Die Stadtteilserie

Lohbrügge

Hamburgs größte Sandkiste und eine Hochburg für Narren, die sogar Rheinländer anzieht.

Der erste Blick stimmt trübe. Jedenfalls, wenn man aus Hamburgs Zentrum mit dem Auto über die Bundesstraße 5 nach Lohbrügge fährt. Am Rand der vierspurigen Piste geben einige belanglose Gewerbebauten und eine rund acht Meter hohe triste Lärmschutzwand aus Beton den ersten Eindruck - und der täuscht. Denn wer von der Bergedorfer Straße auf Höhe Heidhorst scharf rechts abbiegt, findet sich plötzlich in einer gewachsenen Siedlung mit schmalen, gewundenen Straßen und schmucken Eigenheimen wieder, dem Ortsteil Alt-Boberg.

Lohbrügge ist ein Stadtteil, der seinen Charme erst auf den zweiten Blick entfaltet und dann viele Überraschungen bietet. So grenzt zum Beispiel die Boberger Niederung südlich an die Verkehrsschlagader Bergedorfer Straße/B5. Dieses 350 Hektar große Areal ist das wohl spektakulärste Hamburger Naturschutzgebiet.

Paradies für Tiere und Segelflieger

Nach wenigen Schritten vom Parkplatz an der Boberger Furt tritt man aus dem Wald völlig unerwartet in eine lang gestreckte Dünenlandschaft. Ihren Ursprung hat die Niederung in der ausgehenden Weichsel-Eiszeit, als durch Verwehung der Schmelzwassersande aus dem Elbe-Urstromtal eine 30 bis 50 Meter hohe Binnendünenkette aufgetürmt wurde. Von 1840 an wurde hier fast 100 Jahre Sand gefördert, unter anderem für die Aufschüttung der Bahntrasse Hamburg-Bergedorf.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Heute sind große Teile der übrig gebliebenen Boberger Düne zum Begehen freigegeben, damit die Sandfläche frei von Bewuchs bleibt. Doch das Naturschutzgebiet ist mehr als diese überdimensionale Sandkiste. Die Boberger Niederung umfasst auf engem Raum Düne, Marsch, Geest und Moor und ist der Lebensraum von seltenen Tieren wie Ringelnatter, Waldeidechse, Grünspecht, Goldammer, Beutelmeise, Eisvogel und Ameisenjungfer. Eine grüne Oase, die sich im Süden bis zum Billwerder Billdeich erstreckt.

Selbst von den Flugzeugen, die in 20 bis 30 Meter Höhe über die Düne gleiten, hört man nur, wie sich der Wind leise rauschend an den langen Tragflächen bricht. Es sind Segelflieger, die bei Westwind aus dieser Richtung zur Landung auf der 1300 Meter langen Grasbahn des Hamburger Segelflugplatzes ansetzen. Er liegt mitten im Naturschutzgebiet. Hier sind der Hamburger Verein für Luftfahrt (HVL) sowie der Hamburger Aero Club (HAC) Boberg beheimatet, mit rund 300 Mitgliedern weltweit einer der größten Segelflug-Klubs. Bei schönem Wetter hängt der Himmel über dem Bezirk Bergedorf gern voller weißer Flugzeuge.


Campus für 3000 Studierende

Weniger idyllisch als in der Boberger Niederung geht es dagegen eineinhalb Kilometer östlich zu. Wenn der Rettungshubschrauber Christoph Hansa des ADAC einfliegt und Patienten bringt, geht es oft um Leben und Tod. Seit 1959 befindet sich an der Bergedorfer Straße 10 das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg (BUKH), im Volksmund als Boberg-Klinik bekannt. Beim zweitgrößten Arbeitgeber im Bezirk Bergedorf - nach Hauni - sind mehr als 1800 Mitarbeiter beschäftigt. Ursprünglich als Nachbehandlungskrankenhaus geplant, hat sich das BUKH mit derzeit rund 470 akut stationären Betten zur führenden norddeutschen Einrichtung für die Versorgung von Unfallopfern und schwer Brandverletzten entwickelt. Das 1981 eröffnete Querschnittgelähmten-Zentrum mit 106 Betten hat landesweit Modellcharakter. Das Zentrum für Brandverletzte mit 26 Betten ist eines der modernsten und größten Zentren dieser Art in Deutschland.

