Kunst

Besondere Schnitzarbeiten aus Othmarschen

Arbeiten, wo einst ein Auto geparkt war: Künstler Volker Fredrich in seinem Atelier – einer alten Garage – inmitten einiger seiner Skulpturen.

Arbeiten, wo einst ein Auto geparkt war: Künstler Volker Fredrich in seinem Atelier – einer alten Garage – inmitten einiger seiner Skulpturen.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Der Künstler Volker Fredrich fertigt mitten im Villenviertel kunstvolle Holzfiguren – auch als Auftragsarbeiten.

Hamburg.  In einer ruhigen Seitenstraße in Othmarschen steht – Blickrichtung zum Gehweg – dauerhaft ein fast nackter Mann auf einer Fensterbank. Immerhin trägt er Badekappe und -hose – beides in Schwarz. Das ist auch schon alles. Ärger gab es deshalb aber noch nie. Im Gegenteil: Die schöne Holzfigur zeigt Besuchern, dass sie auf dem richtigen Weg sind: zu Volker Fredrich und seinen vielen Kunstwerken. Mitten im Villenviertel entstehen sie beinahe nonstop: ein Mann mit Hund, eine Schwimmerin, ein kerniger Seebär. Fredrich, Jahrgang 1966, schnitzt aus Passion und zum Gelderwerb. Wer Hobby und Arbeit so verknüpfen kann, muss ein glücklicher Mensch sein.

Und so wirkt der gebürtige Mühldorfer auch: fröhlich und aufgeschlossen, zufrieden ohne Selbstgefälligkeit. Seine Frau ist Stylistin – Haus und Garten tragen ihre Handschrift. Pudel Billy und Kater Butzi umschmeicheln das Herrchen – eine gemütliche Künstleridylle, wie man sie in dieser Gegend selten findet. Ursprünglich hatte der Vater von zwei Teenagern in Hamburg Illustration studiert und danach für Kinder- und Schulbücher gezeichnet. Seit 1996 arbeitet er für deutsche und auch internationale Verlage. Neben einem Kinderkrimi liegt auch die Wikingergeschichte „Sigurd und die starken Frauen“ auf dem Tisch – lustige, lebendige Zeichnungen, keine Massenware.

Erst 2016 begann Fredrich mit seiner bildhauerischen Arbeit, die mittlerweile wichtiger Bestandteil seines Oeu­vres ist. „Beide Arbeitsformen ergänzen sich gegenseitig“, sagt er. Neben dem Zeichnen habe er immer schon gerne modelliert und geschnitzt. Irgendwann sei dann – auch motiviert durch Freunde – die Idee entstanden, das schöpferische Spektrum zu erweitern.

Keine Figur gleicht der anderen

Der Blick auf die Figuren vor Ort zeigt: keine gleicht der anderen, und ihr Schöpfer will sich auch nicht auf bestimmte Sujets festlegen lassen. In einem Ausstellungskatalog heißt es dazu: „Die wesentliche Wirkung der Arbeiten besteht in ihrer Einfachheit und Direktheit, die einen existenziellen Grundcharakter trägt.“ Der Künstler selbst bringt es etwas einfacher auf den Punkt: „Ich wollte nie etwas nur reproduzieren und verstehe mich auch nicht als Porträtschnitzer“, sagt Fredrich, und: „Skulpturen dürfen keine Stellvertreter sein.“

Entsprechend geht es bei seinen Arbeiten auch nicht um hundertprozentige Ähnlichkeiten, sondern um Grundzüge und Charaktereigenschaften. Das müssen auch diejenigen verstehen, die Angehörige oder Freunde „in Holz“ arbeiten lassen wollen. Dass die Kunden damit keine Probleme haben, zeigen die vielen Anfragen, die er aktuell umsetzen muss. Die Auftragslage ist gut – auch wenn die Arbeiten – je nach Größe und Aufwand – ab circa 400 Euro aufwärts kosten. Beschwert hat sich jedenfalls noch niemand – ein wichtiges Kapital für einen Künstler, der auch von Mundpropaganda lebt.

In einer stillgelegten Garage neben dem Wohnhaus liegt Fredrichs Werkstatt. Holz, Schnitzwerkzeuge und Skulpturen stehen in Hülle und Fülle dort, wo einst ein Auto geparkt war. Kalt und ziemlich zugig ist es, Fredrich trägt zum Arbeiten einen dicken Pullover und Mütze, und die Handschuhe sind nicht nur Schutz, sondern auch Wärmespender. „Dank meiner Arbeit brauche ich nicht ins Fitnesscenter zu gehen“, sagt Fredrich und lacht – „das hier ist Einsatz genug.“ Fertiggestellte Werke stehen in einer Nische – manches sind Auftragsarbeiten, anderes im freien Verkauf erhältlich.

Eine Woche Arbeit für eine Figur

Im Schnitt arbeitet er rund eine Woche an einer seiner Skulpturen, kleinere Arbeiten beschäftigen ihn auch nur einen knappen Tag. Das hängt auch davon ab, ob ein Sockel zum Kunstwerk gehören soll und ob die Arbeit aus mehr als einer Figur besteht. Beliebt ist aktuell das Motiv „Mensch und Hund“. Gerade hat eine Frau aus der Nachbarschaft ihren Mann samt Vierbeiner nachbilden lassen – ein Geschenk, das dem Vernehmen nach sehr gut ankam.

Eine aktuelle Auftragsarbeit wartet auf die Umsetzung: Gewünscht wird diesmal eine passionierte Schwimmerin. en miniature. Ein kleiner Holzblock ist dafür in einen Bildhauergalgen eingespannt, auf den Fredrich mit Bleistift die Figur im Badeanzug gezeichnet hat. Der Galgen lässt sich drehen, sodass das Holzstück leichter von allen Seiten bearbeitet werden kann. Die Dame, um die es hier gehen soll, ist auf Fotos zu sehen, die an die Wand gepinnt sind. Fredrich legt los.

Die Grobarbeit erledigt er mit einer kleinen Motorsäge, danach kommen – klassisch – Beißel und Klüpfel zum Einsatz. Bemerkenswert: Alle Figuren haben ihre Eigentümlichkeiten, was sich besonders in den Gesichtern erkennen lässt. „Die Charaktere entwickeln sich teilweise erst beim Arbeiten“, erläutert er, das ergibt sich fast von alleine.

Künstler muss auch Schwingungen erspüren

Auch Maserungen und kleine Astlöcher werden oft integriert, das gebe Lebendigkeit und Individualität. Damit nicht genug: Bei Auftragsarbeiten erspürt der Künstler auch bestimmte Schwingungen, wie er sagt, die oft nicht mal den in Holz Verewigten vorab wirklich klar waren. Etwas traurig und nachdenklich wirke sie, befand erst kürzlich eine Porträtierte beim Anblick ihres Mini-Abbilds, und in der Tat: so hatte sie sich beim Vorgespräch auch tatsächlich gefühlt.

Die Schwimmerin nimmt unter Fredrichs Händen zunehmend Gestalt an. Wieder ein Abbild für die Ewigkeit.