Ranglisten-Turnier

Die „Raubkatze“ verzaubert das Glinder Tanzpublikum

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Gast
Razvan Dumitrescu und Jacqueline Joos gewannen das DTV-Ranglistenturnier Hauptgruppe S Latein beim TSV Glinde.

Razvan Dumitrescu und Jacqueline Joos gewannen das DTV-Ranglistenturnier Hauptgruppe S Latein beim TSV Glinde.

Foto: JUERGEN NUPPENAU / HA

Hochklassige Leistungen und ein volles Haus gab es bei den Sonderklasse-Turnieren des TSV Glinde. Warum das für den Verein wichtig ist.

Glinde.  Wie eine Raubkatze schleicht Jacqueline Joos um ihren Tanzpartner herum. Sie fixiert ihn mit ihrem Blick wie eine Katze, die darauf wartet, ob ihre Beute noch ein letztes Mal zuckt. Langsam dreht sie Runde um Runde, setzt jeden einzelnen Schritt langsam und bewusst lasziv aufs Parkett. Jede Bewegung ist purer Sex. Damit schon vor dem Einsetzen der Musik jeder der über 300 Zuschauer, die sich um die Tanzfläche drängen, merkt: Es steht Großes bevor!

Paso Doble. Der Tanz gewordene Stierkampf muss beim Deutschen Ranglisten-Turnier der Sonderklasse in der Latein-Hauptgruppe die Entscheidung bringen. Jeweils nur zwei Minuten pro Tanz haben die Paare Zeit, all das zu zeigen, was sie sich über Wochen im täglichen Training erarbeitet haben. Die Stimmung im prall gefüllten TanzCentrum des TSV Glinde ist auf dem Höhepunkt. Sechs Paare haben das Finale erreicht. Jacqueline Joos und ihr Partner Razvan Dumitrescu vom Schwarz-Weiß-Club Pforzheim, die Nummer fünf der Weltrangliste, sind die Favoriten. Doch sie haben starke Konkurrenz: Robin Goldmann und Stefani Ruseva von Gelb-Schwarz-Casino München, die Nummer fünf in Deutschland, wollen ihnen Paroli bieten. Ein süddeutscher Showdown im hohen Norden!

Die Konkurrenten aus dem Konzept gebracht

Der Paso Doble ist ein Tanz, bei dem der Mann dominiert. Er verkörpert den Torero, die Frau das Tuch, mit dem er herumwirbelt, die „Muleta“. Doch Razvan Dumitrescu hat an diesem Abend alle Mühe, mit seiner Partnerin mitzuhalten. Je länger der Paso Doble andauert, desto mehr spielt Jacqueline Joos – in Tanzkreisen nur „Jacky“ genannt – ihre Stärken aus, die genau in diesen langsamen, sinnlichen Bewegungen liegen.

Doch was ist das? Als sie an ihren ärgsten Konkurrenten vorbeitanzen, dreht sich Jacqueline Joos plötzlich zu Robin Goldmann um und lässt ihre Fingerspitzen spielerisch über dessen Nacken wandern, ganz so, als wolle sie Stefani Ruseva ihren Partner abspenstig machen. Wie eine Femme fatale, die den einen Mann wegschickt und schon den nächsten umgarnt. Sekundenbruchteile dauert diese Geste nur, doch sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Beim abschließenden Jive sind Goldmann/Ruseva komplett von der Rolle. Zunächst vertanzt sie sich, dann er.

„Wir wollen die Menschen inspirieren“, sagt Razvan Dumitrescu

Eine Siegerehrung und 200 Euro an Prämie später schaut Jacqueline Joos auf die Frage, was denn das für eine Geste gewesen sei, so unschuldig, wie eine Femme fatale überhaupt nur gucken kann. „Das war doch nur Spaß!“, beteuert die 25-Jährige. „Darum geht es doch bei diesen Turnieren, Spaß zu haben.“

Seit 2016 tanzen die beiden schon zusammen. Der Rumäne Razvan Dumitrescu, zwei Jahre älter als seine Partnerin, wurde Joos damals vom Schwarz-Weiß-Club Pforzheim als neuer Tanzpartner vermittelt, nachdem ihr alter Partner, mit dem sie in der Jugend sehr erfolgreich war, mit dem Sport aufgehört hatte. So geht das oft im Turniertanz. Seit damals nehmen Dumitrescu/Joos mit großem Erfolg die Parkette dieser Welt unter die Füße, gewannen 2022 Bronze beim World Cup in Kiskunmajsa (Ungarn). „Wir wollen die Menschen inspirieren“, sagt Dumitrescu. „Plätze sind nicht wichtig, die vergisst man. Es geht uns um das Gefühl.“

