Tuckerbootfahrt

Auf der Este nach Buxtehude – ganz gemütlich

Dichtes Gedränge im Hafen von Buxtehude: Die ersten von rund 30 Tuckerbooten machen an den Kaimauern fest. Im Hintergrund: das örtliche Kulturforum

Dichtes Gedränge im Hafen von Buxtehude: Die ersten von rund 30 Tuckerbooten machen an den Kaimauern fest. Im Hintergrund: das örtliche Kulturforum

Foto: Klaus Bodig / HA

Die Tuckerbootfahrt ab Blankenese hat inzwischen Kultstatus. Sie bietet den Teilnehmern Spaß und vor allem: Entschleunigung.

Hamburg.  Eingehüllt in ein paar Dieselwolken schlängelt sich die eindrucksvolle Kette durch die Este – flott, aber auch nicht wirklich schnell. Von oben muss das Ganze wie eine holzfarbene Wasserschlange aussehen, die gleichmäßig vor sich hin brummt. Kenner wissen natürlich, um welche maritime Tradition es hier geht: die Tuckerbootfahrt von Blankenese nach Buxtehude. Zum vierten Mal wurde das Happening jetzt veranstaltet, und rund 30 Boote machten die Fahrt in diesem Jahr mit. Das gleichmäßige Tempo, die raue Melodie des Motors, Landschaften fast zum Anfassen. Mit dem Tuckerboot auf Tour – das ist mehr Achtsamkeit als Ausfahrt.

Los geht’s am Mühlenberger Segelclub Punkt 9 Uhr. Kurze Zeit später ein erstes Highlight: Aus allen Himmelsrichtungen zuckeln die Boote über die Elbe, um sich informell zu sammeln. Von allen Seiten wird gewinkt und gerufen – klarer Fall: Hier trifft sich eine eingeschworene Gemeinschaft. Achaz Prinz Reuss war schon jedes Mal dabei – bei gleichbleibender Begeisterung. Tuckerbootfahren – das ist so eine Philosophie für sich, erklärt Reuss und streicht behutsam über das polierte Holz seiner „Honeypie“. Seit 2010 ist er stolzer Besitzer des Schmuckstücks, dessen Rumpf mal ein dänisches Fischerboot war.

Schnell geht hier gar nichts

Schnell geht hier gar nichts. Statt übers Wasser zu brettern, liegen die Boote reichlich tief im Strom, und hohes Fahrtempo lässt sich auch nicht erzwingen. Will auch gar keiner. „Die unmittelbare Nähe zum Wasser und die angenehme Geschwindigkeit – das ist doch Entschleunigung pur“, sinniert Reuss. Hinzu kommt die überschaubare Technik: Reparaturen lassen sich ohne großen Kraft- und Kostenaufwand bewerkstelligen, im Übrigen helfen sich die Tuckerboot-Fans gegenseitig.

Drüben neben der Sietaswerft beginnt das Einfädeln in die Este, Konzentration und Disziplin sind gefordert. Die „Smiet los“ zieht nach vorne, die „Erna Helm III“ schließt sich an. So geht es Boot für Boot – dann kehrt Ruhe ein. Der gleichförmige, gemütliche Teil der Fahrt beginnt. Brötchen werden ausgepackt, die Skipper prosten sich gegenseitig mit Kaffee zu. Und auch das ist inzwischen Tradition: Überall unterwegs stehen Anwohner mit „Wasseranschluss“ winkend in ihren Gärten. Bei manchen herrscht Partystimmung – Sektgläser werden gehoben, Fähnchen geschwenkt. Meterhoch steht das dichte Schilf hinter Estebrügge, von den Wiesen kann man minutenlang so gut wie nichts sehen.

Leichter Dieselgeruch

Als dann der Buxtehuder Kirchturm in der Ferne auftaucht, ist das ein eigentümliches, archaisches Bild, das durch das permanente Getucker und den leichten Dieselgeruch noch verstärkt wird. Genau so muss es vor rund hundert Jahren gewesen sein, als die mittlerweile reichlich schmächtige Este noch einen relativ wichtigen, viel befahrenen Handelsweg bildete. Erzeugnisse der Buxtehuder Mühlen und Ziegeleien wurden auf dem Wasser Richtung Hamburg transportiert – genau wie das Obst der Altländer Bauern.

Ein großes Schild verweist darauf, dass die „Hansestadt Buxtehude“ ihre Gäste begrüßt, doch im schmalen Hafen hat jetzt kaum jemand einen Blick dafür. Dicht gedrängt tuckern die Bötchen zu den freien Plätzen an den Kaimauern – jeder Handgriff sitzt. Vor Ort begrüßt Dieter Klar so ziemlich alle Teilnehmer der Fahrt per Handschlag. Der Intendant des Internationalen Musikfestivals Buxtehude ist so etwas wie ein Kulturbotschafter seiner Stadt und gemeinsam mit Konrad Schittek einer der geistigen Väter der Tuckerbootfahrten. „Ich habe Tuckerboote schon immer geliebt, und jetzt sind sie eben ein Bindeglied bei den Beziehungen zwischen Hamburg und Buxtehude geworden.“

Tide ist diesmal ungünstig

Die Tide ist diesmal ungünstig, und die erfahrenen Freizeitkapitäne mahnen schon um halb zwei zum Aufbruch. Der Hafen führt bereits deutlich weniger Wasser, Tendenz weiter fallend. Jetzt muss man sich entscheiden: Entweder so schnell wie möglich zurück – oder bei Kaffee und Kuchen abwarten. Schlagartig ist es mit der Beschaulichkeit vorbei – ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Drei Tuckeboote machen sich auf den Weg – eines kehrt nach rund 20 Minuten wieder um.

Die Ränder der Este scheinen plötzlich viel weiter ins Wasser zu ragen, und die Fahrrinne zwischen den Schlammbergen, die sich an beiden Seiten auftürmen, wird immer schmaler. Achaz Reuss blickt skeptisch auf den Tiefenmesser, abschnittweise trennen nur wenige Zentimeter den Kiel der „Honeypie“ vom Grund. Auflaufen im Schlick ist für die robusten Boote zwar kein Drama, aber es kostet Zeit und Nerven. Ein paar Pechvögel erwischt es in Sichtweite von Airbus diesmal dann doch, aber so richtig stressen lässt sich davon niemand. Tuckerbootfahrer haben eben gute Nerven – und ein ganz eigenes Zeitgefühl.