Klassik

Wenn die Elbphilharmonie zum Aufnahmestudio wird

Die Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity.

Die Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity.

Foto: Michael Rauhe

Von Beethoven bis Bruckner, von Schubert bis Henze: Neue Klassik-CDs und -Blu-rays aus Hamburg oder mit Hamburger Beteiligung.

Hamburg. Bis vor einigen Jahren waren klassische CD-Veröffentlichungen mit Hamburger Beteiligung eher Sammlerstücke für Lokalpatrioten und weniger Publikumsrenner. Die Brahms- und Bruckner-Einspielungen des NDR-Orchesters mit Günter Wand haben zwar längst internationalen Legendenstatus, der Bruckner-Erstfassungs-Zyklus der Philharmoniker unter Simone Young kam dagegen über regionales Fleißarbeit-Niveau nicht hinaus. Nun aber, der Neubau an der Elbe macht es möglich: Musikstadt-Ehrgeiz auf Weltniveau, Klassik-Aufschwung, vieles anders.

Vieles geht. Und obwohl Klassik-CDs mittlerweile vor allem hörbare Visitenkarten sind, die sich oft gut machen, aber nur sehr selten rechnen – von jedem der drei größten Orchester, seinem Chef oder Ex-Chef sind aktuelle Tonträger vorhanden. Und auch die Elbphilharmonie selbst wird nach und nach als teuerstes Aufnahmestudio der Welt mehr und mehr ins Spiel gebracht.

Wäre sie allerdings nicht ständig so stramm ausgebucht, gäbe es womöglich schon weitere Aufnahmen – mit und ohne Publikum – aus diesem Saal. Als kürzlich das City of Birmingham Symphony Orchestra mehrere Tage hintereinander zu Gast war, wurden neben Proben und Konzerten noch Nachtschichten geschoben, um Material für die nächsten CDs zusammenzubekommen (angeblich soll Waltons süffige „Troilus and Cressida“-Suite eines der mitgeschnittenen Stücke gewesen sein).

Dieses Problem kennt das NDR Elbphilharmonie Orchester als Stammgast mit Vorbuchungsrecht nicht. Nachdem der damalige Chefdirigent Thomas Hengelbrock nach der Eröffnung des neuen Konzerthauses eine Aufnahme der Brahms-Sinfonien vorgelegt hatte, ist die erste NDR-Einspielung mit dem nächsten, gerade frischen Chef Alan Gilbert einem anderen großen B aus dem Standard-Repertoire gewidmet: Bruckner, die Siebente. Nah an Wagner, ganz nah der Ewigkeit. Diese Wahl an sich, mit Wand als Referenzgröße, ist: sehr mutig. Und das Ergebnis kann sich hören lassen.

Dieser Bruckner bezieht seine Stärke und Eindringlichkeit aus dem Streben nach klanglicher Geschlossenheit und romantischer Intensität. Mitunter wären klarere Kanten und forscheres Zupacken noch packender gewesen, um sich zu profilieren, doch was noch nicht ist, könnte durchaus noch kommen. Die Chemie jedenfalls scheint zu stimmen. Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Gilbert und dieses Orchester sich schon seit mehr als einem Jahrzehnt kennen (Sony Classical, ca. 17 Euro).

Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano hat unterdessen andere alte Freundschaften gepflegt, um weit vorn zu sein beim Wettlauf um die originellste Beethoven-Rarität für das nahende Jubiläumsjahr: Mit dem DSO Berlin, dessen Chef er von 2000 bis 2006 war, hat er sechs Beethoven-Klavierkonzerte aufgenommen, die Soloparts spielt Naganos Frau Mari Kodama. Sechs?! Kein Rechenfehler, denn das „Nullte“ ist ein unvollendet gebliebenes Sehrfrühwerk des 14 Jahre jungen Ludwig.

Nicht viel mehr als eine Fleißarbeit voller Anspielungen auf die Idole Mozart und Haydn, aber dennoch ein reizvolles Sammlerstück, eine kleine Vorstudie von späterer Größe. Die fünf regulären Konzerte, das Tripelkonzert und die „Eroica“-Variationen sind schön, aber fakultativ (Berlin Classics, 4 CDs, ca. 20 Euro).

