Hamburgs Stadtschreiberin

Jasmin Schellong und ihr Siegertext „Die Gewürzjagd“

Lesedauer: 29 Minuten

Amtseinführung der Stadtschreiberin 2021

Jasmin Schellong wird an mehreren Orten in der Stadt lesen, bloggen, schreiben - und will neugierig auf Literatur machen.

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Die Amtseinführung am 1. August in der Hamburger Kunsthalle gibt es bei uns als Live-Stream. Moderator ist Corny Littmann.

Hamburg. Am Sonntag, 1. August, kehrt ein Stück Literatur-Tradition nach Hamburg zurück: Ab 11 Uhr wird die Hamburger Stadtschreiberin Jasmin Schellong in der Galerie der Gegenwart der Kunsthalle feierlich in ihr Amt eingeführt. Vier Monate mit diversen Lesungen, spannenden Schreiborten und unendlichen vielen Eindrücken, die es in Geschichten mit hanseatischem Flair zu verarbeiten gilt, liegen dann vor ihr.

Corny Littmann (Schmidt-Theater) moderiert die Amtseinführung

Moderiert wird die Amtseinführung von Corny Littmann, Kunsthallen-Direktor Alexander Klar sowie die Journalistin und Autorin Nora Gantenbrink übernehmen als Schirmherren die Vorstellung der Stadtschreiberin und der beiden Zweitplatzierten. Als Publikum sind wegen der Corona-Vorschriften nur 40 geladene Gäste zugelassen. Alle anderen können per Live-Stream auf unserer Homepage www.bergedorfer-zeitung.de dabei sein.

Finanziert wird das mit 6000 Euro dotierte Stipendium der Stadtschreiberin von der Hamburger Volksbank als Hauptsponsor. Weitere Unterstützer sind unter anderem die Toepfer-Stiftung und die Hamburger Kulturbehörde.

Stadschreiber 2021 soll „Zeichen für Kultur trotz Corona setzen“

„Mit der Neuauflage des Stadtschreiber-Projektes nach einem Jahr pandemiebedingter Zwangspause wollen wir nach Corona ein Zeichen für die Kultur setzen“, sagt Initiatorin Katelijne Gillis, die 2019 die letzte in der Reihe der bisher vier Hamburger Stadtschreiber gewesen war. Alle Details zum Projekt und vor allem zu den weiteren Lesungen gibt es auf der Homepage www.stadtschreiberin.de.

Autorin Jasmin Schellong: Frohnatur und Hamburg-Fan

Jasmin Schellong (38) ist eine Frohnatur. Die Hamburger Stadtschreiberin 2021 lebt in München, obwohl Hamburg seit Kindertagen ihr Sehnsuchtsort ist. Die Stipendiatin der Bayerischen Schreibakademie will ihre Leser berühren: „Sie sollen etwas fühlen, an Stellen, wo sonst die Kekskrümel hingehen, wenn man sich verschluckt.“

Neben der prämierten Kurzgeschichte über Gunnar, den ziemlich verhaltensgestörten Entführer, legte sie ein Motivationsschreiben in den Umschlag, das mit den Worten endet: „Ich bitte Sie hier eigentlich um etwas Unmögliches: Sich gegen den sicheren Hafen in Form eines etablierten Autoren zu entscheiden und stattdessen mich zu wählen.“

Mit 6000 Euro dotiertes Stipendium der Hamburger Volksbank

Zwei Argumente, denen sich die Jury nicht entziehen konnte: Jasmin Schellong wird vom 1. August bis Ende November für vier Monate Hamburgs neue Stadtschreiberin sein. Präsentiert von unserer Zeitung erhält sie das von der Hamburger Volksbank als Hauptsponsor finanzierte 6000-Euro-Stipendium. Dass sie beruflich als Patientenmanagerin in der Neurochirurgischen Klinik Großhadern arbeitet, ist in „Die Gewürzjagd“ übrigens nicht zu übersehen.

