Hamburg

Mangelware Blut: Wie das UKE um junge Spender wirbt

Blutspenden im UKE: Initiator Dr. Sven Peine mit den Innenarchitektinnen Sabine Krumrey und Julia Dörffel im „Blutraum“.

Blutspenden im UKE: Initiator Dr. Sven Peine mit den Innenarchitektinnen Sabine Krumrey und Julia Dörffel im „Blutraum“.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Krankenhäuser kaufen Konserven teuer dazu, weil die Spenderzahl sinkt. Das UKE hat sich für den Uni-Campus etwas einfallen lassen.

Rotherbaum.  Unter der Decke verlaufen blutrote Leitungen, an den Wänden prangen in derselben Farbe symbolische Blutstropfen sowie die Buchstaben A, B und O. Plus- und Minuszeichen, Hängeleuchten, die aussehen aus wie Infusionsflaschen – worum es im „Blutraum“ auf dem Uni-Campus geht, wird auf den ersten Blick klar: um Blut.

An den Donnerstagen, den „Bloody Thursdays“, tummeln sich hier – in Raum 0076 des WiWi-Bunkers – Studenten, um Blut für das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) zu spenden. Sie nehmen langwierige Befragungen durch das medizinischen Personal in Kauf, die ihre Eignung als Blutspender sicherstellen sollen.

Dann lassen sie sich auf den bequemen Liegen vor den großen Fenstern einen halben Liter Blut abnehmen. Mit der anschließenden Ruhezeit sind sie zwei bis drei Stunden vor Ort, dafür bekommen sie Gutscheine im Wert von insgesamt 20 Euro – das ist zwar mehr, als Blutspender andernorts erhalten, aber kein attraktiver Stundenlohn.

1200 Blutspenden seit Mai 2018 auf dem Uni-Campus

Dennoch haben hier seit Mai 2018 schon 600 Studenten insgesamt 1200 Blutspenden abgegeben. Das dürfte auch an dem stylishen Ambiente des 2018 eröffneten „Blutraums“ liegen, der von dem Hamburger Büro brandherm + krumrey gestaltet und gerade beim Deutschen Innenarchitekturpreis 2019 den dritten Platz erzielt hat.

Die Idee, Studenten auf dem Uni-Campus mit einem architektonisch ansprechenden Raum zum Blutspenden zu motivieren, hatte Dr. Sven Peine, Leiter der Transfusionsmedizin am UKE. Am Klinikum selbst gibt es einen Blutspenderaum sowie eine Außenstelle am Albertinen-Haus in Schnelsen. Seit 2014 wirbt die Kampagne „Blutsgeschwister“ bei Mitarbeiter und allen Hamburger mit lockeren Sprüchen für die Blutspende. Ein Spendenpegel zeigt die Menge der insgesamt gespendeten Blutkonserven an: 27.126 waren es im Jahr 2014, nur noch 22.238 im vergangenen Jahr. Jedes Jahr gehen die Spenden am UKE um durchschnittlich drei Prozent zurück.

UKE benötigt 38.000 Blutkonserven im Jahr

Der Bedarf des UKE mit seinem Herzzentrum, der Onkologie, der Hämatologie und den vielen Unfallpatienten ist aber weitaus höher. „Wir benötigen jedes Jahr 38.000 Blutkonserven“, so Peine. „Jede 80. Blutübertragung in Deutschland findet am UKE statt, zudem haben wir hier eines von Europas größten Stammzellentransplantationszen­tren.“

Gleichzeitig sei die Zahl der Spender durch den demografischen Wandel rückläufig. „Die typischen Blutspender kommen jetzt in ein Alter, in dem sie selber als Patienten auf Blutkonserven angewiesen sein können. Wir suchen also ständig nach neuen, vor allem jungen Blutspendern.“ In 20 Jahren dürfte die Deckungslücke beträchtlich sein – daher hoffe er, mit dem „Blutraum“ Studenten dauerhaft als Blutspender zu gewinnen.

