Elbvororte

Jahresrückblick: Im Westen viel Neues 2017

| Lesedauer: 7 Minuten
Matthias Schmoock

Foto: Ole West

Bürgerliches Engagement prägte die Elbvororte zwölf Monate lang. Langweilig war es nie. Und am Ende stand stets ein Kompromiss.

Hamburg.  Um noch dichter an seine Leserinnen und Leser zu rücken, hat das Hamburger Abendblatt eine Elbvororte-Redaktion aufgebaut, die den Fokus gezielt auf den Hamburger Westen richtet und im vergangenen Juni mit einer eigenen Seite an den Start ging. Schnell war klar: Verschlafen, wie Ortsfremde gern behaupten, geht es in den Stadtteilen zwischen Wedel und Ottensen ganz und gar nicht zu. Dass das Gegenteil zutrifft, zeigt ein Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate.

Der große Jahresrückblick für Hamburg

Von Büchern und Hunden

Rundum positiv ging’s im Januar los: Nach aufwendigen Umbauarbeiten konnte die neue Bibliothek im Chris­tianeum endlich eröffnet werden – sogar Bürgermeister Olaf Scholz schaute vorbei.

Reichlich turbulent entwickelte sich dagegen der März im Hamburger Westen. Eine Hauptrolle spielte dabei das Thema Hunde. Der Bezirk Altona hatte nach massiven Beschwerden alle Auslaufflächen auf den Prüfstand gestellt und unter anderem die Fläche im Jenischpark ins Visier genommen. Ergebnis: Sie sollte langfristig aufgelöst und gegen eine Wiese im benachbarten Westerpark getauscht werden. Es folgten Infoveranstaltungen und Unterschriftensammlungen, ein Bürgerbegehren wurde abgewendet. Ende des Jahres war dann auch der Flächentausch vom Tisch – aber die Diskussion geht weiter.

Wechsel beim Jacob

Paukenschlag im Luxushotel Louis C. Jacob. Nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit musste Direktor Jost Deitmar Mitte März überraschend seinen Hut nehmen. Wie ein Interview Anfang Juni zeigte, war das Verhältnis zu Jacob-Besitzer Horst Rahe offenbar schon lange zerrüttet. Nachdem ein Gütetermin vor Gericht gescheitert war, pilgerte Deitmar im August durch die Alpen, um neue Kraft zu tanken. Deitmars Nachfolger Frank Wesselhoefft gab nach seiner Anstellung im April nur ein kurzes Gastspiel an der Elbchaussee: Schon im Oktober musste er seinen Platz für die neue Direktorin Judith Fuchs-Eckhoff räumen.

Happy End dagegen im monatelangen Rechtsstreit um die geplante Flüchtlingsunterkunft am Blankeneser Björnsonweg. Ende März schlug das Oberverwaltungsgericht einen Vergleich vor, dem beide Seiten zustimmten. Im Mai begannen dann die Bauarbeiten. Die Auseinandersetzungen im Vorfeld hatten den Stadtteil gespalten und Blankeneses Image angekratzt.

Es darf gefeuert werden

Kompromissbereit zeigten sich auch das Bezirksamt Altona und die Fans der traditionellen Osterfeuer am Elbstrand. Nachdem die vier Feuer wegen angeblich ungünstig stehender Winde eigentlich abgesagt werden sollten, lenkte das Altonaer Bezirksamt im letzten Moment ein. Gefeuert (und gefeiert) wurde dann wie gehabt – allerdings mit deutlich strengeren Auflagen als früher. Apropos Elbstrand. Darauf hatten viele schon lange gehofft: Im Juni wurde die erste direkte Fährverbindung zwischen Blankenese und den Landungsbrücken eingerichtet. Dass kurze Zeit später ein unschöner Konkurrenzkampf zwischen zwei Anbietern ausbrach, steht auf einem anderen Blatt.

Zukunftsmusik auch für eine Blankeneser Institution: Ebenfalls im Juni übernahmen Frank und Kerstin Buddenhagen Sagebiels Fährhaus, um ihm mit einem modernen Konzept neues Leben einzuhauchen. Fünf Monate später stellte sich heraus, dass die beliebte Treppe zum Strand massiv einsturzgefährdet ist und dringend saniert werden muss. Die Planungen dafür laufen derzeit.