„DIE GEWÜRZJAGD“

Auch bei der Zustellung der Sieben-DVD kam es zu keinen nennenswerten Schwierigkeiten. Wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass der Empfänger, Gunnar, sich für ihre Abholung unerlaubt von seinem Arbeitsplatz entfernte. Gunnar arbeitete als Pfleger. Angehörigen dieser Berufsgruppe sagt man gemeinhin nach, dass sie die Fähigkeit haben müssen, gut mit Menschen umzugehen. Gunnar fragte sich häufig, woher man denn weiß, dass man gut mit Menschen umgehen kann. Vielleicht ja von den Leuten, mit denen man Geschlechtsverkehr hatte. In Gunnars Fall war die Anzahl identisch mit den Stimmen bei der Klassensprecherwahl in der 10. Klasse 2; einmal hatte er sich selbst gewählt.

Ihm dieses Unvermögen vorzuwerfen, wäre nicht ganz fair. Krankenpflege lernt man zuerst an Puppen. Waschen, Haare kämmen, Puls messen. Niemand in Gunnars Jahrgang beherrschte am Plastik die pflegerischen Handgriffe in derartiger Perfektion wie er. Als es dann aber an echte Menschen ging, kam sein fehlendes Talent gnadenlos zum Vorschein und kumulierte in dem stoppligen Intimbereich eines fleischigen Mittsiebzigers auf der chirurgischen Station, den Gunnar rasieren sollte. Danach wurde er im Krankenhaus herumgereicht wie der Pfefferminztee, der täglich um 06:30 und 14:00 Uhr in großen Kannen geliefert wurde. Mittlerweile hatten die Pflegedirektion, die zumindest anteilsmäßig auch durch Menschen besetzt war, und seine direkte Vorgesetzte Frau Mayerbeck entschieden, ihn in der OP-Einleitung einzusetzen.

Für Gunnar waren Abmahnungen wie Darmpolypen

Sowohl die Pflegedirektion als auch Frau Mayerbeck wussten, dass dies Gunnars letzte Chance war. Nur Gunnar, der wusste das nicht. Die Vorgesetzte sprach Gunnar für das unerlaubte Verlassen des Arbeitsplatzes eine weitere Abmahnung aus. Für Gunnar waren Abmahnungen wie Darmpolypen – sie konnten irgendwann zu Problemen führen, aktuell ging jedoch von ihnen keine große Gefahr aus. Schlimmer wog für ihn keine Mittagspause machen zu dürfen. Dinge, die das Leben erst lebenswert machen sind meistens unsichtbar. Sichtbar werden sie nur den Menschen denen sie fehlen.

Gunnar schmeckte es nie. Alle Speisen waren für ihn seit jeher fad. So, als könnte sich der eigentliche Geschmack im Molekülsturm nicht durchsetzen. Es handelte sich vermutlich um ein neurologisches Problem. Eine Ursache konnte jedoch nie gefunden werden. Seit vielen Jahren war er aufgrund seines fehlenden Geschmackssinnes bevorzugtes Ziel für Streiche. Von Insekten über Dreck: Gunnar hatte alles schon mehr oder weniger freiwillig gegessen. Seine Realschulklasse meldete ihn heimlich sogar bei „Wetten dass?“ an. In der Krankenpflegeschule überreichten sie ihm zum Geburtstag einmal eine Sahnetorte. Dass diese Stücke ranziger Lyoner enthielten, erfuhr er später von seiner Lehrerin für Arzneimittelkunde. Frau Gmeiner meinte es gut mit ihm. Sie teilte oft Kopien aus, auf denen ihre rot lackierten Fingernägel mit der Kopiervorlage für die Ewigkeit festgehalten waren.

Gunnar trägt noch heute die tabellarische Übersicht über Schlafmittel mit ihrem lackierten Zeigefinger im Geldbeutel mit sich herum.

