Blankenese

„Musik macht Menschen zu Freunden“

Dieter von Sachs setzt sich gern an sein Klavier und spielt auch ohne Noten.

Dieter von Sachs setzt sich gern an sein Klavier und spielt auch ohne Noten.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Vor zwei Jahren ging der beliebte Chorleiter Dieter von Sachs in den Ruhestand. Wie geht es ihm heute?

Hamburg. Als Dieter von Sachs im Sommer 2016 in den Ruhestand ging, empfanden das viele als eine Katastrophe für Blankeneses Musikleben. So ziemlich jeder, der in der Gegend mal in einem Chor gesungen hat, kannte von Sachs nicht nur, sondern schätzte, ja liebte seine Arbeit. Selten dürfte eine Pensionierung im Musikleben eines Stadtteils eine derart große Lücke gerissen haben.

Wie sollte es nun werden – ohne Proben, ohne die viel beachteten Aufführungen und ohne das fröhliche Chorleben? Dieter von Sachs gibt Entwarnung. Mehr als zwei Jahre später ist das eingetroffen, was viele hofften: In kleiner und großer Besetzung ging es weiter. Fit und motiviert ist von Sachs wie ehedem, er brauchte nach dem langen Arbeitsleben nur mal eine Pause – eine schöpferische, wenn man so will. Nach der schulischen Dauerbelastung wollte er endlich auch mal innehalten – „mich umschauen“, wie er sagt.

1976 hatte der gebürtige Duisburger sein Universitätsstudium mit der Qualifikation als Lehrer für Musik und Sport an Oberschulen und Gymnasien abgeschlossen. Er wirkte zunächst in seiner Geburtsstadt, wo er zehn Jahre lang das Jugend-Symphonie-Orchester leitete. Anfang der 1980er zog von Sachs mit seiner Ehefrau Stephanie und den beiden Kindern nach Hamburg, wo er zunächst Lehrer am damaligen Gymnasium Willhöden wurde, dem heutigen Marion Dönhoff Gymnasium. 1985 gründete er das Blankeneser Kammerorchester und den Willhöden Chor, heute bekannt als Konzertchor Blankenese in Hamburg. Nach knapp 15 Jahren setzte er seine Arbeit am benachbarten Gymnasium Blankenese fort, mit seinem Chor und Orchester führte er mit großem Erfolg bedeutende Werke in vielen europäischen Ländern auf.

Unsichtbares Band der Musikliebe

Dabei gelang ihm höchst Ungewöhnliches: Dieter von Sachs bekam Schüler, Ehemalige, Eltern und Kollegen unter einen Hut, verband sie sozusagen über ein unsichtbares Band der Musikliebe miteinander. Und das nicht nur für ein paar Wochen, in denen nicht mehr als ein hastig zusammengezimmertes Programm zustande gekommen wäre. Vielmehr trafen sich die Riesengruppen, mit bis zu 110 Sängern, über viele Monate, um gemeinsam eindrucksvolle Konzertprogramme zu erarbeiten. Man muss sich das klarmachen: Schüler, die ganz andere musikalische Vorprägungen hatten, oder die längst im Studium oder in der Ausbildung steckten, fanden den Weg zum Chor, Eltern, nicht selten vom anstrengenden Berufsleben ausgelaugt, ließen sich zur gemeinsamen Arbeit motivieren.

Alleine bei seinem letzten „offiziellen“ Konzert, dem der Verabschiedung, kamen 150 Sänger und Musiker in der Blankeneser Kirche zusammen, um für die mit großer Spannung erwartete Puccini-Messe noch einmal alles zu geben. Ein eindrucksvolles Foto von diesem Abend hängt unübersehbar in von Sachs’ Arbeitszimmer: Es zeigt eine unüberschaubare Gruppe von Interpreten – stolz und konzentriert im Einsatz – und mittendrin Dieter von Sachs mit dem Taktstock. Dieser 30. Juni 2016 war auch der letzte Abend , den er amtlich als Musiklehrer leitete – unmittelbar danach begann seine Lebensphase als Pensionär.

Rund 40 Jahre im Schuldienst hatte der 63-Jährige damit hinter sich – von Burnout keine Spur. Alles in allem sei es eine schöne erfolgreiche Zeit gewesen, sagt er. Neben einem handgefertigten Flügel aus Schokolade ist ein weiteres Präsent von damals besonders eindrucksvoll: Ein von Chormitgliedern zusammengestelltes und gebundenes Buch. Hunderte von handgeschriebenen Briefen reihen sich in diesem Wälzer aneinander, jeder Text ist mit einem Foto des jeweiligen Verfassers geschmückt. Bereits beim Durchblättern und Querlesen fällt der überaus persönliche Ton auf, ganz klar: Dieter von Sachs wurde sehr geschätzt. Unübersehbar prangt auf dem Titel ein Wort: „Danke“.

Ruhestand wirft ihn nicht aus der Bahn

Geschmeidig gleitet von Sachs an den Flügel, spielt mit grazilen Bewegungen ohne Noten Carl Philipp Emanuel Bach. Es klingt wunderbar. Dass er auch Sportlehrer war, sei laut von Sachs „die perfekte Mischung“ gewesen, diese Kombination aus geistiger und körperlicher Betätigung, bei der eine Hälfte die andere in Schwung brachte und immer wieder anregte. Von Sachs, der bedächtig, aber stets nachdrücklich spricht, wird noch eine Spur nachdenklicher, als er über seinen Beruf redet – genauer: über die Bedeutung, die Musik für das schulische Leben haben sollte, aber eben leider nicht immer und überall hat.

Das gemeinsame Musizieren diszipliniere Menschen auch, so seine Erfahrung, aber es sei nicht von außen aufgezwungene, sondern eine, die aus den Menschen selbst, also von innen komme. „Manche Aufführung haben wir ein Jahr lang vorbereitet“, erzählt von Sachs, „und oft kamen Schüler hinterher zu mir und sagten ,Wow, ich hätte nie gedacht, dass das in mir steckt und dass ich das hinbekommen könnte.‘“ Musizieren schule die Wahrnehmung, trainiere Geist und belebe die Emotionen. „Musik macht Menschen zu Freunden“, ist von Sachs sicher, und er warnt: „Man darf die Schulen als Multiplikatoren dabei nicht außer Acht lassen.“ Ein kritischer Wink in Richtung der Entwicklung des Musikunterrichts als Schulfach.

Dieter von Sachs ist nicht der Typ, den der Ruhestand aus der Bahn wirft, auch wenn ihn der Abschied vom Schulleben immer noch in ein Wechselbad der Gefühle wirft. Nicht nur seine Wohnzimmermöbel hat Dieter von Sachs selbst gebaut, sondern auch das Carport und sogar große Teile des Wohnmobils. Mit dem können er und seine Frau nun monatelang auf Tour gehen. Im Winterhalbjahr leitet Dieter von Sachs den Konzertchor Blankenese weiter. Und wenn es nach den Mitgliedern ginge, könnte er das noch viele Jahre tun.