Othmarschen

Per Seifenkiste bergab: Nur Fliegen ist schöner

Kursleiter Thomas Stordel mit seinen
Seifenkisten-Bauern

Kursleiter Thomas Stordel mit seinen Seifenkisten-Bauern

Foto: Roland Magunia / HA

Das traditionelle Rennen startet am heutigen Freitag im Jenischpark. Das Abendblatt besuchte die jungen Autobauer vorab.

Hamburg.  Das Hämmern ist des Bastlers Lust. Und als Kursleiter Thomas Stordel das Kommando gibt, lassen sich die neun jungen Autobauer nicht zweimal bitten. Lustvoll, lautstark, mehr oder weniger gekonnt werden jeweils rund 50 Nägel im Holz versenkt. Ben ist mit seinem Heckspoiler so schnell fertig, dass er Kindergartenkumpel Theo helfen kann.

Mit vereinten Kräften geht’s voran. Nach diesem starken Einsatz geht es darum, die Seitenverkleidungen zu bemalen. Man kann das Chassis erkennen, doch ist es bis zu einer richtig stabilen und vor allem fahrtüchtigen Seifenkiste noch ein weiter Weg. Bis zur Probefahrt am heutigen Freitag um 17 Uhr muss in die Hände gespuckt werden. Folglich fällt die von Thomas ausgerufene Lollipause mit entsprechender Versorgung kurz aus.

Lange Renn-Tradition

Die Rast in seinem „Atelier am Jenischpark“ nutzt Thomas Stordel zu einem Rückblick im Zeitraffer auf die lange Renn-Tradition. 1997 gründete er den Künstlertreff für Groß und Klein in einem ehemaligen Zahnlabor an der Straße Hochrad. Der aktuell 57-Jährige mit Wohnsitz in Lokstedt hat zwei – mittlerweile große – Töchter und weiß, was junge Kreative wünschen. Stordel entstammt einer Künstlerfamilie. Sein Großvater schuf von 1926 an Zeichentrickfilme für Kinder.

In der Othmarscher Nachbarschaft des im Stadtteil verankerten und beliebten Ateliers befinden sich eine Grundschule, drei Gymnasien und mehrere Kindergärten. Im Schnitt organisiert der freie Künstler, früher Student der Bildenden Kunst am Lerchenfeld, pro Woche rund 20 verschiedene Kurse für Kinder und Erwachsene. Malen und plastisches Arbeiten stehen im Mittelpunkt.

Optische Finessen

Bevor er vom Startschuss des Seifenkisten-Projekts berichten kann, braucht Autogestalterin Marlene Hilfestellung. Mit vor Aufregung geröteten Wangen, den Lutscher noch im Mund, zeigt sie Kursleiter Thomas den Fortschritt. Unter seiner Anleitung schrauben und hämmern die neun Kinder aus verschiedenen von Stordel vorgefertigten Holzteilen eine Seifenkiste nach ihrem Gusto. Marlene hat die hölzerne Fronthaube mit ihrem Vornamen und die Holzpartie davor mit ihrem Nachnamen bemalt. Es wird ein Prachtstück.

Die Mitstreiter legen gleichfalls Wert auf optische Finessen. Filippa ist so konzentriert am Werke, dass sie im Moment nicht auf Fragen reagieren kann. Ihr Fahrzeug beeindruckt in einer Farbkombination aus unterschiedlichen Rottönen, Gelb und einem zarten Rosa. Ben hat seine Seifenkiste mit einem großen Pokal und der Startnummer drei veredelt. Rufus entschied sich für das Meer sowie eine grüne Wiese, über der blauer Himmel und Wolken zu sehen sind.

Kreativen Geist der Kinder kitzeln

Thomas Stordel kommt kaum zum Luftholen. Er trifft den richtigen Ton und schafft es, den kreativen Geist der Kinder zu kitzeln. Alle sind von oben bis unten mit Farbe und Kleister verschmiert. Herrlich, diese Sommerferien.

Auf die Idee zum Seifenkistenbau brachten ihn drei Kinder. Hand in Hand schufen sie ein ansehnliches Fahrzeug. Letztlich war es viel zu schwer und konnte nicht rollen. 1999 bot er erstmals einen solchen Ferienkurs an. Motto: Jedem Kind seine Seifenkiste. Also wird jetzt im 20. Jahr gehämmert, geschraubt, geklebt und gemalt. Am Ende sind gut und gerne 1000 Nägel versenkt – pro Bolide.

Persönliche Note

Stordel hat Buch geführt: 951 Seifenkisten sind unter seiner Regie bisher entstanden. Ende dieser Woche sind es neun mehr. Das Angebot richtet sich an Kinder zwischen vier und 14 Jahren. Der viertägige Kursus, jeweils von 9.30 bis 12 Uhr, kostet 180 Euro. Enthalten sind die Materialkosten: Holz, Räder, Schrauben, Nägel und so weiter.

Heute dürfen die Kinder von zu Hause mitbringen, was immer sie wollen, um ihrer Seifenkiste eine persönliche Note zu verleihen. Ben möchte ein Radio einbauen, ein richtiges Autoradio quasi. Theo denkt an einen Kofferraum, Marlene an einen Fernseher oder eine Blumenvase im Cockpit.

Um 17 Uhr sind die Eltern dann Zeugen des Härtetests. Treffpunkt ist eine abschüssige Piste im Jenischpark, unter der Knüppelbrücke hindurch. Wenn die jungen Baumeister dann, stolz wie Bolle, ihre selbst gebauten Boliden mit Fußlenkung und zwei Holzstangen als Handbremsen eigenhändig steuern, haben Träume Flügel erhalten.