Heute war Freitag – Fischgrätentag

Aus verständlichen Gründen war Gunnar daher auf alle Essensangelegenheiten und damit auch auf die Mittagspause ziemlich fixiert. Ritualhaft würzte er seine Speisen übermäßig, nahm alles wie eine Medizin stets zur selben Uhrzeit zu sich und wurde auch aufgrund dieser leicht wahnhaften Züge mittags nur zu gerne gemieden. Ohne Pause empfing er also an der OP-Schleuse einen grau melierten Herrn. Wieder mal. Heute war Freitag – Fischgrätentag. An diesem Tag gab es in allen Heimen Fisch zu essen. Obwohl dieser eigentlich keine Gräten mehr enthalten sollte, landeten sie dennoch regelmäßig in den Speise- und Luftröhren der Bewohner: Systemversagen. Der Patient, der nun an der Reihe war, sollte jedoch Empfänger einer neuen Hüfte werden. Gunnar musste ihn einschleusen. Das bedeutete: Auf den OP-Tisch legen, seinen Kopf in eine dieser OP-Hauben verpacken, in denen jeder Mensch grotesk aussieht, checken, ob die Unterlagen vollständig waren und den Patienten vorbereiten. Der ältere Herr wimmerte schon, als die Schleuse aufging. Natürlich war er nicht „vorbereitet“, sprich nackt.

Gunnar zog die viel zu große weiße Unterhose, eine leicht verfärbte Zeugin, dass der ältere Herr auch mal bessere Zeiten erlebt hatte, umständlich aus und sah den Namen des Herren unterhalb der Waschanweisungen eingepatcht. Wieder ein Mensch, der sich nicht mehr selbst gehörte, dachte Gunnar.

Der 82-jährige Mann weinte nun gut hörbar und entblößte dabei seine mindestens 86-jährigen Zähne. Die Tränen brachen sich an seiner schmalen Oberlippe. Gunnar war dennoch nicht sonderlich bewegt. Er war wie ein Stein im Windkanal. Die Heulerei des grauen Herren musste dennoch aufhören, da dies im OP-Saal einen schlechten Eindruck machen würde. Er nahm eine Kompresse und wischte die Tränen mit zu viel Druck im Handgelenk einfach ab, sodass der ältere Herr zwar mit trockenen, aber geröteten und brennenden Augen unters Messer kam. Gunnar hätte heute nicht mehr sagen können, warum, aber als er kurze Zeit später auf der Toilette saß und sein Sandwich auspackte, um es dort heimlich zu verspeisen und die noch nasse Kompresse in der Kitteltasche fand, hatte er auf einmal den starken Impuls, damit über den Schinkenbelag zu streichen. Für alles, was im Anschluss folgte, hätte selbst Stevie Wonder kein Verständnis aufbringen können, wenn vor Jahren dessen OP, die ihm sein Augenlicht zurückgegeben hätte, erfolgreich durchgeführt worden wäre.

Gunnar wurde gezeugt, als der Vater eine Mandel-Operation auskurierte

Über Gunnars Herkunft ist nicht viel bekannt. Seine Eltern heirateten früh. Er wurde gezeugt, als sein Vater eine Mandel-Operation auskurierte. Dieser hatte gerade nichts Besseres vor. Die Familie zog an einen Ort, an dem es viele Holzkreuze am Straßenrand gab und Igel zur gefährdeten Art gehörten. Am Anfang sollen sein Vater und er sich ganz gut verstanden haben. Man kann sich das wie in der Filmszene aus Titanic vorstellen, als das Schiff ins Eismeer stürzt und dem anschließenden, lebhaften Geschehen im Meer. Nach kurzer Zeit waren Vater und Sohn aber wie erstarrt, - sie trieben aneinander vorbei, wie zwei gefrorene Körper im Nordatlantik. Gunnars Mutter war eine streng gläubige Frau. Schon früh schickte sie ihren Sohn zum Ministrieren. Dort lernte der Sohn beim Umgang mit dem Weihrauch früh, wenn Menschen genug haben. Er war gerade fünf, da begannen die Brustwarzen seiner Mutter zu bluten. Diese hielt das anfangs für ein göttliches Zeichen und vermied jegliche Arztbesuche. Als es ihr nach einiger Zeit immer schlechter ging, hatte sie bereits obstsortengroße Krebskinder in der Leber und Lunge. Gestorben ist sie schließlich an einem Tag im April, als Karotten und Gummibärchen im Einkaufscenter im Angebot waren.

