Hamburg

Der Club an der Alster – „nicht elitär, sondern familiär“

Vereinspräsident Carsten Lütten (r.),  Hockeytrainer Jo Mahn (l.) und Tennistalent Julian Herzog im Clubhaus an der Hallerstraße.

Vereinspräsident Carsten Lütten (r.), Hockeytrainer Jo Mahn (l.) und Tennistalent Julian Herzog im Clubhaus an der Hallerstraße.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Verein feiert 100-jähriges Bestehen. Präsident, Hockeytrainer-Legende und Tennistalent im Gespräch über Vorurteile und Konkurrenz.

Hamburg. Am Donnerstag lädt der Club an der Alster zu einem ganz besonderen Empfang in sein Clubhaus an der Hallerstraße. 100 Jahre wird der Traditionsverein alt – und will das mit vielen Wegbegleitern und Unterstützern feiern. Für das Abendblatt trafen sich Präsident Carsten Lütten (62), Hockey-Trainerlegende Jo Mahn (56) und Tennistalent Julian Herzog (16) zu einem Gespräch darüber, was ihren Verein auszeichnet, abhebt – und wie der Schritt in eine erfolgreiche Zukunft gelingen kann.

Herr Lütten, zum Jubiläum des 100-jährigen Bestehens Präsident eines in der Hamburger Gesellschaft sehr bedeutenden Vereins wie dem Club an der Alster zu sein, ist das eher eine Ehre oder eine Bürde?

Carsten Lütten: Deutlich mehr eine Ehre als eine Bürde. Es ist ein Ehrenamt, das ich gerne bekleide. Da ich seit 1961 im Club bin, hier Hockey und Tennis gespielt habe, und meine Töchter ebenfalls hier Leistungssport betrieben haben – eine Tennis, die andere Hockey –, haben die Mitglieder mich für fähig befunden, den Verein ins Jubiläumsjahr zu führen. Ich hätte es allerdings auch gemacht, wenn es kein Jubiläum gäbe. Und zwar deshalb, weil ich mir der Unterstützung aller sicher sein darf. Nur wenn alle mitmachen, kann man Großes bewegen. Und ich kann mit Überzeugung sagen: Der Club ist aufgewacht! Alle machen mit, es gibt ein totales Wir-Gefühl.

Das Image des Clubs an der Alster war lange ein anderes. Das eines Vereins, dessen Mitglieder sich als etwas Besseres begreifen, der elitär sein will. Herr Mahn, wie haben Sie Alster wahrgenommen, bevor Sie 1986 aus dem Rheinland nach Hamburg kamen?

Jo Mahn: Ich hatte ehrlich gesagt keine wirklichen Berührungspunkte mit Alster. Tatsächlich gab es damals einige Spieler, die ihre Nase sehr hoch trugen. Die kamen sich richtig toll vor, weil sie sich als wahre Hamburger fühlten. Das waren selbst ernannte Künstler, und so haben sie auch gespielt. Da hast du dir nur noch an den Kopf gepackt. Aber das hat sich schnell gegeben, als ein paar gute Jungs von außerhalb dazukamen. Ich halte dieses Image des elitären Vereins deshalb auch für längst überholt.

Lütten: Ich glaube, das wurde von außen deutlich stärker wahrgenommen, als wir es von innen gelebt haben. Das Image kommt daher, dass unser Clubgelände am Rothenbaum in einer Gegend liegt, in der vielleicht wohlhabendere Menschen wohnen. Aber ich glaube, dass die Mitglieder sehr hanseatisch-zurückhaltend sind. Man ist Mitglied bei uns, trägt das aber nicht nach außen. Meine Vision ist, dass wir ein Familienclub für alle Generationen sind. Das ist das, was Alster darstellen sollte.

Julian, wenn du in deiner Altersgruppe erzählst, dass du beim Club an der Alster bist, wie sind die Reaktionen?

Julian Herzog: Ganz normal. Den Namen des Vereins kennt jeder, aber wir werden nicht anders eingestuft als andere Tennis- und Hockeyclubs auch. Natürlich sind wir ein anderer Verein, als es sie in Bergedorf oder Altona gibt. Aber im Vergleich zu Konkurrenten wie dem Uhlenhorster HC oder dem Harvestehuder THC sind wir nichts Besonderes.

Mahn: Natürlich stehen hier auf dem Parkplatz viele teure Autos. Aber das ist beim UHC oder HTHC nicht anders. Ich bin mir sicher, dass wir mit keiner Mannschaft, in der ich gespielt oder die ich trainiert habe, als arrogant wahrgenommen wurden.

Alster will also gar nicht mehr die Nummer eins in Hamburg sein?

Herzog: Aus sportlicher Sicht natürlich schon. Die Nummer eins sein zu wollen ist ein gutes Ziel. Der Wettkampf ist doch das, was Spaß macht.

