Monatelanges Sportverbot

Der Deutsche Fußball-Bund geht auf die Barrikaden

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Volker Gast
Die Partie Düneberg - SVNA wurde zum Infektionsherd. Hier versuchen die DSV-Spieler Anil Karabey (Mitte) und Joe Warmbier (rechts), ein Zuspiel von  Philip Stefaniuk zu unterbinden.

Die Partie Düneberg - SVNA wurde zum Infektionsherd. Hier versuchen die DSV-Spieler Anil Karabey (Mitte) und Joe Warmbier (rechts), ein Zuspiel von Philip Stefaniuk zu unterbinden.

Foto: Volker Koch

Verband mahnt Lockdown-Ende an und präsentiert Studie über geringe Ansteckungsgefahr auf dem Fußballplatz.

Nettelnburg. Rund 7,3 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, so hat die „Sportschau“ ermittelt, dürfen infolge des Lockdowns momentan kein Vereinstraining machen, obwohl sie Mitglied in einem Sportverein sind. Das hat Folgen für ihre gesundheitliche Entwicklung und Motivation, selbst im Leistungsbereich. „Irgendwann hat auch der motivierteste Nachwuchsspieler keinen Bock mehr, körperstabilisierende Übungen auf dem Wohnzimmerteppich zu machen“, drückte es der Sportdirektor des Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm, Thorsten Leibenath, in einem Interview mit dem SWR drastisch aus. Doch vor allem für die Mannschaftssportarten ist eine Rückkehr zur Normalität angesichts der Corona-Entwicklung derzeit kaum in Sicht.

Mit Video-Analysen dem Virus auf der Spur

Auch Erwachsene leiden unter dem Sportverbot. Im Vorfeld des nächsten Bund-Länder-Gipfels am 3. März mahnt der Deutsche Fußball-Bund daher nun Lockerungen für den Sport an. „Der Lockdown darf nicht zum Dauerzustand werden“, verlangen Ronny Zimmermann und Hannelore Ratzeburg, die im DFB-Präsidium für den Jugendbereich zuständig sind. Um seine Forderungen zu untermauern, präsentierte der DFB erste Ergebnisse einer Studie von Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes und der Universität Basel. Sie haben mehr als 750 Spiele, an denen mindestens ein Spieler mit Covid-19-Verdacht teilgenommen hatte, hinsichtlich infektiöser Folgen für die anderen Sportler analysiert. Dies geschah mit Hilfe von Fragebögen, Spielerlisten und, wo es möglich war, mit dem Einsatz von Video-Analysen. Ergebnis: Nur bei einem einzigen Spiel erhärtete sich der Verdacht, dass das Virus tatsächlich während der Begegnung weitergegeben wurde. Relevante Kontakte auf dem Spielfeld seien selten und in der Regel nur von kurzer Dauer. „Zusammengefasst bedeutet dies, dass nach aktuellem Kenntnisstand beim Fußballspielen unter freiem Himmel nur eine äußerst geringe Ansteckungsgefahr besteht“, urteilt Studien-Leiter Prof. Dr. Tim Meyer, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des DFB. „Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der internationalen Literatur, beispielsweise aus dem englischen Rugby.“

Drei Tage nach dem Spiel kamen die Krankmeldungen

Zwei Beispiele dazu aus dem Heimatgebiet: Am 25. September 2020 spielten in der Landesliga der Oststeinbeker SV und der SV Bergstedt gegeneinander. Hinterher gab es auf beiden Seiten Corona-Fälle. Am 17. Oktober 2020 trafen ebenfalls in der Landesliga der Düneberger SV und der SV Nettelnburg/Allermöhe aufeinander. Auch hier gab es hinterher auf beiden Seiten Corona-Fälle. Liegt der DFB also falsch? Das ist nicht so eindeutig, aber der Schreck sitzt bei Jan Arp, Ligamanager des SVNA, immer noch tief. „Ich bin heilfroh, dass ich bei diesem Spiel nicht anwesend war“, gibt er zu. Drei Tage, so erinnert sicbh Arp, habe es gedauert, bis nach dem Spiel die ersten Krankmeldungen kamen. Ebenso verhielt es sich auch bei den drei anderen Teams. Doch von den ersten beiden Oststeinbeker Fußballern, die sich in der Woche nach ihrer Partie mit einer Corona-Infektion krankmeldeten, war einer gar nicht beim Spiel gewesen. Bei den Dünebergern steckten sich eine ganze Reihe von Fußballern an. „Die Gründe dürften aber eher privater Natur gewesen sein. Die Gefahr auf dem Platz halte ich für gering“, schätzt DSV-Ligaobmann Andreas Kreutzer. Nach dem Vorfall hielt er seiner Mannschaft eine Standpauke: „Ich habe den Jungs damals deutlich zu verstehen gegeben, dass sie auch eine Verantwortung gegenüber Dritten haben.“

Fußball ohne Geselligkeit? - „Eine grausame Vorstellung“

Eine Schwäche der DFB-Studie liegt darin, dass sie nur mögliche Kontakte der Spieler auf dem Spielfeld erfasst, nicht aber außerhalb des Platzes. Wären die der entscheidende Faktor, müssten Fußballspiele auf absehbare Zeit vielleicht mit geschlossenen Umkleidekabinen und Duschen ausgetragen werden. „Eine grausame Vorstellung“, nennt das Andreas Kreutzer. „Für einen richtigen Fußballer ist so etwas eigentlich nicht vorstellbar.“ Eine Online-Umfrage, die der DFB gerade durchführt, gibt ihm recht. 98 Prozent der etwa 50.000 Befragten gaben an, ihren Verein und den Fußball zu vermissen und dabei insbesondere das Gemeinschaftsgefühl. Interessant dabei: Eine Rückkehr zum geregelten Training im Mannschaftskreis ist den meisten Befragten wichtiger als eine Fortführung des Spielbetriebs. In Hamburg entscheidet am 4. März der Verbandstag des Hamburger Fußball-Verbands über die laufende Spielzeit. Die Zeichen stehen auf Saisonabbruch. „Vor Ostern“, schätzt Kreutzer, „werden wir wohl auch nicht wieder trainieren dürfen.“

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