Gunnar verbrachte danach viel Zeit bei seinem Großvater. Dieser unscheinbare Mann, der seine Frau nur im Taxi küsste, war im Krieg ein hoch dekorierter Soldat an der Ostfront. Dann sollte plötzlich ein weiteres Mal bei einer Prostata-Stanzbiopsie auf ihn geschossen werden. Kurze Zeit später war auch er tot. Der Vater hatte sich dann ganz der Erziehung verschrieben. Oft wanderten Papa und Sohnemann stundenlang durch die Stadt. Der Vater brachte dann an U-Bahnhöfen oder Baustellen Markierungen mit Filzstiften oder Klebestreifen an und erklärte Gunnar, dass dies die am besten geeignetsten Stellen für Bomben wären, denn eine Explosion könnte hier den maximalen Schaden anrichten. Zuhause musste der Sohn in dieser Zeit viel „Aquarium-Stehen“. Eine Strafe, die sich der Vater ausdachte, und bei der Gunnar stundenlang regungslos hinter dem 240 Liter-Aquarium im Wohnzimmer stehen musste, während der Vater ihn von seinem Sessel aus beobachtete.

Gunnars Vertrauensgewebe war nur schwach ausgebildet

Man muss vielleicht noch erwähnen, dass Gunnars Vertrauensgewebe nur schwach ausgebildet war. Im Anschluss an Mani- und Pediküre ließ er sich seine abgeschnittenen Nägel immer einpacken. Ertrug er es nicht mit anderen Menschen zu warten, ging er in einen dieser Fotofix-Automaten in der U-Bahn, zog den Vorhang hinter sich zu und wartete ab, bis die gesamten Leute am Bahnsteig einmal ausgetauscht waren.

Die Schlüsselbeine von Gunnars Ex- und bislang einziger Freundin nahmen eine Abkürzung zu seinem Herzen. Er hatte sie auf Ebay-Kleinanzeigen entdeckt, wo die Besitzerin der Schlüsselbeine eine Plexiglas-Garderobe in die Kamera hielt und zum Verkauf anbot. Vordergründig interessierte er sich für die Garderobe und nach dem man sich preislich schnell einig und die Ware übergeben wurde, lud er „Butterblume 84“, entgegen seiner eher schüchternen Attitüde, noch auf einen Kaffee ein. Zu Gunnars Überraschung hatte auch Butterblume 84 Interesse an ihm. Zunächst fand er an der Beziehung richtig Gefallen. Er sammelte Post-Its, die er ihr unbemerkt auf Unterarm oder Bein aufgeklebt hatte, wenn sie schlief. So hatte er immer ein wenig ihrer Menschenhautbrösel bei sich. Nach und nach kannten sie sich am Körper des jeweils anderen richtig gut aus.

Gunnar mochte es sogar, sich zwei bis drei Mal wöchentlich in ihr zu verstecken. Die meisten Leute merken sich den Ort, an dem sie sich finden, nicht so Gunnar. Als er dasselbe spürte, wenn er die Härchen der Haut der Kiwis im Supermarkt anfasste, wie wenn er „Butterblume 84“ berührte, wusste er, dass seine Liebe zu ihr zu Ende war.

Er hatte keine Ahnung warum, aber wenn er sein Essen mit Tränen würzte, schmeckte er plötzlich eine Tiefe in den Speisen, als würde er die DNA-Helix rauf und runter kauen. Um keinen Preis konnte er auf diesen Geschmack künftig verzichten.