Lütten: Wir haben uns zum Breiten- und Leistungssport bekannt, wir wollen mit Damen und Herren im Hockey in Europas Spitze mitspielen und im Tennis stabil in der Zweiten Bundesliga. Aber uns ist ein partnerschaftliches Verhältnis zu all unseren Konkurrenten wichtig. Das pflegen wir mit regelmäßigen Treffen der Präsidenten, in denen wir auch Ehrenkodices erarbeiten, die weitgehend eingehalten werden. Fakt ist aber: Wir wollen keine auswärtigen Legionäre einkaufen, die keiner kennt, sondern unseren eigenen Nachwuchs mit Verbundenheit zum Club aufbauen.

Mahn: Die Konkurrenz in Hamburg ist einzigartig und belebt unser Geschäft seit vielen Jahren. Mal war der HTHC vorn, mal der UHC, mal wir, nun ist auch noch der Polo Club dazugekommen, der mächtig aufrüstet. Wir hatten vor ein paar Jahren bei den Herren ja mal die Phase, in der wir namhafte Spieler aus anderen großen Clubs geholt haben. Das ist aber voll nach hinten losgegangen, weil die keine Mannschaft waren. Unser Weg ist jetzt, die eigene Jugend extrem zu fördern. Die ersten Früchte ernten wir jetzt, und ich bin total davon überzeugt, dass wir damit richtig liegen.

Dass bei Alster mehr Geld gezahlt wird als bei anderen Clubs, um starke Spieler zu holen, ist also ein Gerücht?

Lütten: Ja, und eins, mit dem wir aufräumen sollten. Es gibt in Deutschland eine Reihe an Clubs, die im Gegensatz zu uns viel Geld für ihre Spieler ausgeben. Womit wir unsere Zugänge überzeugen können, ist das breite Netzwerk, das den Sportlerinnen und Sportlern bei ihrem Weg in die Karriere nach dem Leistungssport sehr viel Unterstützung anbietet. Wir haben dank unserer Mitglieder Kontakte in alle Bereiche der Wirtschaft und können darüber sehr viel bieten. Zum Beispiel haben wir ein Programm aufgelegt, in dem Abiturienten dreimal drei Monate hochkarätige Praktika machen können, die ihnen unsere Partner vermitteln. So etwas ist mehr wert als Geld.

Also sind Sie doch mehr Gesellschafts- als Sportclub?

Lütten: Nein! Unsere Mitglieder kommen vorrangig, um Sport zu treiben. Wir sind kein Gesellschaftsclub, wo man sich zum Essen und Netzwerken trifft. Es stimmt, dass das bei uns auch möglich ist, aber nach dem Sport. Und genau das sollte ein Sportverein bieten: eine Heimat für alle. Ein Sportverein wirkt wie eine große Familie, die jeden auffängt, der seine Lücke sucht. Das darf man gerade in der Schnelllebigkeit unserer Zeit nicht unterschätzen. Für mich war der Club in meiner Jugend eine große Spielwiese. Ferienhäuser hatten wir damals nicht, wir kamen nach der Schule um 13 Uhr in den Club und in den Ferien jeden Tag, weil man hier alles machen konnte, worauf man Lust hatte. Und das mit der gesamten Familie. Diese Art von Heimat wollen wir unseren Mitgliedern bieten.

Julian, kannst du dich mit solchen Idealen noch identifizieren? Oder wonach sucht ein Jugendlicher heute seinen Sportverein aus?

Herzog: Ich kann dieses Gefühl durchaus nachempfinden. Ich verabrede mich auch mit meinen Freunden im Club, ich treffe hier viele Teamkollegen, meine Eltern und mein Zwillingsbruder sind auch Alster-Mitglieder. Für mich war deshalb klar, dass Alster mein Verein sein würde.

Lütten: Dieses Alster-Gen, das die Alteingesessenen haben, muss sich bei neuen Mitgliedern erst einmal entwickeln, die müssen den Club kennenlernen. Aber wenn es einen packt, dann fühlt man sich hier schnell zu Hause.

Mahn: Mich hat zu meiner Anfangszeit hier besonders beeindruckt, was für eine Unterstützung es für den Leistungssport gab. Das war in meinen vorherigen Vereinen bei Weitem nicht so. Als wir 1986 um die deutsche Feldmeisterschaft spielten, stand ganz Hockey-Hamburg hinter uns, nicht nur unsere Mitglieder. Dieser Rückhalt war enorm. Es gibt Videos von der anschließenden Party, wo Spieler auf dem Tresen tanzen, und die Fans skandieren „Gesellschaftsclub!“ Aber damals haben wir den Turnaround zum Leistungssportclub geschafft.

