Die Stadtteilserie

Stellingen

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Jan Haarmeyer

Laut und aufregend - das Leben zwischen Hagenbeck und dem geplanten Milliarden-Projekt A-7-Deckel.

Auf den ersten Blick ist die Sache recht eindeutig. Stellingen, na klar, das ist Hagenbeck. Der Tierpark mit seinen exotischen Bewohnern und seinen weitläufigen Wegen, seinen Parkanlagen und seinen zahlreichen Attraktionen hat diesen Stadtteil im Nordwesten Hamburgs weltberühmt gemacht.

Als Carl Hagenbeck am 7. Mai 1907 den ersten Zoo der Welt mit gitterlosen Gehegen eröffnete, war Stellingen noch ein Dorf mit rund 6000 Einwohnern vor den Toren der Stadt. Am Wochenende strömten die Hamburger in die Ausflugslokale am Langenfelder Damm oder in der Kieler Straße, wo die Kapellen zum Tanz aufspielten. Sie vergnügten sich im "Grenzhaus" und im "Langenfelder Hof", in "Timmermanns Etablissement" oder im "Hansa-Saal". Sie fuhren Achterbahn im Vergnügungspark von Hugo Haase in der Hagenbeckstraße. Sie schwammen im Freibad "Zum Quellental", das Jakob Pistor aus der stillgelegten Victoria-Ziegelei zum beliebten Ausflugsziel umgebaut hatte. Und sie bestaunten Trapezkünstler, die auf einem Seil über den künstlich angelegten See vor dem "Forsthaus" im Försterweg balancierten.

+++ Fläche & Bevölkerung +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

105 Jahre später wird bei Hagenbeck erneut eine Eröffnung gefeiert, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgen wird. Das grandiose Eismeer gewährt mit seinen riesigen Panoramascheiben und seinem 700 Meter langen Rundweg faszinierende Unterwasser-Einblicke und die Beobachtung von tauchenden Eisbären, Walrossen, Robben und Pinguinen. Das wird für neue Besucher-Rekorde sorgen, schon im vergangenen Jahr strömten mit 1,7 Millionen Gästen knapp zehn Prozent mehr Menschen in den Zoo als im Jahr 2010. Und es wird Stellingen für mindestens weitere 100 Jahre zum Treffpunkt für Touristen aus aller Welt machen.

Tierpark statt Ortskern

Ein Zentrum aber ist Hagenbeck für die Stellinger nicht. Für ein Zentrum muss man keinen Eintritt bezahlen. Ein Zentrum ist etwas für die Bewohner, nicht für Besucher. "Dass Stellingen keinen Ortskern hat, liegt an seiner Geschichte", sagt Hans Hertel, Vorsitzender des Bürgerhauses Stellingen. Das ursprüngliche Dorf lag im äußersten Norden des Stellinger Gebiets. Dort, wo heute die Vogt-Kölln-Straße auf den Wördemanns Weg trifft. Im 19. Jahrhundert siedelten sich im südlichen Teil Stellingens, in Langenfelde, zunehmend Menschen an, die die rasant wachsenden Städte Altona und Hamburg mit Milch, Butter, Fleisch, Kartoffeln, Obst und Gemüse sowie Holz, Lehm und Ziegeln versorgten. Frauen zogen mit vierkantigen Bügelkörben auf den Schultern los und verkauften ihre Waren auf den Märkten. Die Langenfelder Buttermädchen prägten viele Jahre die Hamburger Straßenszene.

"Die Zugezogenen waren aufgeschlossen und geschäftstüchtig", sagt Hans Hertel. Sie betrieben Gasthäuser und Ballsäle an der Kieler Straße. "Langenfelde und Stellingen wuchsen ungeplant aufeinander zu." Später entstanden Kirchen und Schulen, der Wasserturm und das Stellinger Rathaus. "Zur Bildung eines Ortszentrums aber kam es nicht", sagt Hertel.