Anfangs griff er für die Tränengewinnung auf die einzige ihm zur Verfügung stehende Ressource zurück: sich selbst. Er gewann dann meistens Zwiebel- oder Zehanschlag-Tränen. Doch wie bei anderen Dingen auch, stellte sich bei einem selbst einfach oft nicht das gewünschte Ergebnis ein. Auch wenn das Essen mit den Zwiebeltränen trotzdem etwas Geschmack hatte. Gunnar bemerkte geschmackliche Unterschiede. Tränen der Freude schmecken anders als Tränen der Furcht oder des Schmerzes. Es ist die chemische Zusammensetzung. Am besten schmeckten Gunnar Tränen der Angst. Die kostbare Flüssigkeit aber weiter in der Arbeit zu gewinnen war keine Option.

Wurde Gunnar lange nicht berührt, ging er in den Anfass-Supermarkt

Wenn Gunnar lange nicht mehr berührt wurde, ging er in den Anfass-Supermarkt. Vögeln wollte er dort nie. Für die Tränengewinnung bat er zunächst die Prostituierten, vor ihm zu weinen. Tränen sind mit das Persönlichste, was ein Mensch hat. Was man scheinbar nicht tun durfte war aktiv um sie zu bitten.

Die Prostituierten taten dasselbe, wie alle Menschen in seiner Umgebung, sie sahen Gunnar mit diesem bestimmten Blick an, den Leute immer haben, wenn sie jemanden sehen und ihn in Gedanken durch null teilen. Er geriet darüber in rasende Wut. Warum konnte man hier um Unterwäsche oder Oralverkehr bitten, aber nicht um Tränen? Bei seinem letzten Besuch kam es zu einem Eklat. Als ihn seine Stammverkäuferin fragte, warum er das machte und wofür er die Tränen eigentlich brauchte, schlug er ihr mit voller Wucht das Knie ins Gesicht. Wenn Gunnar ganz ehrlich war, hatte sich selten etwas so gut angefühlt.

Fortan übte er, hatte er bislang doch nicht einmal falsch geparkt. Als er den Entschluss fasste, einen Menschen einzusperren, um immer jemanden für die Tränenproduktion verfügbar zu haben, probte er das Wegnehmen. Zuerst entführte er einen angeleinten Dackel vor der ansässigen Feinkosthandlung. Er nahm den Hund einfach mit. Alles ging geradezu unheimlich problemlos. Kurzzeitig erwog er sogar, professionell auf Hundeentführungen im Nebenjob zu setzen, die Besitzer wären sicher bereit, einen ordentlichen Finderlohn springen zu lassen. Sein Selbstbewusstsein erhielt einen ordentlichen Schub und er fühlte sich gerüstet.

Menschen, die etwas verloren haben, sind ziemlich leichte Beute

Annika fand er auf Facebook. Sie hatte in der Stadtteilgruppe ein Vermisstengesuch ihrer Katze geteilt. Menschen, die etwas verloren haben, sind ziemlich leichte Beute. Früher riss er zum Spaß, wenn Dinge an Straßenlaternen oder Bushaltestellen per Zettel gesucht wurden, einfach ein paar präperforierte Nummernschnipsel ab, sodass es für die Suchenden so aussah, als hätte jemand Informationen. Manchmal rief er die Leute auch an und gab falsche Hinweise.

