Blankenese

Auf den Spuren der frechen Göre Klein Erna

Monika Blaubach im Atelier ihrer Mutter Vera Mohr-Möller, Erfinderin der Kultfigur Klein Erna. Auch Blaubach selbst hat viele Plastiken und Porträts gefertigt.

Monika Blaubach im Atelier ihrer Mutter Vera Mohr-Möller, Erfinderin der Kultfigur Klein Erna. Auch Blaubach selbst hat viele Plastiken und Porträts gefertigt.

Foto: Andreas Laible

Die Künstlerin Vera Mohr-Möller lebte und arbeitete viele Jahre in den Elbvororten. Ein Besuch bei ihrer Tochter Monika Blaubach.

Hamburg.  Klein Erna. Sehr viele Hamburger kennen die Geschichten dieser frechen Göre, und nicht wenige finden sie heute immer noch witzig. Die meisten haben auch schon mal gehört, wer die Döntjes gesammelt, veröffentlicht und damit unsterblich gemacht hat: Vera Mohr-Möller (1911 bis 1998). Doch die war mehr als die bloße Schöpferin der Hamburger Kultfigur – viel mehr.

Davon kann vor allem eine berichten: Monika Blaubach, Mohr-Möllers Tochter. Exklusiv für das Hamburger Abendblatt öffnete sie jetzt ihre Haustür an der Straße Pepers Diek. Eintritt in eine Welt, in der Kultur stets eine wichtige Rolle spielte und immer noch spielt.

Viel zu wenig bekannt ist in Hamburg, dass Vera Mohr-Möller eine namhafte bildende Künstlerin war. Ihr Œuvre umfasst unter anderem sehr viele Plastiken, Glasbilder, Sgraffiti und Kristallografik. Porträtköpfe und stilisierte Tiere prägen das Interieur, zahlreiche Skulpturen stehen auf der Fensterbank und bilden mit dem in Richtung Elbe abfallenden Garten im Hintergrund ein faszinierendes Bild. Vera Mohr-Möller entwarf auch Kinderspielzeug und illustrierte bei vielen Gelegenheiten.

Hoch gebildet und cool

Monika Blaubach verwahrt diesen Schatz in dem weitläufigen Bungalow, der direkt neben der alten Villa steht, die ihren Eltern einst gehörte. Blaubach ist aber keine Gralshüterin. Sie spricht gerne über diese Arbeiten, zeigt bereitwillig alles vor, auch Anfassen ist erlaubt. Blaubach, hoch gebildet, cool und – wenn es sein muss – auch ziemlich resolut, spricht zwar nicht ungern über das Thema Klein Erna, aber ihr ist eben wichtig, dass Vera Mohr-Möller nicht ausschließlich darauf reduziert wird.

„Meine Mutter war ein sehr unabhängiger Geist“, sagt Blaubach, „dazu enorm kreativ und rastlos.“ Und gut aussehend und sportlich war sie obendrein. Mutter und Tochter bewährten sich als exzellente Golferinnen, lange bevor dieser Sport in Mode kam. Sie spielten in der Damen-Nationalmannschaft, wurden dreimal deutsche Mannschaftsmeister und gewannen fünf internationale Meisterschaften.

Die Klein-Erna-Döntjes, um die es natürlich auch gehen soll, sind im Übrigen gar nicht hier in Elbchaussee-Nähe entstanden, sondern an der Alster. Vera Mohr-Möller und ihr Mann, der wohlhabende Häusermakler Wilhelm C. H. „Bobby“ Möller, wohnten vor dem Zweiten Weltkrieg auf der Uhlenhorst, direkt über dem Norddeutschen Regattaverein.

