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„Salon 5 Bergedorf“ will der Jugend eine Stimme geben

| Lesedauer: 5 Minuten
Anne K. Strickstrock
Die 24-jährige Journalismusstudentin Jelka Weyland wird in Bergedorf die Redaktionsleiterin der Poscast-Produktionen.

Die 24-jährige Journalismusstudentin Jelka Weyland wird in Bergedorf die Redaktionsleiterin der Poscast-Produktionen.

Foto: strickstrock / BGZ

Faktencheck und Recherche lernen: Im neuen Jugendclub sollen Bergedorf-Podcasts entstehen. Der erste ist schon online.

Bergedorf. Die klassischen Nachrichten sind irgendwie langweilig, „das ist eher war für Erwachsene“, meint Jelka Weyland: „Wir wollen den Jugendlichen eine Stimme geben und ihre Themen mehr in die Gesellschaft bringen“, sagt die 24-Jährige und denkt für die Bergedorf-Podcasts an Schulthemen, Bücher, Popkultur, Selbstfindung oder die Hobbys im Freundeskreis.

Aus Bayern hat sie es in den Norden verschlagen und studiert im vierten Semester Journalismus und Kommunikationswissenschaften an der Hamburger Uni. Da trifft es sich perfekt, dass sie eine WG in Lohbrügge fand und nun eine Jugendredaktion aufbauen will – mitten in Bergedorf.

Bergedorf-Podcasts aus dem neuen Jugendclub - Mitstreiter gesucht

Der „Salon 5 Bergedorf“ muss sich erst noch ein bisschen herumsprechen unter den 13- bis 18-Jährigen, die sich bislang unter der Meinungsfreiheit wenig vorstellen können, die im Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist. Aber vielleicht haben sie Bock drauf, Podcasts zu machen, die über das Webradio Salon5.org verbreitet werden.

„Das kann ein einfacher Laber-Dialog mit der Freundin sein oder ein Experten-Interview. Oder man erzählt bloß von seinen eigenen Erfahrungen zu einem Thema“, sagt Jelka Weyland, die einen „Crashkursus Technik“ anbietet samt Audio-Schnitt, unterlegter Musik und Jingles: „Ich kann auch zeigen, wie man ein Husten oder ein Martinshorn aus der Tonspur herausschneidet.“

Stiftungen und private Unterstützer finanzieren den Journalismus

Das alles hat sie beim gemeinnützigem Medium Correctiv gelernt, das die Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismus hochhält: „Ohne freie Presse sind wir ausgeliefert. Ungeschützt vor Machtmissbrauch und Einflussnahme. Erst Nachrichten, investigative Recherchen und Faktenchecks befähigen uns, die Welt zu verstehen.

Kein Krieg, keine Pandemie und keine Ungerechtigkeit wäre greifbar ohne Journalismus“, heißt es auf der Webseite der Redaktion, die ihren Hauptsitz in Essen hat. Private Unterstützer und Stiftungen ermöglichen seit 2014 das erste spendenfinanzierte Recherchezentrum in Deutschland.

Bildungsangebote sollen die Medienkompetenz fördern

Die Redaktion will systematische Missstände aufdecken, Falschmeldungen im Netz prüfen, Skandale enthüllen und „Mächtige zittern lassen“. Da geht es etwa um die knappe Ressource Wasser, um Missbrauch in der Kirche, steigende Mieten, um Rassismus und Gewalt. Derzeit gibt es sogar einen täglich aktualisierten „Sanktionstracker“ mit Angaben darüber, gegen welche Menschen und Unternehmen Sanktionen verhängt werden – „als ökonomische Waffen des Westens im Ukraine-Konflikt“.

Mit eigenen Bildungsangeboten soll außerdem die Medienkompetenz gefördert werden: „Mit unserer Arbeit stärken wir eine demokratische und offene Zivilgesellschaft“, sagen die Macher, die inzwischen eine Ableger-Redaktion in Berlin haben sowie eine Klimaredaktion in Greifswald. Sie alle werden von einem Kuratorium, Aufsichtsrat und einem Ethikrat begleitet.

Correctiv-Ethikrat ist mit prominenten Köpfen besetzt

Vor allem Letzterer ist mit sehr bekannten Köpfen besetzt. Da wäre etwa die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die von 2000 bis 2011 die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war. Auch der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gehört zum Team ebenso wie die ehemalige „Spiegel“-Chefredakteurin Barbara Hans. Den Hamburgern mag auch Peter Schaar bekannt sein, der mal Datenschutzbeauftragter der Hansestadt war, von 2003 bis 2013 dann das Amt des Bundesbeauftragten für den Datenschutz innehielt.

Aber so hochprofessionell soll die Redaktion in Bergedorf, die von der Wentorfer Buhck-Stiftung unterstützt wird, gar nicht werden. Sie orientiert sich lieber an der Correctiv-Jugendredaktion, die 2020 im westfälischen Bottrop gegründet wurde: „Und wir wollen in Bergedorf die zweite Jugendredaktion werden“, betont Jelka Weyland.

Im neuen Bergedorfer Jugendclub gibt es einen Technikraum

Als Werkstudentin bewarb sie sich um die Stelle, die mit 20 Stunden pro Woche gefüllt ist. Und so sitzt sie künftig dienstags und donnerstags von 12 bis 18 Uhr im neuen Jugendclub im Quartier (Am Hohen Stege), zudem freitags von 12 bis 16 Uhr: „Wir haben hier einen Technikraum, viele Kabel und Mikros.“

Das neue Angebot will sie in Schulen bekannt machen, aber auch beim Bergedorfer Kindertag am Freitag, 1. Juli: „Aus Bottrop kommt ein Ford Transit, den wir von 16 bis 18 Uhr auf die Schlosswiese stellen und einen Workshop anbieten. Das ist quasi ein mobiles Aufnahmestudio“, schwärmt die 24-jährige Redaktionsleiterin.

Erster Podcast über Bergedorfer Redaktion ist schon abrufbar

Wer also am Bergedorfer Radioprogramm interessiert ist, über Olaf Scholz oder die kaputte Straßenlaterne vor der Haustür berichten will, kommt ins neue „Wohnzimmer“, in dem junge Menschen über aktuelle Themen plaudern und über die Dinge, die sie verändern und verbessern wollen.

Schließlich lautet ein wichtiger Leitsatz der Correctiv-Journalisten: „Unsere Demokratie zerbricht, wenn keiner mehr hinschaut und wenn Populisten private und öffentliche Debatten sprengen.“ Ein erster Podcast über das Bergedorfer Projekt ist schon unter www.correctiv.org zu hören – 8,39 Minuten lang.

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