Annika schrieb er an, sagte, er glaube die Katze sei bei ihm gelandet. Er habe ihr Thunfisch zu essen gegeben. Keine Milch, davon bekämen Katzen ja Durchfall. Sie wollte sich sofort treffen. Gutgläubige Kuh. Als er sie sah, wusste er augenblicklich, dass das ziemlich einfach werden würde. Wirkte sie doch wie eine dieser Frauen, die sich ihrer selbst nicht sicher waren, vielleicht weil sie nicht schon als Minderjährige von einem Typen begehrt worden war. Dennoch war Gunnar voll konzentriert, so eine Chance konnte er nicht verstreichen lassen. Sie ging schließlich sogar freiwillig mit ihm in den Keller. Dort gab es einen Raum, den er zuvor mit schalldichten Wänden verkleidet hatte (keine Eierkartons wie im Fernsehen) und in den er eine eigene Toilette, deren Wasserzufuhr er extern steuern konnte, einbaute. Die Bauanleitung für den Umbau hatte er aus YouTube-Videos. Dieser Ort würde ihr neues Zuhause werden.

Treppe nach oben. Er nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, ohne sich umzusehen.

Annika tappt in die Falle – und landet in Gunnars Keller

„Leben die Queen oder die Blonde von den Golden Girls noch?“ Er gibt mir keine Antwort, spricht fast nie mit mir. Seine Stimme kann ich mir nicht einprägen.

Ich sehe keine Jahreszeiten. Nur den Winter bekomme ich mit. Der Schnee macht die Welt viel leiser. Manchmal sehe ich einen Schäferhund mit Hüftleiden. Er steht über dem Kellerschacht. Er ist ein Anfänger. Riecht mich nicht. Im Laufe der Zeit hat er angefangen, zu hinken. Wenn er weiter läuft, fühle ich mich jedes Mal aufs Neue verlassen.

Wie konnte ich nur so gutgläubig sein? Zu einem fremden Mann ins Haus zu gehen, ohne jemandem zu sagen, wo ich bin. Als ich ihn traf, war er nett. Schnell bekam ich das Gefühl, dass er an mir interessiert war. Bisher waren die Liebe und Beziehungen für mich immer wie Geld wechseln an einer ausländischen Wechselstube am Bahnhof. Das Gefühl, dass er vielleicht mehr von mir will, als mir meine Katze zurück zu geben, hat mich unvorsichtig gemacht.

Am Anfang hatte ich nichts. Keinen Fernseher, kein Radio. Völlig Abgeschnitten. Mein einziger Kontakt zu etwas Lebendigem waren die Insekten im Kellerraum. Ich gab ihnen Namen und roch an ihnen. Ich mag den Geruch von Käfern, sie riechen erdig. Jedes Mal, wenn er kam, fragte ich ihn, ob die Queen noch lebt, oder die Blonde Schauspielerin von den Golden Girls. In meiner Vorstellung bestand Hoffnung, wenn sie noch am Leben waren, dass auch meine Oma noch lebte, da sie sogar ein paar Jahre jünger ist als die beiden.

„Als ich versuchte, ihn zu überwältigen, ließ er mich tagelang allein“

Nach einiger Zeit bat ich ihn um Pflanzen. Genauer gesagt Farne. Ich hatte irgendwo mal gelesen, dass die eine neurologische Erkrankung auslösen können. War davon überzeugt, dass es mich nicht treffen kann, hoffte aber dass er krank werden würde. Als ich das erste Mal versucht habe, ihn zu überwältigen, hat er mich Tage lang allein gelassen und das Wasser abgestellt. Ich musste Wasser aus dem Blumentopf trinken. Als er dann wieder zurückkam, brachte er mir einen Fernseher, den er auf einen kleinen Hocker stellte.

Vor ungefähr einem Jahr, es kann aber auch länger her sein, sagte er mir, dass meine Oma tot sei. Er zeigte mir die Anzeige in der Zeitung. Hier stand es: Oma, Postbeamtin, 85 Jahre, tot, Urnenbeisetzung auf dem Westfriedhof. Ich bastelte eine Kerze aus Babybel-Käse Hüllen.

Zeit habe ich unendlich. Weiß nicht, ob ich schlafe oder wach bin. Oft denke ich an meine Familie.

