Hamburg

Was im Caravan vor der Elbphilharmonie zu erleben ist

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Frauke Aulbert ist die Kuratorin des Festivals für  Immaterielle Kunst.

Frauke Aulbert ist die Kuratorin des Festivals für Immaterielle Kunst.

Foto: Karjaka Studios

Das Festival für Immaterielle Kunst ist für zwei Tage in und an dem Konzerthaus zu Gast. Gespräch mit Kuratorin Frauke Aulbert.

Hamburg.  Große Festivals? Schwierig gerade. Das Festival für Immaterielle Kunst komprimiert seine Themen – Stimmkünstler und Avantgarde-Performance – in zwei Elbphilharmonie-Konzertabende und Beiprogramm. Was dort warum und wie passiert, berichtet vorab die Kuratorin Frauke Aulbert.

Hamburger Abendblatt: Die französische Künstlerin Gwen Rouger stellt drei Tage lang einen Caravan vor die Elbphilharmonie. Was soll da passieren? Und warum?

Frauke Aulbert: Durch die Outdoor-Performance wollen wir auf zwei Arten näher an unser Publikum heran. Zum einen ist der Caravan eine Art Tor zum Festival, in das man leichter eintreten kann als ins mächtige Philharmoniegebäude. Zum anderen findet eine ganz nahe Begegnung mit der Künstlerin statt. Die Privatperformance für nur einen Zuschauer, eine Zuschauerin öffnet die Ohren auf besondere Art, da man ja die Einzige ist, für die die Klänge bestimmt sind.

Ist das, was Sie präsentieren, mit dem Wort „Konzert“ überhaupt noch richtig etikettiert? Was macht denn ein „Konzert“ aus?

Aulbert: Ich kann mir vorstellen, dass unter diesem Begriff zunächst das Pop/Rock-Konzert verstanden wird, also ein Event, wo man sich selber einbringen und mitfiebern darf, und wo die Darbringung, die Performance, ein ganz wesentlicher Bestandteil ist. Mit weiteren Informationen, wie „Konzertsaal“, bedeutet es gleich hohe Kultur, zwar Kunst, aber zum Zurücklehnen und Genießen. Das Festival für Immaterielle Kunst hat Merkmale von beiden und noch mehr. Es kombiniert visuelle, performative und musikalische Elemente auf Augenhöhe; das eine ist nicht das Add-on des anderen. Es ist Kunst, aber nicht zum Zurücklehnen, sondern zum Mitfiebern gedacht.

Sie bringen sehr zeitgenössische, sehr experimentelle Musik-Performances in die Elbphilharmonie, für gerade mal zwei Abende. Ein bisschen wenig Material für Horizonterweiterung, verglichen mit Hunderten von „normalen“ Elbphilharmonie-Konzerten?

Aulbert: Was ist normal? Das Repertoire der Elbphilharmonie ist breit gefächert, trotzdem erweitert unser Festival den Veranstaltungskanon dieses Hauses. Wir bringen die freie Szene auf die große Bühne, in dem Moment, wo sie entsteht, und nicht erst, wenn sie etabliert ist. Zwei Tage mit sieben Performance-Konzerten sind ein guter Start für solche Musik, die eben nicht zum Konsumieren da ist, sondern zum Agieren anregen, inspirieren möchte.

Sie hätten auch Klassiker wie John Cages 4’33“ oder György Ligetis Poème Sympho­nique für 100 Metronome anbieten können. Oder sind die schon zu museal?

Aulbert: Unser ältestes Stück ist von 2017. Grundsätzlich würde ich ein Stück wie 4’33‘‘ für unser Programm aber nicht ausschließen, zumal sich gerade bei diesem Stück eine Schlüsselfrage stellt: Ist es noch Musik? Ist es schon Performance? Im Mittelpunkt steht aber die Assoziierung der Person auf der Bühne mit dem Stück: der (Körper des) Performer(s) als Instrument, Projektionsfläche und Kommunikationsmedium. Alle unsere Stücke wurden von den Performern und Performerinnen selbst oder in enger Kollaboration mit einem anderen Künstler, einer Künstlerin geschaffen. Übrigens sind die auf und hinter der Bühne vorwiegend weiblich oder queer. Ein paar Quotenmänner haben wir aber auch dabei.

Formate wie diese zwei Abende, die Genre-Grenzen ignorieren, sind kein Ersatz für ein 120-Mann-Orchester mit Strauss oder Mahler, aber in diesen Zeiten …

Aulbert: … repräsentieren sie sowohl die aktuelle Kunst als auch unser tägliches Leben 130-mal besser.

Konzerte: 28./29. September, jew. 19.30 Uhr. Elbphilharmonie, Kl. Saal, immateriellekunst.de