Feuerwehr Hamburg

Hamburgs oberster Ausbilder in der Leitstelle sagt Tschüs

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Thomas Heyen
Johannes „Jo“ Jansen (60) und Malte Sieling (52, r.) bei Jansens Verabschiedung in den Ruhestand. Der frühere Leiter der Ausbildung in der Einsatzleitstelle der Feuerwehr Hamburg wurde mit einem „Hansa“-Löschfahrzeug-Oldtimer aus den 80er-Jahren vor sein Haus in Curslack gebracht.

Johannes „Jo“ Jansen (60) und Malte Sieling (52, r.) bei Jansens Verabschiedung in den Ruhestand. Der frühere Leiter der Ausbildung in der Einsatzleitstelle der Feuerwehr Hamburg wurde mit einem „Hansa“-Löschfahrzeug-Oldtimer aus den 80er-Jahren vor sein Haus in Curslack gebracht.

Foto: Thomas Heyen

Johannes Jansen aus Curslack modernisierte die zentrale Notrufannahme der Hamburger Feuerwehr. Er bildete alle Kollegen aus.

Curslack. Wer in der Hansestadt die Notrufnummer 112 wählt, landet in der Einsatzleitstelle der Hamburger Feuerwehr an der Wendenstraße in Hammerbrook – und ist dort in den besten Händen. Dass den Anrufern in ihrer Not professionell und schnell geholfen wird, ist maßgeblich einem Curslacker zu verdanken: Unter der Regie von Johannes „Jo“ Jansen wurde 2006 ein neues, modernes Einsatzleitsystem eingerichtet. Zwei Jahre später führte die Feuerwehr auf seine Anregung hin eine standardisierte Notrufabfrage ein, um alle Mitarbeiter auf das gleiche Level zu bringen und die schnelle Hilfe zu verbessern.

Supervision für die Mitarbeiter der Leitstelle geht ebenfalls auf das Konto des 60-Jährigen. Alle derzeit rund 120 Mitarbeiter der Leitstelle wurden von Jansen ausgebildet – plus weitere etwa 160 Feuerwehrleute, die dort tätig waren, darunter etwa 30 Führungskräfte. Wegen seines Engagements ist der Brandamtsrat weit über Hamburgs Grenzen hinaus in Feuerwehrkreisen bekannt.

Feuerwehr Hamburg: Chef der Ausbilder geht in den Ruhestand

Am Freitag fuhr der Chef der Ausbilder nun seinen Teleskop-Zeigestab ein und verabschiedete sich in den Ruhestand. Der Leiter der Ausbildung neuer Mitarbeiter in der Leitstelle wurde von Kameraden in einem alten Löschfahrzeug vor sein Haus in Curslack gefahren. Dort erwarteten ihn zwei Dutzend Kollegen, darunter vor allem ehemalige Mitarbeiter der Leitstelle.

Jansen lebt mit seiner Frau Petra (60) seit 20 Jahren in Curslack. Das Paar stammt aus Aachen und hat drei erwachsene Kinder, zwei Töchter und einen Sohn (30, 27, 29). „Jo“ Jansen ist seit 1990 bei der Berufsfeuerwehr. „Wir sind damals wegen seines Jobs nach Hamburg gezogen“, sagt Petra Jansen. Sein Dienst endet offiziell zum Jahresende, nun bummelt er Überstunden ab und genießt den Resturlaub.

“Jo“ war an verschiedenen Feuerwachsen stationiert, auch in Bergedorf

„Jo“ Jansen war an verschiedenen Feuerwachen stationiert, auch in Bergedorf, und fuhr von dort aus zu Einsätzen, bevor er 2003 in die Leitstelle wechselte. „Auf Einsätzen hat mich früher vieles genervt“, sagt Jansen, „etwa, dass wir von der Leitstelle zu wenig Informationen erhielten. Ich wollte die Abläufe verändern.“ Das tat Jansen auch. Zu seinem Einstand schulte er die Mitarbeiter in Wiederbelebung, denn das hatten viele der Feuerwehrleute „im Büro“ nicht mehr drauf.

„Er ist ein Mann der klaren Worte, der handelt, statt zu hadern“, sagt sein Kollege Malte Sieling (52), Ausbilder in der Leitstelle. Beruflich hat ihm dies genützt: Jansen konnte sich aus dem mittleren in den gehobenen Dienst hocharbeiten.

Feuerwehrleute in der Leitstelle müssen eine zwölfwöchige Ausbildung absolvieren

Auf Jansens Initiative hin wurde die Ausbildungsabteilung aufgebaut, deren Leitung er 2009 übernahm. „Durch ihn wurde eine professionelle Leitstellenausbildung aufgebaut, die am Anfang nur aus einem Aktenordner bestanden hat. Heute gibt es eine moderne Schulungsabteilung mit eigenen Räumlichkeiten und Mitarbeitern“, sagt Sieling. Feuerwehrleute, die in der Leitstelle anfangen, durchlaufen eine zwölfwöchige Zusatz-Ausbildung, in der sie mit den neuen Aufgaben vertraut gemacht werden.

Die beiden Kollegen hatten schon vor Einrichtung der Ausbildungsabteilung neben ihrer Arbeit als Einsatzsachbearbeiter (Notrufannahme und Disposition) neue Kollegen ausgebildet, „temporär, auf Lehrgängen“, sagt Sieling.

Täglich gehen etwa 1800 Notrufe in der Einsatzleitstelle ein

In der rund um die Uhr besetzten Leitstelle nehmen sogenannte Calltaker die Anrufe entgegen und begleiten den Anrufer in den folgenden Minuten, während ein Kollege, der sogenannte Dispatcher, die Einsätze der Löschfahrzeuge und Rettungswagen in die Wege leitet. Auf der zuständigen Feuerwache gehen dann optische und akustische Signale ein, wird die Einsatzdepesche ausgedruckt und digital in die Fahrzeuge gesendet.

Die Arbeit der Calltaker ist besonders hart, denn sie haben es häufig mit verzweifelten Menschen zu tun – etwa Selbstmördern, Menschen in einem brennenden Haus, Eltern mit einem schwer verletzten Kind, Anrufern, die sich in Gegenwart eines Toten befinden oder Ahnungslosen, die eine Reanimation einleiten müssen und entsprechend angeleitet werden. „Da ist Fingerspitzengefühl gefragt“, sagt Sieling. „Mit einem klassischen Callcenter hat die Leitstelle nichts zu tun.“ Sie zählt insgesamt rund 120 Mitarbeiter, darunter drei Ausbilder. Die Fluktuation in der Leitstelle ist hoch, da die Mitarbeiter aufgrund der psychischen Belastung durch zahlreiche verzweifelte Anrufer möglichst nicht länger als drei Jahre dort arbeiten sollen.

“Jeder Dispatcher führt am Tag rund 140 Gespräche“

Durchschnittlich etwa 1800 Notrufe werden täglich von 15 bis 20 Calltakern und sechs bis sieben Dispatchern bearbeitet, hinzu kommen rund 700 weitere Telefonate, etwa mit Feuerwehren und Krankenhäusern. „Jeder Dispatcher führt am Tag rund 140 Gespräche“, sagt Sieling. Oft gehe es um Bagatellen: „Die Leute sind unbeholfen und rufen an, wenn sie einen Schnupfen haben. Wir verweisen sie dann an ihren Hausarzt“, sagt der 52-Jährige. Durch Corona sei die Zahl der Anrufe noch gestiegen. „Ohne uns fährt keiner los. Wir leisten die Vorarbeit“, sagt Jansen.

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