Wer Lohbrügge nur auf einer der Hauptverkehrsachsen durchquert, ahnt nicht, dass dieser Stadtteil seit 1972 sogar einen eigenen Campus hat. Zwei Jahre zuvor wurde die staatliche Ingenieurschule für Produktions- und Verfahrenstechnik in die Fachhochschule Hamburg integriert, die seit 2001 Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg heißt. Die an der Lohbrügger Kirchenstraße ansässige Fakultät Life Sciences im typisch schmucklosen 70er-Jahre-Betonbau bildet heute rund 3000 Studierende in 16 Studiengängen aus - zum Beispiel Gesundheits- und Ernährungswissenschaften oder ingenieurwissenschaftliche Fächer wie Umwelttechnik oder Rescue Engineering.

Berüchtigt ist der Campus vor allem wegen Deutschlands größter Faschingsparty: Tausende Narren in ausgeflippten Kostümen feiern alljährlich zwei Nächte lang beim LiLaBe in der Halle der HAW. Seit 1976 haben mehr als 450 000 Besucher Lohbrügge zum Mekka der Kostümfeste gemacht. Besonders zahlreich kommen inzwischen übrigens die Rheinländer, wenn das LiLaBe nach Aschermittwoch stattfindet.

Grüne Oasen hinter Plattenbauten

Doch während des restlichen Jahres geht es in Lohbrügge eher gelassen zu. Typisch für Stadtteile, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erschlossen wurden und zuvor landwirtschaftlich geprägt waren, stehen sich Einfamilienhausviertel und urbane Großsiedlungen direkt gegenüber. So wurde im Rahmen des sogenannten Aufbauplans 60 ein 243 Hektar großes Gebiet an der Grenze zu Reinbek unter dem Namen Lohbrügge-Nord als Baugebiet für eine Großsiedlung ausgewiesen.

Bis Mitte der 1970er-Jahre entstand so eine Gartenstadt mit zahlreichen Plattenbauten und einigen Hochhäusern - und den üblichen sozialen Problemen. Markantes Beispiel ist der "Lindwurm", ein mehrere Hundert Meter langer, drei- bis neungeschossiger Komplex mit 258 Wohnungen, der sich entlang des Röpraredders schlängelt.

Dennoch überrascht auch in der architektonischen Tristesse dieser Bauten das großzügige und gepflegte Grün, das die Siedlungen und den ganzen Stadtteil prägt. So liegt lang gestreckt im Herzen von Lohbrügge-Nord der Park Grünes Zentrum mit Sport- und Spielplätzen, Minigolf- und Skateboard-Anlage, Rodelberg, drei Teichen und Wanderwegen sowie einer schönen Vogelvoliere mit Finken, Papageien, Sittichen und Hühnern.

Auch diese Oase offenbart sich erst auf den zweiten Blick, liegt versteckt hinter Plattenbauten. Man gelangt vom Röpraredder nur durch einen Torbogen in den "Lindwurm". Eine ebenfalls kaum bekannte Sehenswürdigkeit ist der Lohbrügger Friedhof östlich des Waldgebietes Sander Tannen. Der Turm der Erlöserkirche, 1899 im neugotischen Backsteinstil errichtet, weist weithin sichtbar darauf hin. Der Friedhof wird seit 1972 nicht mehr belegt, ist seit 1997 ein öffentlicher Park mit historischen Grabmalen. Sämtliche Wege des Friedhofs laufen auf das von Hugo Groothoff entworfene Mausoleum zu, das der Industrielle Wilhelm Bergner, Gründer der Bergedorfer Eisenwerke und Pionier bei der Einführung betrieblicher Sozialleistungen, für sich erbauen ließ.

+++ Der Stadtteil-Pate: Mark Hübner-Weinhold +++

Wunderbare, oft verborgene Oasen der Ruhe hat der Stadtteil reichlich. Was fehlt, ist ein attraktives urbanes Zentrum. Die ambitionierte Neugestaltung des abgetakelten Lohbrügger Marktes wurde von Bezirkspolitikern in Bergedorf aus Kostengründen abgespeckt und mindestens bis 2014 vertagt.

In der nächsten Folge am 18.8.: Othmarschen