Wohnungssuche

Vermieter mit Herz in Hamburg dringend gesucht

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Jan Schubert
Viel Liebe und viel Kraft benötigt der vom Schicksal schwer gebeutelte Mohammad (11). Seine Mutter Aisan Kantaev kümmert sich nicht nur ganztägig um ihn, sondern auch um Mohammads drei kleine Schwestern.   

Viel Liebe und viel Kraft benötigt der vom Schicksal schwer gebeutelte Mohammad (11). Seine Mutter Aisan Kantaev kümmert sich nicht nur ganztägig um ihn, sondern auch um Mohammads drei kleine Schwestern.   

Foto: Jan Schubert / BGDZ

Seit Jahren sucht Familie Kantaev eine neue Wohnung, in der das Leben mit dem behinderten Sohn einfacher wäre. Bisher ohne Erfolg.

Hamburg. Es gibt diese Momente, in denen jeder mal hilflos oder am Ende seiner physischen und psychischen Belastbarkeit ist. Momente, in denen man sich eingestehen muss: „Ich brauche Hilfe von anderen.“ So geschehen bei der Familie Kantaev, die nicht nur eine bewegte Fluchtgeschichte hinter sich hat, sondern jeden Tag ein enorm tragisches Schicksal bewältigen muss. Um diese Daueranstrengung mit einem schwer geistig und körperlich behinderten Kind (11) zu lindern, suchen die Mitarbeiter von Via gemeinsam mit der tschetschenisch stämmigen Familie per sofort eine behindertengerechte, barrierefreie Wohnung.

Denn: Fast alles dreht sich in ­dieser Familie um den elfjährigen Mohammad. Der Junge ist seit der Geburt spastisch gelähmt, ist an den Rollstuhl gefesselt und wird nie ein verständliches Wort sprechen können. Begeisterung äußert der Elfjährige wie beim Fototermin mit unserer Zeitung über weit aufgerissene Augen und juchzende Laute. Ähnliche Glücksgefühle entwickele das älteste ihrer vier Kinder auch bei Ausflügen durch Neuallermöhe: „Mohammad liebt Spielplätze, beobachtet dort gern andere Kinder“, sagt Mutter Aisan Kantaev.

Schicksal: Mohammad ist seit der Geburt spastisch gelähmt

Aisan (30) und ihr Mann Artur (35) wandten sich erst vor einem Jahr an Via. Nach einem Schockerlebnis: Die Mutter stürzte beim Tragen ihres behinderten Sohns von einem in den nächsten Rollstuhl im Treppenhaus schwer, verletzte sich am Rücken. Ihr Mann, der die Tragearbeit vom 1. Stock ins Erdgeschoss normalerweise übernimmt, konnte an diesem Tag seinen Arbeitsplatz nicht rechtzeitig verlassen.

Erst nach diesem Vorfall nahm die ­Einwandererfamilie Kontakt zur Eingliederungshilfe von Via am Reetwerder 21 auf. Die konnte den Alltag der Kantaevs schnell entlasten, etwa mit der Beschaffung eines familiengerechten Autos für den schwerbehinderten Sohn. Jahrelang fuhr Mutter Aisan mit Mohammad mit Bus und Bahn zur Stimulationstherapie nach Bahrenfeld. Einmal wöchentlich, ganz ohne fremde Hilfe.

Eingliederungshilfe Via unterstützt die Suche nach einer neuen Wohnung

Jetzt versuchen Manuela Kamin und ihre Via-Kolleginnen sehr intensiv, ein neues Zuhause für die sechsköpfige Familie zu finden. Was schwer ist: „Wir haben in den vergangenen Jahren viele Wohnungen gesehen, aber auch sehr viele Absagen bekommen“, sagt Aisan Kantaev traurig und streicht Mohammad über das Gesicht.

Manuela Kamin pflichtet bei: „Es hat nichts mit ihrem Migrationshintergrund zu tun“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin, „ich befürchte, dass vier Kinder die Vermieter abschrecken.“ Im Zweifel falle die Entscheidung immer zugunsten junger, kinderloser Paare. Bei vielen Vermietern bestehe offenbar die Befürchtung, dass gerade Mohammad zu laut sein könnte – „was nicht stimmt“, so Kamin.

Via: „Familie ist super-integriert und total selbstständig.“

Die Kantaevs wohnen seit dem Jahr 2016 in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung an der Otto-Grot-Straße, nachdem sie im Jahre 2011 als politisch Verfolgte ihre Heimat verlassen mussten, über Schwerin in den Bezirk Bergedorf gelangten. „Die Familie ist super-integriert, total selbstständig und spricht sehr gut deutsch“, sagt Kamin.

Die Schwestern Lesina (10), Maxilina (6) und Melissa (2) gehen bereits in Grundschule oder Kindergarten, sind wissbegierig, begeistern sich für Musik und Tanzen – und sind natürlich auch mal für den Bruder da. „Mohammad liebt meine älteste Tochter“, sagt Aisan Kantaev.

Elfjähriger benötigt ganztätige Pflege und Umsorgtheit

Sie würde übrigens auch gern arbeiten, doch der Zustand ihres behinderten Sohnes lässt dies nicht zu. Er benötigt ganztägige Pflege und Umsorgtheit (Pflegegrad 5) – und in einer neuen Wohnung gewiss auch ein eigenes Zimmer.

Gern möchten die Kantaevs im Bezirk Bergedorf bleiben. Ideal ­wäre eine Erdgeschosswohnung, schön ein Garten, „dann könnte Mohammad seine Therapiestunden draußen machen“, träumt Aisan Kantaev laut. Ein weiterer Grund ist, dass Mohammad in der Förderschule Weidemoor in Boberg bestens aufgehoben ist. Interessierte Vermieter mit Herz melden sich bei Via unter 040/72 69 94 02.