Immobilien

Wohnungsunternehmen Saga wird 90 Jahre alt

Seit 61 Jahren Mieterin von Saga GWG: Gundula Schmidt-Brunn, 86, lebt seit 1951 in den Grindelhochhäusern und sagt: "Ein Glücksfall".

Hamburg. Der Frühsommer ist von hier oben aus dem sechsten Stock gesehen vor allem grün. Die mächtigen Bäume, die zwischen den zwölf Grindelhochhäusern stehen, bilden ein Dach. Wer unten auf den Wegen wandelt, ist nicht zu erkennen. Gundula Schmidt-Brunn hat es sich in ihrem roten Ledersessel bequem gemacht.

Die 86-Jährige genießt den Ausblick. "Ich habe in meinem Wohnzimmer den ganzen Tag Sonne", erzählt sie. Vor zehn Jahren, bei der großen Sanierung, habe sie aus den zwei kleinen ein großes Zimmer machen lassen. Nun kann sie von ihrem Sessel aus auch die Villen der Parkallee überblicken.

1951 sei sie in eines der ersten Grindelhochhäuser eingezogen, erzählt Gundula Schmidt-Brunn. Ihr Mann war ausgebombt, und sie hatte als Flüchtling in einem vier Quadratmeter großen Raum gelebt. Das "Doppelschicksal" verhalf zu dem "absoluten Glücksfall", wie sie es heute beschreibt. Seit 61 Jahren lebt die rüstige Rentnerin in einem der Grindelhochhäuser, ist Mieterin von Saga GWG und hat gute Zeiten kommen, schlechte Zeiten gehen sehen. Die Geschichte der Grindelhochhäuser ist auch so etwas wie das Spiegelbild der Wohnungsgesellschaft. Zehn der zwölf Gelbklinkergebäude gehören dem städtischen Unternehmen, das heute mit einem Senatsempfang seine Gründung vor 90 Jahren feiert.

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Wie die Saga GWG Höhen und Tiefen erlebte, so erging es auch dem Wohnumfeld von Gundula Schmidt-Brunn. In den ersten Jahren waren die Wohnungen sehr begehrt. Eine derart komfortable Ausstattung suchte damals ihresgleichen: "Fließend warmes Wasser, eine eigene Toilette und ein eigenes Bad - ich konnte es damals kaum fassen", erzählt die 86-Jährige.

"Zeitweise lebten bis zu 400 Kinder hier", berichtet sie weiter. Ihre beiden heute 61 Jahre alten Zwillingsjungen gehörten dazu. "Hinzu kamen viele Geschäfte: zwei Schlachter, zwei Bäcker, Läden für Damen- und Herrenmode, ein Café, ein Restaurant." Dazu der Service jener Zeit. "Milch und frische Brötchen wurden vor die Tür gebracht."

Vom Selbstverständnis her kümmert sich die Saga GWG um das "qualitative Wachstum" von Stadtteilen, "die von städtebaulichen und sozialen Defiziten gekennzeichnet sind", wie Vorstandschef Lutz Basse sagt. Preisgünstiger Wohnraum und Förderung des sozialen Ausgleichs - das seien die Ziele.

Was in der offiziellen Darstellung eher hölzern klingt, wird durch Zahlen lebendig. 20 Prozent der Saga-GWG-Mieter haben Kinder unter 18 Jahren. Die Hälfte sind Zuwanderer. Die Durchschnittsmiete liegt bei 5,71 Euro - also weit unter Mieten, die sonst auf Hamburgs Wohnungsmarkt bezahlt werden.

Die Kehrseite ist die Abhängigkeit von der Politik. Viele Jahrzehnte war die städtische Wohnungsgesellschaft auch Lückenbüßer. Mieter, die anderswo nicht unterkamen, fanden hier eine Wohnung. Zugleich wurde nur das Notwendigste investiert. Auch die Grindelhochhäuser und ihre Mieter litten viele Jahre darunter, wie alteingesessene Bewohner erzählen. Nach und nach seien Familien weggezogen, berichtet Gundula Schmidt-Brunn. Sie selbst habe oft darüber nachgedacht. "Bis vor zehn Jahren", erzählt sie.

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Rund 75 Millionen Euro investierte die Saga GWG seinerzeit in die Grindelhochhäuser. "Es war ein Chaos, und wenn ich damals so alt gewesen wäre wie heute, ich wäre wohl nicht geblieben." Dabei zeigt die Seniorin Fotos von freigelegten Rohrleitungen an ihrer Wohnungsdecke, ihrem verstaubten Hausflur und der notdürftig mit Folie verklebten Wohnungstür.

Bei der Saga GWG hat man aus der Vergangenheit gelernt. 200 Millionen Euro wurden 2010 für Bauinvestitionen ausgegeben. In einem Tochterunternehmen sind mehr als 80 Hausbetreuerlogen organisiert. Im Flur von Gundula Schmidt-Brunn hängt ein Zettel. Auf zwei Fotos stellen sich "ihre" Hausmeister vor. "Es braucht nur der Wasserhahn zu tropfen, dann sind die Hausmeister da", sagt die 86-Jährige.

Es ist aber noch etwas anderes, was Gundula Schmidt-Brunn mit "ihren Grindelhochhäusern" verbindet. "Hier lebt es sich wie auf dem Dorf", erzählt sie und fügt, nachdem sie unsere erstaunten Blicke gesehen hat, hinzu: "Wie in einer Familie." Wenn sie mit dem schmalen Fahrstuhl die sechs Stockwerke herauf- oder hinunterfährt, dann treffe sie fast immer jemanden, "mit dem ich plaudern kann".