Weltmeister und Vize-Weltmeister auf dem Siegertreppchen

Der Wettbewerb der Hauptgruppe Latein war der Höhepunkt der zwei Glinder Turniertage mit insgesamt vier Ranglisten-Wettbewerben. Der Schwerpunkt lag dabei, wie es beim TSV Tradition ist, auf den Standard-Wettbewerben. Hier ging das Gros der 220 gemeldeten Paare an den Start. Gleich in drei Altersklassen – Masters I bis Masters III – gab es sehr stark besetzte Sonderklasse-Konkurrenzen. So siegten bei den Masters III, bei denen ein Partner mindestens 55, der andere 50 Jahre alt sein muss, die amtierenden Weltmeister Gert Faustmann/Alexandra Kley von Blau-Silber Berlin.

Bei den Masters I (30/35 Jahre) waren die amtierenden Vize-Weltmeister Fabian Wendt/Anne Steinmann (TSG Residenz Berlin) vorn, bei den Masters II (40/45 Jahre) setzte sich mit Roland Tines/Heidrun Puskas (TC Der Frankfurter Kreis) ebenfalls ein deutsches Top-Paar durch. Die namhaften Teilnehmerfelder sind kein Wunder: Vier solcher Ranglisten-Turniere muss jedes Paar pro Jahr absolvieren, um bei den deutschen Meisterschaften starten zu dürfen.

Jedes sechste Mitglied gab in der Pandemie den Gesellschaftstanz auf

Für den Ausrichter TSV Glinde sind die deutschen Ranglisten-Meisterschaften ein Leuchtturm-Projekt, das für den Verein noch sehr wichtig werden könnte. Denn die Tanzsport-Abteilung ist durch die Corona-Pandemie schwer gebeutelt worden: Jedes sechste Mitglied gab in dieser Zeit den Gesellschaftstanz auf. „Das Turniertanzen war aber auch vorher schon mindestens 25 Jahre lang rückläufig“, schätzt Walter Otto, der die Abteilung 42 Jahre lang geführt hat, bevor er 2022 den Vorsitz abgab.

Dafür hat der 84-Jährige nun eine neue Berufung gefunden: Er ist Jugendwart! Denn mittlerweile sind unter den rund 350 Mitgliedern der Glinder Tanzsportabteilung schon 150 Kinder und Jugendliche. „Let’s dance“ lässt grüßen. „Die kommen in wahren Horden“, staunt Otto immer wieder, welche Popularität das Tanzen beim Nachwuchs besitzt.

Doch auch als Erwachsener kann man sich noch zu neuen Höhen aufschwingen, wie das Beispiel von Andre und Kristina Kruschinski vom TC Royal Oberhausen zeigt, die es bei den Masters II immerhin bis ins Halbfinale schafften. „Wir haben vor 20 Jahren in einem ganz normalen Gesellschaftstanzkreis angefangen wie viele andere Ehepaare auch“, erläutern sie.

Mittlerweile sind die Kinder erwachsen, und so können sich der Bankangestellte und die Lehrerin ganz auf ihr Hobby konzentrieren. Sechsmal pro Woche „plus Extra-Schichten“ trainieren die beiden. „Die Bedingungen hier in Glinde sind fantastisch“, loben sie. „Das Turnier ist außergewöhnlich gut organisiert, und das Parkett federt so schön.“

Der Muskelkater nach einem derartigen Turnier ist fürchterlich

Die sportliche Leistung der Tanzpaare bei einem solchen Turnier ist ohnehin gewaltig. Insgesamt 15 Zwei-Minuten-Tänze in fünf Stunden standen für das Ehepaar Kruschinski auf dem Programm: „Und jede Runde musst du Vollgas geben!“ Der erste Weg nach ihrem Ausscheiden führte sie daher in die Apotheke, um Muskelsalbe zu besorgen. „In unserer Altersklasse“, schmunzelt Andre Kruschinski, „finden Sie in den Taschen der Sportler ein komplettes Drogensortiment.“ Der Muskelkater hinterher sei fürchterlich. Die weite Anreise aus Oberhausen aber hat sich für die Kruschinskis trotzdem gelohnt.

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