Corona und Kultur

Eine Konzertsaison in Hamburg auf Bewährung

Generalpause oder Rückkehr in eine neue Normalität? Die zweite Spielzeit als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters ist für Alan Gilbert eine mit vielen Fragezeichen.

Generalpause oder Rückkehr in eine neue Normalität? Die zweite Spielzeit als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters ist für Alan Gilbert eine mit vielen Fragezeichen.

Foto: Roland Magunia

Die nächste Spielzeit des NDR Elbphilharmonie Orchesters soll auch den 75. Geburtstag des Ensembles feiern.

Hamburg. Als Richard Strauss seine 1915 uraufgeführte „Alpensinfonie“ schrieb, schwebte ihm eine Besetzung von mindestens 107 Instrumenten vor, Teil des Riesenaufwands zur Vertonung einer Bergpartie ist eine Windmaschine. Man kann das Personal aber auch auf 129 erhöhen. An sich also ein Superschwergewichtstück, ein Schaulaufen für extragroße Orchester. Gerade jetzt allerdings, auch ohne die vermeintliche Virenschleuder Windmaschine, ist dieser Klassiker ein Stück der absoluten Unmöglichkeit – und als Abschluss des „Opening Night“-Programms geplant, das Chefdirigent Alan Gilbert und das NDR Elbphilharmonie Orchester am 4. September im Großen Saal präsentieren wollen. So zumindest steht es jetzt in der Spielzeit-Übersicht für 2020/21.

Als Auftakt zu jener Saison, die auch zum 75. Geburtstag des Rundfunkorchesters gratulieren soll. Auf die Gretchenfrage nach der konkreten „Alpensinfonie“-Wahrscheinlichkeit auf einer Skala von 0 bis 10 möchte der NDR-Klangkörpermanager Achim Dobschall gerade lieber nicht konkret antworten. „Wir gehen davon aus, dass wir etwas auf die Beine stellen können“, so viel sagt er. Das Saisonprogramm sei im März finalisiert worden, „wir gehen realistischerweise nicht davon aus, dass alles so stattfinden kann“, das sagt er aber auch, immerhin. „Man muss sehen, was möglich ist, was man möglich machen kann.“

NDR-Orchester hat eine spezielle Position

Dieses Notwehr-Orakeln könnte also bedeuten, dass es zwar ab September NDR-Konzerte geben wird, aber eben vielleicht mit anderen Solisten – oder auch ohne, falls sich kein passendes Alternativ-Repertoire mit machbarer Begleitbesetzung finden ließ. Als Gegenmittel zu dieser Unsicherheit werden die Karten unter Vorbehalt zu kaufen sein (siehe das Ende des Textes), der Vollzug bleibt entsprechend abzuwarten. Eine „Schattenplanung“ für alles und jeden gebe es allerdings nicht, berichtet Dobschall, er nennt die Ungewissheit lieber „auf Sicht rantasten, was geht“, „jede Woche ständig Alternativszenarien für die komplette Saison, das macht keinen Sinn“.

Als Residenz-Orchester in der Elbphilharmonie hat das NDR-Orchester eine spezielle Position im Hamburger Angebot. Womöglich, doch auch das lässt sich noch nicht in Stein meißeln, ergeben sich daraus neue Einsatzmöglichkeiten und -verantwortungen im Konzeptverbund mit dem Hausherrn Christoph Lieben-Seutter, der auch auf viele Fragezeichen im Spielplan blickt. „Wir können sehr viel mehr möglich machen als er allein“, sagt Dobschall, „er liefert den Saal, wir das Orchester – da können wir gemeinsam einiges anbieten.“

Frage der Sicherheitsauflagen

Doch falls ja, für wie viel Publikum und unter welchen Sicherheitsauflagen, das würde sich dann weisen müssen. Als Rundfunkorchester steht das NDR-Ensemble finanziell zwar nicht so dicht mit dem Rücken an der Wand wie weniger abgesicherte Freelancer, doch „wir sind ganz wesentlich auf die Einnahmen angewiesen, wir können unsere Konzerte sonst so nicht anbieten“, betont Dobschall.

Geschichte wiederholt sich nur selten, aber sie weist mitunter grobe Ähnlichkeiten auf. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Trümmern einer Gesellschaft ein neues, optimistisches Orchester unter der energisch visionären Leitung von Hans Schmidt-Isserstedt entstand und von Hamburg aus für kulturelle Grundversorgung durch Musik sorgte, war das nicht weniger als ein Wunder.