„Mein Stiefvater war kein guter Mensch“

Mein Stiefvater war kein guter Mensch. Er schlug meine Mutter. Mich nie. Immer wenn es bei uns zuhause besonders frühlingsfrisch roch, wusste ich, dass Mama wieder eine schwere Zeit hinter sich haben musste, da unsere Wohnung voll mit Duftspendern war, die auf Bewegung reagierten. Er schlug meine Mutter auch in der Öffentlichkeit, einmal sogar vorm Kaufhof. Niemand schritt ein. Es war wie in diesen Tierdokus, wo die Kamera die Vernichtung der Antilope minuziös festhält, niemand aber den Löwen vom Fressen abhält.

Er bringt mir manchmal Brezen. Meine Mutter war in der DDR-Lebensmitteltechnikerin und Leichtathletin. Es gibt Fotos, wo sie mit Heike Drechsler drauf ist, beide mit Busch unter den Achseln. Das Erste, was sie im Westen tat, war ihre Achselbehaarung ab zu rasieren. Sie arbeitete in einer Bäckerei und konnte allen Kunden erzählen, wie sich die Brezellasur chemisch zusammensetzte. Ihr ganzer Arm war übersäht mit Brandnarben von den heißen Backblechen. Ich erinnere mich an den Tag, als meine Mutter mir alle Schuhe vorgebunden hat, weil ich die Schleife nicht gut konnte.

Dann legte sie sich vor einen Zug. Die gesamte freiwillige Feuerwehr des Ortes war beschäftigt, ihre abgetrennten Körperteile einzusammeln. Als ich Jahre später im Edeka jemanden von der Mannschaft sah, gab ich ihm ein paar Wiener extra.

„Die Welt hatte mich schnell vergessen“

Die Welt hatte mich schnell vergessen. Er sagte bei der Arbeit Bescheid. Er sei ein Bekannter, ich einfach verschwunden. Dort fragte man nicht nach. Nachdem ich mir in der Wurstabteilung die Fingerkuppe an der Schneidemaschine abschnitt, hatte man dort ohnehin ein schlechtes Gewissen.

Ich habe ihn endlich überredet, mir mein eigenes Wasser zu geben. Er sperrt das Wasser nicht mehr ab und kauft mir einen Soda-Stream. Wenn ich das Wasser sprudle, hab ich das Gefühl, über etwas Kontrolle zu haben.

Sein Essen schmecke nur durch Tränen, sagt er. Sonst sei es wie Wassereis, aus dem man den Geschmack gesaugt hat und das immer mehr wird im Mund. Das Schlimmste ist das Tränengewinnen. Er will immer dabei sein. Den Moment auskosten. Wenn er dann zu mir kommt, legt er sich auf mich und drückt meinen Knochen die Luft heraus, als wären Sie Luftpolsterfolie. Ich nehme dann eine der Kartoffel in die Hand, die er mir manchmal mitbringt. Meine Mutter gab mir früher Kartoffeln, wenn wir mit dem Auto wegfuhren, da ich an schlimmer Reiseübelkeit litt. Sie sagte, ich soll mich einfach auf die Kartoffel in meiner Hand konzentrieren, dann würde mir nicht schlecht werden. Seitdem ich den Fernseher habe, lade ich mich zudem elektrostatisch auf, sodass er einen Schlag bekommt, wenn er mich berührt.

„Ich stelle mir vor, das Leuchten der Tankstelle sei der Sonnenuntergang“

Einmal in der Woche darf ich in das Wohnzimmer. Von hier aus kann in einiger Entfernung das gelb-rote Leuchten einer Tankstelle erkennen. Ich stelle mir vor, es wäre der Sonnenuntergang. Dann darf ich Duschen. Ich setze mich in der Dusche hin und klaue Duschgel, transportiere es in meinen Kniekehlen und unter meiner Brust. Im Keller fülle ich es in kleine Marmeladendosen, die er mir stets zum Frühstück an meinem Geburtstag serviert. Es sind Einmalportionen Erdbeerglück, die es sonst am Frühstücksbuffet im Hotel gibt. Ich habe sie in der Blumenerde versteckt. Einmal hab ich beim Duschen oben gehört, wie ein Hubschrauber über dem Haus kreiste. Ich stellte mir vor, wie sie mit Wärmebildkameras nach mir suchen und die Menschen an Bord sich wundern, wer in der Gegend alles einen Swimmingpool hat.