Schlimmer noch: Stellingen ist heute ein zerrissener Stadtteil. Zerstückelt von Süd nach Nord durch die sechsspurige Kieler Straße und von West nach Ost durch die Autobahn sowie Volksparkstraße und Koppelstraße. "Man fährt nicht mehr wie früher nach Stellingen, sondern durch Stellingen hindurch", sagt Hertel. "Der Lebensbereich Stellingen ist in Hamburg buchstäblich unter die Räder gekommen." Man kann auch sagen, dass Stellingen aufgrund seiner Lage in einer Millionenstadt einfach Pech gehabt hat.


Ständig zunehmender Verkehr

Die Entwicklung ist in der Tat ziemlich einseitig. Der Stadtteil muss immer mehr Verkehr verkraften. Quasi im Gegenzug verschwinden die letzten Orte der Ruhe. Es gibt als grüne Oase noch die Stellinger Schweiz, aber kaum noch kleine Geschäfte. Die Bücherhalle wurde geschlossen, nun soll das Kundenzentrum folgen. Bildeten nach dem Krieg noch 58 Kleingartenvereine mit 4000 Parzellen "die grüne Lunge Stellingens", schrumpfte ihre Zahl im Jahr 2000 auf rund 20.

Die Kleingärtner spielen auch eine große Rolle bei dem Milliarden-Projekt, das diesen Hamburger Stadtteil mit eigener Autobahnausfahrt vor seine wohl größte Herausforderung stellen wird: den Hamburger Deckel. In einer Broschüre der Behörde versprechen die Planer den Kleingärtnern auf dem 893 Meter langen Deckel der A 7 zwischen der Kieler Straße und der Güterumgehungsbahn ein neues, grünes Zuhause. "Der Grünzug auf dem Stellinger Tunneldach wird als Erster fertig sein. Voraussichtlich schon ab 2016 können die Grün- und Erholungsflächen dort angelegt werden", heißt es. Oberbaudirektor Jörn Walter jubelt: "An der problembehafteten A 7 wird mit dem Deckel ein Projekt von generationenübergreifender Bedeutung realisiert. Die Vision von der Überwindung dieser faktischen 'Lärmmauer' durch Hamburg nimmt endlich Gestalt an." Mehr Lebensqualität, mehr Ruhe und mehr Erholung werden dort versprochen, wo bisher "eine Schneise Stadtteile zerrissen hat". 25 Hektar neue Flächen mit Parks und Promenaden sollen entstehen. Bei den direkt betroffenen Anliegern aber regt sich der Widerstand. "Zu Recht", findet Hans Hertel. Weil der Deckel in Richtung Norden immer mehr in die Höhe wachse, sprechen viele Stellinger inzwischen nur noch von dem "Deckelmonster".

+++ Der Stadtteil-Pate: Jan Haarmeyer +++

Furcht vor jahrelangem Baustress

Den Menschen graut vor den jahrelangen Bauarbeiten in ihrem ohnehin lauten Stadtteil. In Langenfelde kann die Verbreiterung der A 7 auf acht Spuren nur dadurch realisiert werden, dass die beiden Autobahnbrücken über den Gleisanlagen des Betriebsbahnhofs zurückgebaut und neu errichtet werden - und das bei laufendem Bahnbetrieb.

Der Deckel wird den Stadtteil verändern. Unverändert aber ist das große Engagement der Bürger. In der Freiwilligen Feuerwehr Stellingen, die vor zwei Jahren 125-jähriges Bestehen feiern konnte. Beim TSV Stellingen von 1888, im Bürgertreff oder beim Stellingen-Fest, das seit 22 Jahren im Sommer regelmäßiger Treffpunkt für die Bewohner des Stadtteils ist.

Ein Stadtteil, der aufregt. Und aufregend bleibt. Und vielleicht haben deshalb in einer Umfrage im Jahr 2001 immerhin 70 Prozent der Befragten gesagt: "Wir leben gern in Stellingen!"

In der nächsten Folge am 18.4.: Heimfeld

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