Jazzpianist Chick Corea mit Eigenbau-Klavierkonzert

An diese Ereignisse will das jetzige NDR-Orchester mit Sonderkonzerten erinnern, in einer Zeit, in der anders fast alles aus der Balance ist: Am 3o. Oktober gibt es in der Laeiszhalle ein Remake des ersten Konzerts. Auf dem Programm, dann wie damals, stehen Beethovens „Egmont“-Ouvertüre, das Doppelkonzert von Brahms (Soli: Julia Fischer und Daniel Müller-Schott) und Tschaikowskys Fünfte. Am 1. November soll ein weiteres Festkonzert folgen, mit Frank Peter Zimmermann und dem Mendelssohn-Violinkonzert. Teil der Jubiläumssaison sind Gastauftritte früherer NDR-Chefdirigenten: Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi wollten kommen. Thomas Hengelbrock und John Eliot Gardiner, die beide nicht in Harmonie gegangen sind, fehlen auf der Ex-Maestro-Gästeliste. Bei Hengelbrock scheinen die Wunden noch zu frisch. Bei Gardiner, so Dobschall, habe man es probiert, es habe keine Terminverfügbarkeiten gegeben.

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Die reguläreren Programmschwerpunkte setzten den Kurs fort, für den das NDR-Orchester bekannt ist: einige gute und einige alte Bekannte unter den Gastdirigenten, mit dabei sind Marek Janowski, Manfred Honeck, aber auch der heiß gehandelte Finne Santtu-Matias Rouvali. Jukka-Pekka Saraste dirigiert Schostakowitschs Elfe. Für den jetzigen Chef Gilbert stehen u. a. Beethovens „Eroica“, Mahlers Vierte – statt in diesen Tagen dessen Neunte – und als zwei besondere Gäste der Pianist Daniil Trifonov mit dem 1. Klavierkonzert von Prokofjew und der Jazz-Pianist Chick Corea mit einem Eigenbau-Klavierkonzert im Kalender.

Große Asien-Tournee im Oktober?

Als Zweit-Jubiläum ist für April 2021 ein „Strawinsky in Hamburg“-Festival in Aussicht, als Erinnerung an die ohne Rolf Liebermann undenkbare Zusammenarbeit des NDR mit dem 1971 gestorbenen Komponisten. Ergänzung dazu: eine genreübergreifende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum über „Picasso, Strawinsky und die Ballets Russes“ .

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Als Artist in residence prägt der Geiger Leonidas Kavakos das Angebot mit Konzerten von Strawinsky, Mozart und Brahms; Zweitbesetzung ist der Geiger Augustin Hadelich. Gilbert stellt die Wiederbelebung eines Konzepts an den Start, das ihm bereits während seiner Zeit als Chef des New York Philharmonic am Herzen lag: eine Biennale mit zeitgenössischer Musik. Hier sollen es im Fe­bruar 2021 elf Konzerte unter der Devise „Elbphilharmonie Visions“ sein. 2016 hatte Gilbert Gershwins „Porgy and Bess“ an der Mailänder Scala dirigiert, beim nächsten Musikfest – mit anderer Besetzung und halbszenisch anderer Regie – wird er das Stück erneut angehen.

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Die „Konzerte für Hamburg“, das populäre, günstige Kurzformat, sucht man vergebens. Das habe sich etwas überlebt, lautet Dobschalls Einschätzung, andere niedrigschwellige Angebote seien in Arbeit. Über eine große Asien-Tournee im Oktober soll Ende Mai entschieden werden. Auch dieser Punkt im Spielplan ist also, wie gerade so vieles, mehr Hoffnung als Tatsache.

Kartenverkauf

  • Das NDR Elbphilharmonie Orchester bietet zum Vorverkauf der Konzertsaison 2020/21 einen neuen Service an: Vom 26. Mai an können Karten für die gesamte Saison bestellt werden. Sie müssen allerdings erst bezahlt werden, wenn sichergestellt ist, dass das gewünschte Konzert tatsächlich stattfindet.
  • Pro Konzert können bis zu vier Tickets online oder telefonisch mit Angabe der Preiskategorie bestellt werden. Die platzgenaue Zuteilung erfolgt spätestens sechs Wochen vor dem Konzerttermin, nach dem Bestplatzprinzip in der Reihenfolge der Bestellungen. Weitere Informationen unter www.ndr.de/eo oder unter T. 040/357 666 66. HA