Viele Freunde bei den Alster-Piraten

Am Clubleben nahmen sie regen Anteil, hatten auch viele Freunde bei den Alster-Piraten. Dabei schnappten sie in feuchtfröhlichen Runden etliche Geschichten über die Kunstfigur Klein Erna auf, die durch allerlei Skurrilitäten von sich reden machte. Eine etwas schusselige Erna Nissen aus Schleswig-Holstein (deren Brüder bei den Alsterpiraten mitmachten) soll für die Anekdoten zwar Pate gestanden haben, aber mit der Zeit verselbstständigte sich das Ganze, und die Döntjes wurden immer zahlreicher.

Man muss sich das so ähnlich vorstellen wie Blondinen- oder Mantawitze: Irgendwann war es in den Seglerkreisen Mode, ständig neue Klein-Erna-Schoten zu erfinden und weiterzuerzählen. Vera Mohr-Möller merkte schnell, dass den vielen Geschichten langfristig das Absinken ins Vergessen gedroht hätte. Also dokumentierte und illustrierte sie so viele wie möglich. Freunde baten um Kopien – und so kam eines zum anderen.

Faszinierendes aus dem Leben ihrer Mutter

Monika Blaubach berichtet Faszinierendes aus dem Leben ihrer Mutter. Wenig bekannt: Um 1940 hatte sich der Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921 bis 1947) in die Künstlerin verliebt, Blaubach spricht allerdings von einer recht einseitigen Liebesgeschichte, die vielleicht auch mehr eine Schwärmerei gewesen sei. Mit zahlreichen Briefen überschüttete Borchert die zehn Jahre ältere Mohr-Möller – wohl, wie Blaubach meint, in einer schwer zu trennenden Mischung aus echter Verehrung und Gefallen an der Pose des in Liebe entflammten Dichter-Jünglings.

Für die Angebetete schrieb Borchert die indische Legende „Arti und Mira“. Seiner Bitte, den Text zu illustrieren, kam die Künstlerin nach Borcherts Tod nach, allerdings fand sich für eine Veröffentlichung erstaunlicherweise kein Verleger. Vera Mohr-Möller ließ schließlich 50 Exemplare mit Farbkopien herstellen – heute vermutlich begehrte Sammlerstücke.

Rasch war die Erstauflage vergriffen

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bezog Vera Mohr-Möller dann ein Atelier im Strohdachhaus Elbchaussee 499 a im Hirschpark, dem ehemaligen Kavaliershaus des Landhauses von Johan Cesar Godeffroy. In diesem Haus arbeitete von 1950 an auch der Dramatiker und Orgelbauer Hans Henny Jahnn. Das heutige „Witthüs“ ist fast unverändert erhalten. Die Gräber von beiden Künstlern – Jahnn und Mohr-Möller – befinden sich ganz in der Nähe auf dem Nienstedtener Friedhof.

Zu guter Letzt holt Monika Blaubach dann doch noch einen Stapel „Klein Erna“-Bücher hervor. Seltene, alte Ausgaben sind dabei, sogar eine zur Erheiterung der Frontsoldaten des Zweiten Weltkrieges. Die ungebildete, etwas begriffsstutzige, aber vitale, selbstbewusste Göre war in so manchem Tornister als Gruß aus dem umkämpften Hamburg – davon wissen nur wenige. Der Start der erfolgreichen Buchreihe war rumpelig, aber wie üblich ließ sich Vera Mohr-Möller davon nicht abschrecken.

Als die Verleger wegen des starken Regionalbezugs abwinkten, ließ sie 1000 Exemplare auf eigene Kosten drucken – fest vom Erfolg überzeugt. Rasch war die Erstauflage vergriffen, und es musste nachgedruckt werden. „Eine Auflage von mittlerweile mehr als zwei Millionen für ein Buch, das ursprünglich niemand drucken wollte“, sagt Monika Blaubach, „auch das ist eben eines der Ergebnisse der Energie und Beharrlichkeit meiner Mutter.“

Mehr über das Leben von Vera Mohr-Möller findet sich auch in dem Buch „Elbchaussee“ von Svante Domizlaff mit Fotos von Michael Zapf. Es ist im Wachholtz Verlag erschienen, hat 400 Seiten und kostet 50 Euro.