Sein Telefon zeigt ihm an, wenn ich menstruiere. Er beschwert sich, dass mein Blut nicht blau ist, wie das der Frauen in der Bindenwerbung. Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal meine Tage hatte. Es war Ostern und ich hatte eine Überdosis Ostereier. Als ich das Blut in der Unterhose sah, dachte ich, es käme von zu viel Schoko-Eiern.

Wenn man auseinandergeht, ist es besser, es steht wenigstens unentschieden. Der Boden wurde von mir präpariert und eine Spur Duschgel verteilt. Als er kommt, rutscht er aus und knallt mit dem Rücken hart auf den Boden. Soda-Stream Kartusche, schnell. Es ist mir egal, auch wenn wir beide in die Luft fliegen, ich ziehe sie ihm über den Schädel. Nehme selbst den Flachbildfernseher als Schutzschild. Er liegt tatsächlich am Boden, rührt sich nicht. Ich habe das Fernsehkabel parat. Fantasieknoten. Ich kenne keine anderen Konten, war nie Segeln oder Angeln. Schnüre in Richtungen, die mir logisch erscheinen, mache einen doppelten Fleischsalatverpackungsknoten.

„Der Knoten wird nur so lange halten, bis ich weg bin. Hoffentlich“

Es ist ein Fantaknoten. Er wird nicht lange halten, nur solange bis ich weg bin. Hoffentlich. Der Schlüssel hängt wie immer an seinem Ledergürtel.

Ich hole alles aus den Birkenstocks, die er mir gegeben hat, heraus. Laufe und halte nirgendwo an. Gärten, Fenster, die Hausfassaden zeigen mir die kalte Schulter. Keine Leute. Ich muss einen Menschen finden. Nur einen, der mich bemerkt, dem ich alles erzählen kann.

Wie lange laufe ich? Keine Autos und keine Leute. War ich etwa so lange weg, dass die Menschheit gar nicht mehr existiert? Schließlich sehe ich die Bushaltestelle am Ende der Straße. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme tatsächlich an. Er kann mich jetzt nicht mehr aufhalten. An der Haltestelle lass ich mich einfach fallen. Meine Hände berühren gefrorene Spucke und Bubble-Gum-out. Ich sehe den Mann gar nicht kommen. Er erschrickt bei meinem Anblick. Endlich ein Mensch, der ein blaues Hemd mit Namensschild trägt. Ich realisiere, dass er Busfahrer sein muss. Seine Lippen bewegen sich, ich höre aber nichts außer meinem penetranten Herzschlag. Er wird mir nichts tun, später vielleicht mal ein Interview bei RTL geben. Als er mir aufhilft, umklammere ich seine Hand, kann nicht anders und umarme ihn. Er erwidert eine Busfahrer-Umarmung in perfektem Winkel zu seinem Bauch – jahrelange Übung mit großen Lenkrädern. Er bringt mich in den Bus.

Hier ist es warm und riecht nach Adoleszenten, kurz bevor sie durch die Hormone anfangen, wie Erwachsene zu stinken. Ich zittere und die Tränen laufen nur so an mir runter. Da holt der Busfahrer seine Thermoskanne hervor und drückt mir ein sauber gebügeltes blaues Stofftaschentuch und eine knallgelbe dampfende Plastiktasse in die Hand. Das es immer noch Leute gibt, die solche Stofftaschentücher haben. „Kannste behalten“, murmelt er und ich sehe verschwommen, wie er in seiner Busfahrerbucht verschwindet.

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