Bergedorf

Trost am Telefon: Trauern in Zeiten von Corona

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Lena Diekmann
Das Team vom Trauercafé Kirchwerder (in Fünfhausen): Claudia Peitzner (von links), Dorthe Peitzner, Anngret Timmann und Astrid Hahn.

Das Team vom Trauercafé Kirchwerder (in Fünfhausen): Claudia Peitzner (von links), Dorthe Peitzner, Anngret Timmann und Astrid Hahn.

Foto: Claudia Peitzner

Das Trauercafé Kirchwerder kann derzeit keine Treffen anbieten. Doch für hilfreiche Gespräche gibt es Angebote

Hamburg.  Auch in Zeiten des Lockdowns haben viele Menschen Redebedarf - aber niemanden, mit dem sie reden könnten. Da ist es für das Team vom Trauercafé Kirchwerder besonders hart, dass es keine Treffen anbieten kann. Denn eigentlich laden Claudia Peitzner (44) und ihre drei Mitstreiterinnen alle vier Wochen ins Gemeindehaus am Lauweg. Dort finden Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben und über dessen Verlust nicht hinwegkommen, stets ein offenes Ohr, können sie sich mit Gleichgesinnten austauschen.

Weil die Kirche sich besonders eng an die Sicherheitsregelungen halte und das Trauercafé vor allem Menschen ab 60 Jahren anspreche, also solche, denen das Virus besonders gefährlich werden kann, sind die Treffen seit Oktober ausgesetzt. Auch im Frühjahr 2020, während des ersten Lockdowns, gab es keine Treffen. Der nächste reguläre Termin ist am 15. Februar.

Trauern in Zeiten von Corona: Gruppentreffen nicht möglich

Claudia Peitzner geht aber davon aus, dass das Trauercafé erst am 19. April wieder seine Türen öffnen darf, im Gemeindezentrum am Lauweg – und dann wieder im Acht-Wochen-Takt an jedem dritten Montag eines geraden Monats (etwa Juni, August, Oktober), 19 Uhr. Zu den Treffen kommen bis zu 20 Besucher, darunter viele, die schon einmal dort waren.

Das Trauercafé gibt es seit April 2018. Die vier Organisatorinnen sind allesamt geschult, arbeiten etwa als Hospizbetreuerinnen oder in der Trauerbegleitung. Claudia Peitzner freut sich auf zwei neue Helferinnen, die das Team 2021 verstärken wollen.

Wer über die künftigen Termine kurzfristig informiert werden möchte oder jemanden aus dem Trauercafé-Team zum Zuhören braucht, wählt Telefon 040/53 02 03 74 oder 01520/9 91 66 10. Bisher sei telefonische Hilfe allerdings nicht gefragt, berichtet Claudia Peitzner. Die Hilfesuchenden würden die persönliche Begegnung vorziehen. „Bei den Treffen haben sie Kontakt zu Leidensgenossen. Dort ergeben sich neue Kontakte und auch Freundschaften.“

Spaziergänge zu zwei - "und dabei die Probleme bewegen"

Claudia Peitzner und die anderen Frauen hören zu, sprechen mit den Gästen über Verlust, Leben und Tod. Oft referieren Pastoren, Bestatter und andere Gäste. Wer möchte, der bekommt Tipps, wo er welche fachliche Hilfe findet. „Leider ist es schwierig, einen Termin bei einem von der Krankenkasse zugelassenen Psychotherapeuten zu bekommen“, sagt Claudia Peitzner. „Das dauert in der Regel drei bis sechs Monate.“ Dies sei schon vor der Corona-Krise so gewesen und nun eher noch schwieriger geworden.

„Wir geben den Besuchern Dinge mit an die Hand, versuchen sie zu motivieren, sich Hilfe zu holen bei Familie, Freunden und Nachbarn.“ Es gehe darum, von sich aus aktiv zu werden und sich das zu holen, was man braucht, betont die 44-Jährige. „Hemmschwellen müssen überwunden werden.“ Oft löse die Erkenntnis, dass andere Menschen die gleichen Sorgen und Probleme haben und man damit nicht allein auf der Welt ist, eine Blockade. Der erste Schritt sei der schwierigste.

Studenten sind telefonisch unter Hotline-Nummer zu erreichen

„Und dann sind plötzlich viele Schritte möglich, die der Betroffene zuvor nicht machen konnte.“ Allein schon das Wissen, dass man in der Lage ist, sich selbst Hilfe zu holen, nehme schon viel Druck, betont Claudia Peitzner, die als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Kirchwerder praktiziert. Sie empfiehlt generell Spaziergänge zu zweit – „und dabei die Probleme bewegen“, also mit dem Begleiter über die eigenen Sorgen zu reden. „Wer das nicht kann oder - in Zeiten von Corona – möchte, der sollte telefonieren.“

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Wie wichtig Gespräche sind und auch nur Zuhören ist, weiß auch Syvia Heine. Die 49-Jährige arbeitet bei den Ambulanten Psychiatrischen Diensten des DRK in Bergedorf und studiert an der International Psychoanalytic University und der Medical School Berlin. Gemeinsam mit Kommilitonen kümmert sie sich ehrenamtlich um Menschen, die unter dem Lockdown leiden. Die Studenten sind telefonisch unter einer Hotline-Nummer erreichbar. „Als niedrigschwellige, emotionale Anlaufstelle können wir vielen Menschen helfen“, sagt Sylvia Heine. Zumal die bekannten Seelsorge-Telefonnummern sehr gut ausgelastet seien.

Studenten-Projekt wird von den Professoren unterstützt

„Die Idee ist, erst einmal für die Zeit der Pandemie und der damit verbundenen sozialen Isolation, Menschen ein Zuhör-Telefon anzubieten, um erste emotionale Notlagen aufzufangen und gemeinsam mit den Anrufern, bei Bedarf, weiterführende Hilfsangebote zu finden“, sagt die 49-Jährige. „Wir haben keine Seelsorger-Ausbildung, sind alle Studenten der Psychologie mit entsprechenden Grundkenntnissen und wurden im aktiven Zuhören geschult.“ Die Studenten verfügten über viele weiterführende Telefonnummern und Internetadressen, die sie den Anrufern mit an die Hand geben könnten. Zahlreiche Professoren der Unis würden das Projekt unterstützen.

Die Lockdown-Hotline mit der Berliner Vorwahl-Nummer richtet sich an Menschen in ganz Deutschland. Angesprochen ist jeder, der in diesen herausfordernden Zeiten Redebedarf hat und unter den Auswirkungen Corona leidet. Jeder Anruf kostet die normalen Telefongebühren. Die Nummer ist 030/629 31 481. Hilfe in englischer Sprache gibt’s unter 030/629 31 484.

( ld )