Dass ausgerechnet die Symphoniker Hamburg, und ausgerechnet mit dem Ex-Staatsopern-Intendanten Peter Ru­zicka am Dirigentenpult, noch tiefer in die Raritätenkiste greifen und zeitgleich gleich zwei Beethoven-Fragmente herausbringen, ist wirklich erstaunlich. Der entscheidende Unterschied: Das Nullte Klavierkonzert, nachträglich in Partiturform gebracht, spielt die Solistin Sophie-Mayuko Vetter nicht auf einem modernen Flügel, sondern auf einem historisch passenden Hammerflügel, der viel zarter und leiser perlt. Ganz andere Klangwelt, viel dichter an Beethovens Klangstilistik.

Und um noch eins draufzusetzen, wurde auch das Sechste Klavierkonzert eingespielt. Also: das, was spätere Bearbeiter aus den wenigen erhaltenen Skizzen machten und hineinfantasierten. Und während der blutjunge Ludwig noch Fingerübungen schrieb, hatte der späte Beethoven sehr wohl erkannt, dass er mit diesem Rohling nicht weiterkam. Als Wiederbelebungsversuch von Zettelkasten-Inhalten interessant, dennoch: ein löbliches, aber nur bedingt originales Unterfangen.

Ein weiteres Nagano-Auswärtsspiel, im Sommer 2018, war die Inszenierung von Henzes Antiken-Oper „Die Bassariden“ bei den Salzburger Festspielen. Die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski in der riesigen Felsenreitschule war ein Panorama-Erlebnis, mit den Wiener Philharmonikern hatte Kent Nagano ein Top-Orchester vor dem Taktstock. Eine großartige Produktion, eine virtuos geschnittene Aufnahme (Arthaus, DVD ca. 25 Euro/Blu-ray ca. 30 Euro).

Tagelanges Mitschneiden füllte eine CD-Box, die das erste Festival der Symphoniker Hamburg mit der Weltklasse-Pianistin Martha Argerich im Juni 2018 dokumentierten, mit Kammermusik, Konzerten, Liedern und Bearbeitungen. Wie es bei Liveaufnahmen so ist, erst recht bei einem Konzertmarathon mit Familientreffen-Charakter wie diesem – nicht alles ist hundertzehnprozentig gelungen.

Der gute Wille und die enorme Freude am Miteinander vor Publikum in den beiden Sälen der Laeiszhalle ist mitunter hörbarer als der Drang zur Perfektion. Und das entschädigt für so manche Einzelleistung, über die man großzügig hinweghören sollte, weil Argerichs Charisma diese Niveaudellen trostpflastert (Avanti, 7 CDs, ca. 43 Euro).

Und was macht eigentlich Thomas Hengelbrock? Weiter, wie bisher. Als Ergänzung zur eigenen Laeiszhalle-Konzertreihe mit seinen Balthasar-Neumann-Ensembles hat er nun auf CD ein Programm vorgelegt, das im vergangenen Sommer beim SHMF von ihm zu hören war: Schumanns Missa sacra c-Moll, eine echte Entdeckung, da Schumann als geistlicher Komponist praktisch unaufgeführt ist. Das kann man von Schuberts „Unvollendeter“ nicht sagen, doch die Kombination der beiden hat einen eigenen Charme. Der historisch informierte Blickwinkel des Orchesters bringt weitere Fleißpunkte (dhm, ca. 18 Euro).

Noch ein Bruckner: Aber Christian Thielemann, als höchstromantischer Bruckner-Verehrer bekannt, zelebrierte mit der Staatskapelle Dresden für den Mitschnitt der eher selten gespielten 2. Sinfonie, dem Abschluss eines Bruckner-Zyklus’, die traditionssatte Extraklasse dieses Orchesterklangs: Dort wird geschwelgt und so fein feingezeichnet, dass man sich nachträglich ärgern darf, diesen Abend live verpasst zu haben (DVD ca. 20 Euro, Blu-ray ca. 28 Euro).

Toll gespielte Mahler-Sinfonien kommen im Großen Saal besonders beeindruckend zur Geltung, weil er den Ecken, Kanten und Extremen dieser Musik zu packender Prägnanz verhelfen kann. Das österreichische Tonkünstler-Orchester hatte sich für sein Gastspiel im Großen Saal im Frühjahr 2019 die Fünfte vorgenommen, und Chefdirigent Yukata Sado legte sich damals mächtig weit in die Kurven. Die in Eigenregie veröffentlichte Blu-ray (Tonkünstler, 28 Euro) dokumentiert aber auch, dass die St. Pöltener, bei aller Liebe, keine Wiener sind. Und Sado kein Haitink oder Bernstein.