessanter als der noch unklare Blick in die Zukunft ist bei dieser Adresse der in die Vergangenheit. Denn hier stand bis vor Kurzem das Haus, in dem sich die bekannte Hamburger Künstlerin Alma del Banco im März 1943 das Leben genommen hatte. Del Banco war eine bedeutende Malerin der Moderne und Gründungsmitglied der Künstlervereinigung Hamburgische Sezession.

Ihre Lebensgeschichte hat die Kunsthistorikerin Friederike Weimar rekonstruiert, die auch über del Banco promovierte. Die wichtigsten Fakten: Am Weihnachtstag 1862 wurde Alma del Banco in Hamburg geboren. Sie wuchs als jüngste Tochter einer assimilierten jüdischen Familie in gut situierten Verhältnissen auf. Ihre Mutter hieß Therese del Banco; ihr Vater Eduard del Banco betrieb ein Handelsgeschäft für Rauchwaren, Borsten und Daunen. Sigmund del Banco, der ältere Bruder Alma del Bancos, baute dieses Geschäft aus und konnte nach dem frühen Tod der Eltern seinen Schwestern und sich einen großzügigen Lebensstil finanzieren.

Alma del Banco besuchte die Klasse von Ernst Eitner

Er und Alma del Banco blieben beide unverheiratet und teilten sich bis zu seinem Tod eine Wohnung am Jungfernstieg 50. Im Alter von mehr als 30 Jahren wandte sich Alma del Banco der Malerei zu und nahm ein Studium an der renommierten „Privaten Kunstschule für Damen“ von Valeska Röver auf. Hier besuchte sie die Klasse von Ernst Eitner, der ein bekannter Vertreter der Freilichtmalerei war und dem Hamburgischen Künstlerclub von 1897 angehörte. Eitner beeinflusste das Frühwerk seiner Schülerin stark.

Um 1913 reiste die Künstlerin nach Paris, um sich weitere Anregungen für ihre Arbeit zu holen. Als sich 1919 die Hamburgische Sezession zusammenfand, gehörte Alma del Banco zu den Gründungsmitgliedern. Ähnlich wie bei den bekannteren Sezessionen in Berlin und Wien, die sich schon um die Jahrhundertwende gegründet hatten, bedeutete auch die Hamburger Gründung die Absage an eine konventionelle Kunstauffassung.

Alma del Bancos Lebensmittelpunkt verlagerte sich in den späten 1930er-Jahren nach Blankenese, nachdem ihr Bruder 1938 gestorben war. Del Banco löste ihre Atelierwohnung auf und zog zu ihrem Schwager Dr. Hans Lübbert. Dieser hatte sich nach dem Tod seiner Frau Mitte der Dreißigerjahre an der Hasenhöhe das nun abgerissene Haus gebaut und von Anfang an so geplant, dass es auch genug Platz für Alma geben sollte. Im Obergeschoss richtete er für sie zwei Zimmer mit großen Atelierfenstern ein.

Ab 19. September 1941 mussten Juden den „gelben Stern“ tragen. Alma del Banco verließ nun, so die Erinnerungen ihrer Großnichte, nur noch selten das Haus. Tatsächlich stand sie unter Hausarrest. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen. Anfang März 1943 erhielt die 80-jährige Alma del Banco einen Deportationsbefehl für den 10. März nach Theresienstadt. In der Nacht vom 7. auf den 8. März, also drei Tage davor, nahm sie sich das Leben. Die Großnichte besuchte gemeinsam mit ihrem Vater die Künstlerin noch am Nachmittag vor ihrem Tod.

Heiter bis zum Schluss

Die letzten Stunden an der Hasenhöhe beschreibt Friederike Weimar so: „Ihr Entschluss, aus dem Leben zu scheiden, war – so del Bancos Großnichte – zu diesem Zeitpunkt schon beschlossene Sache.“ Heiter wie immer sei ihr Alma del Banco begegnet. Der Schwager erinnerte sich später an das letzte gemeinsame Abendbrot. Alma del Banco habe noch Buttermarken eingelöst und Butterbrot gegessen. Anschließend habe sie eine hohe Dosis Morphium zu sich genommen und gesagt: „Besser kann man es gar nicht haben.“ Gegen Morgen sei sie dann gestorben.

76 Jahre später. Eine Nachbarin an der Hasenhöhe, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kritisiert den Umgang mit dem geschichtlich so bedeutenden Haus. Über Jahrzehnte sei es vorbildlich gepflegt worden, dann habe es nach mindestens einem Verkauf jahrelang leer gestanden. „Die Heizung wurde abgestellt, die Fenster standen bei Wind und Wetter offen“, sagt die Frau, „das war ein Verfall mit Ansage.“ Die Innenräume seien zuletzt mit Graffiti besprüht gewesen, einmal habe man in der Ruine eine wilde Party gefeiert, berichtet die Frau, entsprechend schnell sei dann auch der Abriss vonstatten gegangen. Und in einer E-Mail einige Tage später schreibt sie: „Gerade angesichts der Geschichte dieses Hauses empfanden wir Nachbarn das alles als unwürdig.“

Als „bedauerlich“ bezeichnet Prof. Friedemann Hellwig, Vorsitzender des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese, den Abriss des Hauses. „Auf diese Weise ist ein Stück Geschichte verschwunden“, so Hellwig.