Wegen Corona

Pleite: „Da steht man ängstlich vor dem Nichts“

| Lesedauer: 11 Minuten
Anne K. Strickstrock
Spediteur Anton März (36) hatte sich darauf spezialisiert, neue Mode aus großen Zentrallagern in die Einzelhandelsgeschäfte zu transportieren. Mit dem Corona-Ausbruch indes kam kaum noch Ware am Hamburger Hafen an, fielen die Großaufträge weg.

Spediteur Anton März (36) hatte sich darauf spezialisiert, neue Mode aus großen Zentrallagern in die Einzelhandelsgeschäfte zu transportieren. Mit dem Corona-Ausbruch indes kam kaum noch Ware am Hamburger Hafen an, fielen die Großaufträge weg.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Mit der Pandemie droht die große Insolvenzwelle. Spediteur Anton März erzählt, wie er die Jobs seiner Mitarbeiter retten will.

Bergedorf/Witzhave. Er gehört eher zu den Optimisten als zu den Schwarzmalern. Aber „realistisch gesehen wird im Frühling die große Insolvenzwelle ausbrechen“, meint der Bergedorfer Rechtsanwalt Thomas Tehler. Zwar war bis Ende 2020 die Antragspflicht bei Überschuldung ausgesetzt, „daher wollen das viele Firmenchefs aussitzen, aber sie werden pleitegehen“, ahnt der Fachmann für Wirtschaftsrecht: „Erst werden noch die Lieferanten gedrückt. Dann aber sind die Löhne fällig. Und wer die nicht zahlt, kann eigentlich gleich von außen abschließen. Wenn dann noch Sozialversicherung und Lohnsteuer geschoben werden, sammelt sich das derart an, dass eine riesige Bugwelle droht.“

Nicht nur Große wie Lufthansa, Airbus und Co. kämpfen derzeit, auch die Firma nebenan, wo vielleicht der Nachbar arbeitet. Und der weiß, dass sein eifriger Chef trotz aller Rechnerei und Corona-Hilfe inzwischen einen Berg von Schulden hat. Beispielhaft erzählen wir die Geschichte einer solchen Pleite.

2019 wurden zwei Großaufträge nicht gezahlt

Dass Zahlungsunfähigkeit droht, haben die Mitarbeiter der 2007 gegründete Firma „März Transporte Hamburg GmbH“ schon früh geahnt. Als 2019 zwei Großaufträge nicht gezahlt wurden, bastelte Geschäftsführer Anton März an Spar- und Sanierungsplänen – er war doch gerade erst von Oststeinbek nach Witzhave umgesiedelt, wo genügend Platz für die 40 Lastwagen ist. Die Dinger sind verdammt groß: So ein 40-Tonner hat immerhin 25 Tonnen Ladekapazität. Die Verantwortung des Spediteurs ist nicht minder groß: Zu der Zeit beschäftigte er noch 60 Mitarbeiter, viele von ihnen wohnen mit ihren Familien in Bergedorf, Glinde und Reinbek.

Keine Aufträge mehr: Plötzlich stand die Lkw-Flotte auf dem Hof

„Die Firma hatte sich gerade ein bisschen aufgerappelt, als im Dezember 2019 die Nachricht aus Wuhan kam und bald sämtliche Importe aus China gestoppt wurden“, erzählt Anwalt Tehler: „Das ist dramatisch. Corona hat ihm jetzt den letzten Schuss gegeben.“ Plötzlich standen 95 Prozent der Lkw-Flotte auf dem Hof: Spediteur März hatte vorwiegend Bekleidung, die per Schiff im Hamburger Hafen ankam, transportiert – und zwar von den Zentrallagern etwa in Allermöhe direkt zu den Läden, zum Beispiel im Designer-Outlet in Neumünster. Plötzlich aber war Stillstand. Lockdown. Niemand kaufte mehr Bekleidung ein, das Center blieb lang geschlossen.

„Nichts war mehr sicher, wir konnten nur von Stunde zu Stunde planen“, erzählt Anton März und erinnert sich an viele schlaflose Nächte: Wie sollte er das der Belegschaft sagen? Welche Mitarbeiter entlassen? „Zuerst mussten es die Unpünktlichen sein, die beim Kunden nicht mehr rechtzeitig einen Rampenplatz bekommen haben und somit weniger Touren fahren können“, dachte sich der 36-Jährige ein handfestes Kriterium aus. Ständig schwirren dem gelernten Programmierer Zahlen im Kopf herum: 2400 bis 2800 Euro brutto verdient ein Fahrer, plus Spesen. Zugleich muss jeder Laster im Monat 10.000 bis 15.000 Euro Umsatz machen. „Ja, wir setzen Millionen um, aber der Gewinn liegt im einstelligen Prozentbereich“, sagt der Mann, der in Neuallermöhe aufs Gymnasium ging.

Konkurrenz in der Logistik ist gnadenlos

Die Konkurrenz in der Logistik ist gnadenlos. „Mein Lkw kostet 1,20 Euro pro Kilometer, wenn er viel Strecke macht. Aber es gibt zig ausländische Unternehmen, die die Preise drücken können, weil sie keine Steuern und Versicherungen in Deutschland zahlen“, sucht März nach Schuldigen der Misere. Er muss schlucken, wenn mal wieder ein Fahrer abgeworben wird. Oder wenn Konkurrenten die Gerüchte anheizen: „Die rufen tatsächlich meine Auftraggeber an und sagen, dass ich pleite wäre. