Elbphilharmonie

Schon auf der Rolltreppe zur Plaza beginnt das Staunen

Beim Rundgang über die Plaza und in die Konzertsäle der Elbphilharmonie erschließt sich die Schönheit der Architektur.

Hamburg.  Auf den ersten Blick, doch der täuscht natürlich, sieht ausgerechnet der gedrungen versteckte Eingang in das 866-Millionen-Euro-Gebäude eher nach Sparzwang und verdruckstem Reinschleichen aus: Die Durch-gangsschleusen zur Kartenkontrolle machen nicht rasend viel her, auf der Leuchtwand ­dahinter flimmern und wabern abstrakte Bildschirmschoner-Muster herum wie beim nächstbesten gehobenen Elektroniksupermarkt in der nächstbesten Fußgängerzone. Doch dann sieht man die Tube, der Kiefer klappt unweigerlich nach unten, und die Inszenierung beginnt.

Machen Sie hier einen Spaziergang durch die Elbphilharmonie

Es ist Freitag früh, sehr früh noch, die erste Journalistengruppe – 3oo aus etlichen Ländern angeblich – startet um 8.10 Uhr, um sich im grauen Morgenlicht des Hafens ein, viele, ganz viele Bilder von dem Gesamtkunstwerk Elbphilharmonie zu machen und sie, tunlichst von Jubelschreien untermalt, aus dem Tor zur Welt zu senden. Die Tube, die konvex gebogene Rolltreppe, natürlich ein Unikat vom Feinsten, ist dafür die perfekte Ouvertüre, als Tonart wäre sie reines C-Dur. Schon hier beginnt das übermächtige Staunen über die Schönheit, die des Ganzen und die Liebe zu Details.

Plaza-Eröffnung in der Elbphilharmonie:

Der Reflex vieler Medien-Profis während der zweieinhalbminütigen Fahrt: Mit einer Hand ein erstes von etlichen Fotos machen, mit der anderen sanft und ehrfürchtig über den dehnungs­fugenfreien Putz streichen, in den große Glaspailletten eingelassen sind. Wegen der Krümmung wird erst kurz vor Ende der 82 Meter langen Fahrt ins Ungewisse klar, wo und wie sie endet. Eingerahmt wie ein Gemälde kommt das große Panoramfenster an der Westseite in den Blick, und der Bild-in-Bild-Trick funktioniert perfide gut.

So geht’s zur Plaza

Am Vorabend stand dort ein Mitarbeiter des Gebäudebetreibers, um Licht und Rolltreppentempo zu kontrollieren, und sagte mit mächtig verknalltem Blick beim Blick in Richtung Landungsbrücken andächtig: „Das ist wie ein Gemälde.“ Danach sagten wir erst mal nichts mehr, weil das Panorama mit Landungsbrücken eh stärker war. Fototapete in echt.

Der Große Saal wirkt kammermusiktauglich intim

Am nächsten Morgen geht es mit den Kollegen und den vielen Kameras aber zunächst kurz in die Kaistudios, den musikpädagogischen Bereich unterhalb der Plaza. Vorbei an einer Glaswand, die den Blick ins Parkhaus erlaubt, und selbst etwas so Profanes wie eine Autoabstellfläche wirkt hier wie großes Theater. Gourmet-Beton, am Bühnenrand die riesige Spindel zur Auffahrt. Aber lieber wieder zurück in die Tube, Richtung Plaza. Die große Ouvertüre hat noch einen kurze Coda, die kleine Tube, wenige Meter nur, wieder durch eine Pailletten-und-Putz-Röhre, danach nur noch wenige Backstein-Stufen, und die Plaza ist ­erreicht.

Es ist schattig hinter den großen Glasvorhängen, die Kinoleinwände für die Stadt sind, wir haben Anfang ­November. Hinter einer Trennwand ist das Foyer des Hotels zu erkennen, heute Abend werden Abendblatt-Leser die ersten Gäste sein, die hier übernachten dürfen. In der kleinen Gastronomie steht alles bereit, im Shop sind die Devotionalen ordentlich sortiert. Von uns aus kann’s jetzt losgehen, signalisiert alles und jeder.

Rundgang durch die Elbphilharmonie:

Wer hier noch nie war, also praktisch jeder, wird so schnell nicht wieder weg-, runter- oder gar rauswollen. Doch bis zum 11. Januar 2017 endet die Entdeckungsreise genau hier schon wieder, auf 37 leicht zugigen Metern Höhe über der Elbe. Die beiden Freitreppen zu den ­Foyers und den ­zwei Sälen, den beiden Herzkammern des Gebäudes, kann man bestaunen, aber nicht betreten. Harter Entzug.