Lütten: Jo war maßgeblich daran beteiligt, diesen Leistungsgedanken mit einer extrem hohen Motivationsleistung zu verkörpern. Das ist genau das, was unseren Verein heute ausmacht. 1976 hatten wir erstmals die Chance, in die Hockey-Bundesliga aufzusteigen. Damals sind die drei besten Spieler nicht angetreten, weil der Verein nicht aufsteigen wollte.

Leistungssport muss man sich auch leisten können. Sie haben mit dem Tennisturnier und neuerdings auch den Beachvolleyball-Events auf der Anlage am Rothenbaum Leuchttürme, dank derer Ihr Club weltweit bekannt ist. Im Gegenzug schränken diese Veranstaltungen und der umfangreiche Umbau des Stadions Ihre Mitglieder ein. Wie gelingt in dieser Hinsicht der Spagat zwischen Breiten- und Leistungssport?

Lütten: Um das Erbpachtrecht für die Anlage, das zunächst bis 2049 gilt, zu erhalten, haben wir die Auflage zu erfüllen, das Tennisturnier am Rothenbaum durchzuführen. Ohne das Turnier gäbe es die Anlage nicht mehr, dann stünden hier womöglich Wohnungen. Das wissen und verstehen alle Mitglieder. Dasselbe gilt für den Fakt, dass wir den Leistungssport teilweise aus den Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Unser Ziel ist, jedem jugendlichen Mitglied die Möglichkeit zu geben, später bei uns in einer Leistungsmannschaft zu spielen. Dafür braucht es finanzielle Mittel, die zum großen Teil aus Spenden der Mitglieder generiert werden. Aber wenn diese Vision fehlt, ist auch die Emotion tot. Das versuchen wir zu vermitteln. Wir wollen keinen Investor, der, wenn er sich zurückzieht, verbrannte Erde hinterlässt.

Was muss der Club an der Alster tun, um den Schritt in die Zukunft zu schaffen und auch in 20 oder 50 Jahren noch als moderner, zeitgemäßer Club wahrgenommen zu werden?

Lütten: Wir müssen unsere Strukturen dem Wandel der Zeit anpassen. Heute kommen die Kinder nicht mittags, sondern erst um 16 Uhr aus der Schule. Wir brauchen also deutlich mehr Trainingsmöglichkeiten in den Ballungszeiträumen. Die Infrastruktur wird gerade zukunftsfähig gemacht mit der Modernisierung unserer Anlage, mit dem Bau von Traglufthallen für das Wintertraining und dem neuen zweiten Kunstrasenplatz für unsere Anlage in Wellingsbüttel.

Mahn: Ich glaube, dass Wellingsbüttel einen riesigen Schub geben wird. Wenn wir da zwei Plätze haben, können die verschiedenen Altersklassenteams parallel trainieren und danach gemeinsam im Clubhaus sitzen. Das schafft ein neues Wir-Gefühl, und das ist wichtig auf unserem Weg, mit gut ausgebildeten Jugendlichen, die im Verein verankert sind, größtmöglichen Erfolg zu haben.

Müssen Sie sich nicht auch breiteren Schichten der Gesellschaft öffnen, zum Beispiel mehr Menschen mit Migrationshintergrund fördern, die bislang kaum Tennis oder Hockey spielen?

Lütten: Wir haben einige Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreich inte­griert und über die Schulen, die bei uns vormittags auf der Anlage Sportunterricht anbieten, enge Kontakte. Aber wir haben unsere Mitgliederzahl bei 3800 gedeckelt, weil wir mehr schlicht nicht verkraften können. Wir nehmen im Schnitt jährlich 100 neue Mitglieder auf, weil wir auch 100 durch Fortzug oder Tod verlieren. Aber wir müssen immer noch Menschen abweisen. Deshalb glaube ich, dass unsere Mischung aus einer hochmodernen Anlage, einem bestens ausgebildeten Trainerstab und unserem Zusammengehörigkeitsgefühl der Weg ist, der uns in eine gute und erfolgreiche Zukunft führen wird.

Mahn: Modern bist du, wenn du erfolgreich arbeitest. Uli Hoeneß hat mal gesagt: ,Jupp Heynckes brauchte für seine Arbeit ein Flipchart und fünf Eddings. Jürgen Klinsmann brauchte Millionen für seinen großen Stab und neue Spieler.‘ Heynckes war deutlich erfolgreicher. Letztlich geht es um den Transport von Inhalten, und da liegt das Geheimnis oft in der Reduzierung. Von daher glaube ich an das, was wir tun.

Julian, warum wirst du beim nächsten großen Alster-Jubiläum, sagen wir in 25 Jahren, noch Mitglied sein?

Herzog: Weil ich die Gemeinschaft, die ich hier erlebe, pflegen will. Und weil meine Leidenschaft für den Sport so groß ist, dass ich mein Leben lang bei Alster aktiv sein möchte.