20 Elbphilharmonie-Konzerte

Vogt, Hampson, Kopatchinskaja – Klassik-Stars kostenlos

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Joachim Mischke
Patricia Kopatchinskaja sitzt gewissermaßen schon bereit: Auch ein Konzertfilm der Geigerin gehört in diesem Jahr zum Musikfest-Programm der Elbphilharmonie.

Patricia Kopatchinskaja sitzt gewissermaßen schon bereit: Auch ein Konzertfilm der Geigerin gehört in diesem Jahr zum Musikfest-Programm der Elbphilharmonie.

Foto: Maxim Schulz

Das Internationale Musikfest der Elbphilharmonie ist 2021 ein wahres Star-Aufgebot. Wegen des Lockdowns gibt es ein neues Konzept.

Hamburg. Knapp 20 Konzerte in vier Wochen und nichts davon mit Live-Kundschaft, das wäre im Normalbetrieb der Elbphilharmonie ein prima Grund zum entspannten Zurücklehnen, weil der reguläre Saison-Kalender in diesen Monaten deutlich praller wäre.

Nun aber findet vom 6. Mai bis 6. Juni tatsächlich ein Internationales Musikfest statt – komplett digital und gänzlich publikumskontaktlos, einige wenige Auftritte werden als Konserve gesendet. Der logistische Aufwand hinter den Kulissen (Testen, Abstand, das inzwischen übliche Pensum eben) ist entsprechend umständlich und natürlich alternativlos. Alle Streams sind in der Mediathek des Konzerthauses kostenlos online abrufbar.

Ursprünglich sollte das Motto „Hoffnung“ lauten

Als vor rund einem Jahr die ursprünglichen Pläne für dieses Spezial-Sortiment präsentiert wurden, hatte Generalintendant Christoph Lieben-Seutter dem Ganzen noch das trotzig optimistische Motto „Hoffnung“ gegeben; dieser Titel ist inzwischen von der Wirklichkeit überholt und aus dem Protokoll gestrichen worden.

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Das Musikfest 2021 wird also auch deswegen in die Geschichte des Konzerthauses eingehen. Die roten Fäden der Dramaturgie von einst schimmern nur noch stellenweise durch, weil internationale Tournee-Gäste nicht anreisen können oder geplantes größeres Repertoire coronakonform unspielbar ist. Dafür haben sich einige interessante andere Aspekte neu ergeben.

Zwei Konzerte mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen

So wurde aus Alan Gilberts Projekt, mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester Gershwins „Porgy and Bess“ zu spielen, mit etwas Umorientierung eine Konzert-Trilogie mit dem Bariton Thomas Hampson, der für das Festival-Finale Anfang Juli drei Abende unter dem Motto: „Song of America: A Celebration of Black Music“ kuratiert.

Das Thema ist als Leitmotiv und Ansporn aktueller denn je, drei Abende – zuerst ein Recital-Programm, anschließend zwei Konzerte mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen – können lediglich anreißen, wie unverdient unbekannt dieser Teil der US-Musikgeschichte nach wie vor ist.

Symphoniker-Chefdirigent meldet sich am 20. Mai aus der Laeiszhalle

Die hiesige Orchester-Balance, wichtig für die örtliche Gruppendynamik, bleibt auch in diesem Musikfest-Durchgang gewahrt, jeder der drei Chefdirigenten bekommt Gelegenheit, groß aufzutischen: Generalmusikdirektor Kent Nagano übernimmt am 6. Mai das Eröffnungskonzert, mit Beethovens Fünfter, schmerzhafte Erinnerung an das pulverisierte Jubiläumsjahr und der Uraufführung eines Tripelkonzerts von William Blank.

NDR-Chefdirigent Alan Gilbert will am 22. Mai seine Aufführung von Mahlers Neunter nachholen, die in der letzten Spielzeit die fünfte Version dieses Stücks in einer Saison gewesen wäre. Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling meldet sich am 20. Mai aus der Laeiszhalle. Dort steht neben Beethovens „Eroica“ auch, dramaturgisch klug gesetzt, Schönbergs „Ode to Napoleon Buonaparte“ auf dem Programm, zwei Stücke also mit imperialem Bezugspunkt.

Fantasievoller Konzertfilm von Patricia Kopatchinskaja

Auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hatte sich ihre Elbphilharmonie-Residenzzeit anders gedacht. Ihren aufwendig fantasievollen Konzertfilm über und mit Schuberts „Tod und das Mädchen“ hat sie vor einigen Wochen mit ihrem Kammerorchester in Bern abgedreht und international gezeigt, er wird nun auch hier zu sehen sein.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Als zweites, mindestens ähnlich spezielles Projekt bebildert sie szenisch und musikalisch Kurt Schwitters’ „Ursonate“-Gedicht, den Dadaismus-Klassiker schlechthin, dafür soll es sie von der Bühne an andere Stellen des Konzerthauses drängen.

Unbequeme zeitgenössische Musik aus China

Weitere Lokalgrößen ergänzen diese Pläne: Das Ensemble Resonanz tut sich für einen Abend mit der Hausorganistin Iveta Apkalna zusammen, für Werke von Poulenc, Bach und Mozart; ein zweites, sehr resonanztypisches Projekt präsentiert politische unbequeme zeitgenössische Musik aus China. Ex-NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensem­bles gastieren mit Händels Oratorium „Israel in Egypt“.

Das Belcea Quartet, schon oft und gern in Hamburg gehört, widmet mit prominenten Gästen der Kammermusik des Stadtheiligen Johannes Brahms zwei Abende. Der frühere Philharmoniker-Hornist und jetzige Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt singt einige von Mahlers „Wunderhorn“-Liedern, begleitet von seinem Ex-Orchester und dessen Chef Kent Nagano, umrahmt von Schuberts Dritter und Weberns Bearbeitung der „Sechs Deutschen Tänze“.

Das Raritätenkabinett bestückt Paavo Järvi

Das Raritätenkabinett bestückt Paavo Järvi bei einem NDR-Konzert mit Carl Nielsens Zweiter. Immerhin eine Nu­ance Internationalität wird als Stream aus dem Pariser Kulturzentrum „La Seine Musicale“ zugeliefert: Das „Insula orchestra“, ein spannendes, hierzulande noch arg unbekanntes Freistil-Ensembles, wurde vor knapp einem Jahrzehnt von der Dirigentin Laurence Equilbey gegründet.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auf ihrem Programm stehen Werke von Schuman, die wegen ihrer Seltenheit im Programmbetrieb per se das Reinklicken lohnen, darunter das Requiem und die Balladen „Vom Pagen und der Königstochter“ sowie „Des Sängers Fluch“. Dass der Saal auf einer Seine-Insel vom Elbphilharmonie-Akustiker Yasuhisa Toyota seinen Feinschliff erhielt, macht diesen Abend noch interessanter.

Weitere Infos: www.elbphilharmonie.de