Heute aber kann man. Der Dramaturgie wegen geht es zunächst zum Kleinen Saal, den kleineren der beiden ausladend geschwungenen Gehörgänge ­hinauf. Und dort ändert sich die ästhetische Raumtemperatur. Warmbraune Holzvertäfelung, ein geradezu gemütliches Foyer mit kleinem Tresen, alles in dezenten Farben, und hinter dem Fenster schon wieder dieser Über-Blick auf die Stadt, der einem die Füße wegzieht. Alles riecht noch neu, immer wieder ­begegnen einem Bauarbeiter, deren Blicke eine Mischung aus routiniert gelassenem Umgang mit diesen Räumen und prallem Stolz sind. Ohnehin wirken alle Mitarbeiter hier so euphorisiert wie auf Droge. Endlich fertig, wie toll ist das denn, hereinspaziert, Herrschaften!

Plaza-Eröffnung in der Elbphilharmonie:

Doch noch ist es im Kleinen Saal schummrig und unfertig und Baustelle. Auf den letzten Metern vor der Ziellinie hatte der Akustiker ­Yasuhisa Toyota an seinem eigenen Konzept noch Justierungsbedarf angemeldet: Auf der Ostwand des Saals sollen nun die Paneele aus französischem Eichenholz, kunstvoll zur Schallwellen-Buckelpiste gefräst, um zehn Grad nach ­innen versetzt werden, um für alle Bühnenaufbau-Fälle optimale Klangqualität liefern zu können. Lieber jetzt noch als zu spät, denkt man sich, bevor es durch eine Art Tapetentür ins Foyer vor dem Großen Saal geht. Und wieder saust der Kiefer nach unten.

Treppen, Labyrinthe, luftige Durchblicke entlang der Saal-Außenform. An den Decken der Foyers, die sich wie eine Schichtorte an die Glasfassade schmiegen, sind Leuchtlinien angebracht, die allesamt auf jenen Punkt im Großen Saal zielen, auf dem der Dirigent steht. Hier lang leuchten sie den Weg, dort spielt die Musik. Ein Gerücht, dass zu typisch für die Detailtiefe der Planung klingt, um nicht wahr zu sein: Angeblich soll hier kein Rotwein ausgeschenkt werden, weil die Holzböden offenporig sind und man diese Flecken nie wieder wegbekäme. Immer wieder blitzt die Stadt seitlich ins Bild. Zwischen zwei Treppen ist der Michel zu sehen, so mittig, als hätten die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron das andere Wahrzeichen mal eben passend fürs Foto umgeparkt.

Festreden zur Plaza-Eröffnung:

Genug gestaunt jetzt. Durch einen Foyergang, der fast unbemerkt ins Innere mündet, gelangt man in den Großen Saal. Warmes Licht begrüßt die Neulinge, die „Weiße Haut“ an den Wänden. Durch die beiden Fenster an der Nord- und Südseite fällt etwas Tageslicht hinein, die Kugellampen zaubern Glühwürmchen-Magie in den Saal. Staunende Stille, selbst die Dauernörgler unter den Erstbesuchern scheinen schwer beeindruckt. Details am Rande, als weitere Last-minute-Belege für das Rennen gegen die Uhr: Seit Kurzem erst haben alle Stühle auf ihrer Rückseite eine Holzvertäfelung statt Stoffbezug. Toyota wollte das so. Bessere Reflexion. Und wer zwischen die Fugen der „Weißen Haut“ blickt, wird dort Silikon entdecken. Toyota wollte auch das so. Bessere Reflexion. Kilometerlang wurde alles per Hand und mit Spezialinstrumenten verfugt. Wenn schon, denn schon, auf den letzten ­Metern bloß nicht schwächeln. Trotz seiner Größe wirkt der Raum kammermusiktauglich intim. Wer möchte, kann, ohne den Saal zu verlassen, vom vordersten Parkett bis in den hochalpinen Block Z wandern, dorthin, wo der Blick fast senkrecht Richtung Bühne fällt. Wieder gehen zu müssen, ohne Musik gehört zu haben, ist nichts, was leichtfällt.

Im Backstage-Bereich, der im Vergleich zu den antiken Zuständen hinter der Bühne der Laeiszhalle wie ein Fünf-Sterne-Wellness-Bereich wirkt, haben die Solisten- und Dirigentenzimmer nicht nur diesen Fototapeten-Blick Richtung City. Wer möchte, kann die Uhrzeit bis zum Auftritt vom Michel auf Augenhöhe ablesen. Sie haben auch Badewannen. Um in aller Ruhe diesen Text zu schreiben, gibt es keinen besseren Platz als eines dieser Zimmer, bevor es wegen einer Pressekonferenz zum letzten Mal vor dem 11. Januar 2017 voll wird im Großen Saal. Das jahrelange Warten auf das Wort „Fertig“ an der Fassade hat ein Ende. Nun wartet alles auf den ersten Ton. Und den ersten Applaus.