Der Kontakt zu Innenarchitektin Sabine Krumrey kam durch Peines privates Umfeld zustande. Sie und ihre Mitarbeiterin Julia Dörffel, die das Projekt geleitet hat, waren sofort begeistert von dem Gedanken, einen uncharmanten Vorlesungsraum aus den 70er-Jahren komplett umzugestalten – obwohl die Herausforderungen angesichts des schmalen Budgets von 60.000 Euro den Vorgaben der Universität und dem Unverständnis mancher Handwerker gegenüber den eigenwilligen Vorstellungen der Innenarchitektinnen gewaltig waren.

Datenanbindung machte Probleme beim „Blutraum“

„Erklären Sie mal einem Klempner, warum er unter einer Decke Rohre ziehen soll, durch die weder Leitungen noch Wasser laufen und die auch noch rot gestrichen werden sollen, dass eine Ecke auch rund gemauert und eine Wand in einem Blutspenderaum auch mal schwarz gestrichen werden kann“, so Projektleiterin Dörffel. Letzlich habe man aber alles durch Überzeugungskraft klären können. Zum Schluss war es die Datenanbindung des „Blutraums“ an das Netzwerk des UKE, die das Projekt fast zum Scheitern gebracht hätte – doch auch da sei nach zwei Monaten eine Lösung gefunden worden: ein kleiner Serverschrank in einem Behandlungsraum.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Aus dem Seminarraum mit abgehängter Decke, abgewetztem Linoleum und grünen Vorhängen ist ein Hingucker geworden. „Der Raum hinterlässt bei den Studenten einen großen Eindruck“, so Peine. Die Jury vom Bund Deutscher Innenarchitekten sah das ähnlich: „Das für ein solches Umfeld ungewöhnliche Design wirkt anregend.“ Sabine Krumrey freut sich. „Es ist immer sehr schön, etwas Bleibendes zu schaffen“, sagt die Innenarchitektin, die den „Blutraum“ als „Herzensprojekt“ bezeichnet und wegen des schmalen Budgets nur ein kleines Honorar in Rechnung gestellt hat.

Auch für den Blutspendedienst des DRK ist der Rückgang bei den Blutspendern ein Problem. „Jährlich scheiden bundesweit 100.000 Blutspender aus Altersgründen aus, weil sie die fürs Blutspenden gültige Grenze von 73 Jahren erreichen“, sagt Susanne von Rabenau, Sprecherin des DRK-Blutspendedienst Nord-Ost. Die gemeinnützige Organisation beliefert 43 Kliniken und 70 medizinische Versorgungszentren in Hamburg und Schleswig-Holstein mit Blutkonserven. Dort sind die Spendenzahlen von 142.000 im Jahr 2015 auf 122.000 im vergangenen Jahr zurückgegangen.

Eine rote Blutkonserve kostet beim DRK etwa 80 Euro

Die Zahl der Spender gibt Rabenau insgesamt mit 64.000 an. Wie die Studenten gibt es auch hier sogenannte Mehrfachspender – wobei die Obergrenze für Männer bei sechsmal, für Frauen bei viermal Blutspenden pro Jahr liegt. Anders als das UKE mit seinen drei Blutspenderäumen hat das DRK keine festen Standorte, an denen Blut gespendet werden kann, sondern veranstaltet öffentliche Blutspendetermine und Blutspendeaktionen in Hamburger Unternehmen.

Wieder anders sieht es bei Asklepios aus – das seine Blutspendestandorte dort betreibt, wo viele Menschen sind: in Hamburg sind das die Einkaufszentren Mercado und Wandsbeker Quarree, die Harburger Fußgängerzone und der Langenhorner Markt. „Dort werden pro Jahr 50.000 Blutspenden geleistet – die für Asklepios, aber auch für weitere Krankenhäuser und Arztpraxen bei Weitem nicht ausreichen“, so Sprecher Matthias Eberenz.

Auch Asklepios beklagt einen Rückgang der Blutspenden, obwohl dort die Altersgrenze kürzlich von 63 auf 68 Jahre angehoben wurde. Um ihren Bedarf zu decken, müssen das UKE und Asklepios Blutkonserven zukaufen, zum Beispiel vom DRK. Eine klassische rote Blutkonserve (0,5 Liter) kostet 80 Euro.