Schlimme Szenen spielten sich im Zuge der G-20-Krawalle im Juli auch in den Elbvororten ab. An Elbchaussee und Waitzstraße kam es zu massiven Zerstörungen durch linksautonome Vandalen. Auch wenn der materielle Schaden behoben wurde: Angst und Misstrauen steckten vielen Betroffenen noch monatelang in den Knochen.

Doch kein Bürgerentscheid

Die zum Teil heftig geführten Auseinandersetzungen über die Umgestaltung des Blankeneser Marktplatzes wurden Mitte November beigelegt. Altonas Bezirkspolitiker stimmten einer Vereinbarung zu, die von den zerstrittenen Parteien nach langen Verhandlungen ausformuliert worden war. Noch Anfang September hatte die IG Marktplatz ein Bürgerbegehren zum Thema gestartet und Unterschriften gesammelt. Zum Bürgerentscheid kam es nicht mehr. Der Platz wird seit November umgebaut, die Pläne wurden deutlich abgespeckt.

Schon Ende 2015 hatte das Abendblatt erstmals über den rapiden Verfall der Säulenvilla in der Elbchaussee 186 berichtet. Seit November scheint sich nun endlich eine Wende zum Guten abzuzeichnen: Nachdem die denkmalgeschützte Villa über rund zwei Jahre nur durch aufwendige Instandhaltungsmaßnahmen des Denkmalamts gesichert werden konnte, will die neue Eigentümerin nun endlich Geld in das Kleinod in Othmarschen stecken.

Nach aufreibendem Wahlkampf entschied die Initiative „Elbstrand retten“ den Bürgerentscheid über einen geplanten Elbe-Radweg vor Övelgönne Mitte September für sich: 79,38 Prozent der Altonaer sprachen sich dafür aus, vor Ort alles wie bisher zu belassen.

Kulturelle Highlights

Ein Doppelerfolg für die Kultur: Nachdem die frisch renovierte Dehmelvilla in Blankenese seit dem Frühjahr 2017 als Künstlerhaus bei Gruppenführungen erlebbar geworden war, folgte die nächste Premiere: Nach zehn Jahren Planung konnte Ende September das neue Bargheer Museum im Jenischpark eröffnet werden – stilecht mit zweitägiger Feier. Für Dirk Justus, Vorstand der Stiftung Bargheer Museum, „die Erfüllung eines Lebenstraums“. Dagegen zerschlugen sich 2017 alle Pläne für den Erhalt des letzten Wohnhauses von Siegfried Lenz. Statt zum Stiftungs- oder Museumssitz wurde die kleine Villa endgültig zu einem Fall für die Abrissbagger.

Krisen und Lösungen

Im Sommer hatte er noch mit viel Engagement das Jubiläum „700 Jahre Othmarschen“ gefeiert, Ende November war dann plötzlich Krisenstimmung beim traditionsreichen Bürgerverein Flottbek-Othmarschen. Personalmangel, fehlendes Engagement und Ebbe in der Kasse waren Themen bei einer Sondersitzung. Auch wenn fürs Erste Abhilfe geschaffen wurde – die Krise schwelt weiter.

Wildpinkler, Müll und laute Partys: Über den Niedergang des Elbstrands bei Wittenbergen berichtete das Abendblatt im Oktober. Im Dezember dann zwei gute Nachrichten: Das leer stehende Café Buchfink wird durch einen Neubau ersetzt, und auf dem Parkplatz wird ein Container mit öffentlichen WC-Anlagen aufgestellt.

Mit 111 Jahren noch fit

111 Jahre und kein bisschen müde: Die Osdorferin Lydia Smuda verblüffte bei ihrem Geburtstag Anfang November alle Gäste, darunter Bürgermeister Olaf Scholz. Hamburgs älteste Einwohnerin gehört auch bundesweit zu den ältesten Menschen.

Eine Tragödie erschütterte Mitte Dezember ganz Hamburg: Fest installierte Poller am Elbuferweg in Othmarschen führten offenbar zum Tod eines 50 Jahre alten Mannes. Er war bei einer Wandertour auf einer Bank am Hans-Leip-Ufer zusammengebrochen. Wegen der Poller konnten ihn Rettungskräfte nicht sofort erreichen.

Viele dieser Geschichten sind noch nicht auserzählt. Sie begleiten uns 2018 weiter – und das Abendblatt bleibt dran. Langweilig wird es auch im kommenden Jahr nicht. Garantiert.

Der Künstler Ole West entwarf fürs Hamburger Abendblatt sein Bild von den Elbvororten. Für alle, die mehr über den Maler und Buchillustrator wissen möchten: www.olewest.de.

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