Religion

Die Kirche im Keller des Altonaer Krankenhauses

Wie ein Schneckenhaus aus Beton: Andrea Castillo Sohre ist unschlüssig, ob ihr die Kirche „Zum barmherzigen Samariter“ gefällt.

Wie ein Schneckenhaus aus Beton: Andrea Castillo Sohre ist unschlüssig, ob ihr die Kirche „Zum barmherzigen Samariter“ gefällt.

Foto: Andreas Laible / HA

In der Reihe Türöffner zeigt Andrea Castillo Sohre in den Tiefen des AK Altona eines der ungewöhnlichsten Gotteshäuser Hamburgs.

Hamburg.  Was zunächst auffällt, ist ein merkwürdiges Gebilde neben dem Altonaer Krankenhaus. Es sieht von oben aus, als habe ein Riese eine Betonschraube in den Rasen gedreht, deren breites Ende herausguckt. Diese Fläche, vollgelaufen mit Regenwasser, wirkt wie ein sehr großes, verwittertes Vogelbad, es könnte aber auch ein einstmals modernes Kunstwerk sein, dessen Sinn sich nicht mehr erschließt. So oder so: Auf Patienten und Besucher muss das Ganze höchst rätselhaft wirken, und auch etliche Mitarbeiter dürften damit nicht viel anfangen können.

Wer die Lösung dieses Rätsels finden will, muss sich ein paar Treppen nach unten begeben – tief in den Keller der Klinik. Im südwestlichen Teil zwischen dem Haupthaus und einem Funktionstrakt, zweigt neben einem Fahrstuhl ein schmaler Gang ab. Besucher, die ihn einschlagen, gehen auf einer betonierten Fläche ohne Stufen weiter nach unten. Links und rechts ragen hohe Betonwände auf, das Licht wirkt etwas grell. Die Ähnlichkeit mit einer kleinen Parkhaus-Zufahrt ist nicht ganz zufällig.

Denn der dahinter liegende Raum soll barrierefrei erreichbar sein, und zur Not können hier auch Betten und Rollstühle hinuntergeschoben werden. Halbkreisförmig geht es wie in einem Schneckenhaus weiter abwärts, dann erst erschließt sich der Sinn dieses Ortes: Ziemlich unvermittelt steht man nämlich vor ein paar Stuhlreihen und einem Altar. Hier unten befindet sie sich: die kleine Kirche „Zum barmherzigen Samariter“, hausintern oft auch nur als „die Kapelle“ bezeichnet Sie dürfte zu den kuriosesten Gotteshäusern Hamburgs gehören – und zu den unbekanntesten.

40 Qua­dratmeter großer Raum

Herzstück ist ein ungefähr 40 Qua­dratmeter großer Raum, der tatsächlich wie ein heimeliges Schneckenhaus angelegt ist und dessen Betondach hoch oben aus dem Rasen guckt. Eine eher versteckte Tür in einer Ecke führt ins Freie – ein Zugang, der aber so gut wie nie benutzt wird. Ungewöhnlich ist nicht nur die Form, sondern auch die Ausgestaltung. Die hohen, geriffelten Betonwände vermitteln einen betont schlichten Eindruck, und die kreuz und quer von der Decke herabhängenden rötlichen Hölzer lassen das Ganze wie eine moderne Kunst-Installation wirken. Auch Altar und Minikanzel (eher ein Rednerpult) sind aus Beton und verströmen den Charme von Parkpollern.

„Tja, sie ist schon ein sehr ungewöhnlicher Ort“, und auch gewöhnungsbedürftig, befindet Andrea Castillo Sohre, die im AK Altona für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Man müsse den Eindruck wohl erst einmal „sacken lassen“, empfiehlt sie. Doch auch nach längerem Herumgehen und Gucken wird deutlich: Einen unerwarteten Zauber kann dieses Gotteshäuschen auch mit der Zeit nicht wirklich entfalten. Für eine Kapelle wirkt der Raum zu funktional, fast kalt, dazu auch etwas in die Jahre gekommen.

Die Kirche besteht schon seit der Eröffnung des Krankenhauses im Jahr 1971, aber nicht vielen Menschen dürfte sie bekannt sein. Die Kosten für den Bau und die Einrichtung wurden von der Evangelisch-Lutherischen Kirche getragen. Sie ist auch Eigentümerin der Kapelle, überlässt sie aber auch der Katholischen Kirche für geistliche Handlungen. Jeden Sonntag gibt es hier einen Gottesdienst (in der Adventszeit sogar vier), auf den über Infobretter und Handzettel auch hingewiesen wird. Doch die Nachfrage, so ist zu hören, sei höchst wechselhaft, meist hält sie sich in überschaubaren Grenzen. Erst vor einigen Monaten war hier ein junges Paar getraut worden, berichtet Castillo. Der Grund: Die hochschwangere Braut durfte die Klinik auf Anraten der Ärzte nicht mehr verlassen, wollte aber zum Zeitpunkt der Geburt unbedingt verheiratet sein.

Ökumenisches Team

Zwei Pastorinnen und eine Pastoralreferentin sind im Wechsel als ökumenisches Team im Einsatz, allerdings nicht ausschließlich für dieses Gotteshaus. Eine von ihnen ist Susanne Peters, die sich bemüht, „ihrer“ Kirche zu mehr Ausstrahlung zu verhelfen. „Wir arbeiten an einem anderen Beleuchtungskonzept“, berichtet sie, auch das Mobiliar könnte laut Peters überarbeitet werden.

Im vergangenen November wurde in der Kirche eine Erinnerungsfeier der Palliativstation für die zuvor Verstorbenen zelebriert, an der laut Peters 80 Gäste teilnahmen. Wahr ist aber auch, dass die Pastorin an manchen Sonntagen nur auf einen einzigen Gläubigen getroffen ist. „Die Patienten tun sich wegen der Lage etwas schwer mit diesem Ort“, sagt sie, er habe aber auch „Gutes zu bieten“. Die Quathammer-Orgel aus dem Jahr 2003 zum Beispiel. Sie wurde fast ausschließlich durch Spenden finanziert und hat laut Susanne Peters einen ausgezeichneten Klang.

Erinnerungen an Frauenklinik Bülowstraße

Am Eingang sind bunte Zettel mit Fürbitten in die Löcher einiger Ziegelsteine gesteckt – ein insgesamt eher trister Anblick. Daneben stehen in einer Vitrine Kreuz, Leuchter und Taufschale aus der längst aufgegebenen Frauenklinik Bülowstraße – hübsche Antiquitäten, die in dieser Umgebung wie Boten aus uralten Zeiten wirken.

Wie das ganze Krankenhaus steht auch die Kirche „Zum barmherzigen Samariter“ unter Denkmalschutz, und die Zukunft wird zeigen, wie mit ihr verfahren werden soll, wenn die Klinik – wie geplant – neu entsteht. In einem neuen Krankenhaus wird es dann voraussichtlich auch eine neue Kapelle geben.

Aber dass diese ihren Platz wieder im Keller findet, ist eher unwahrscheinlich.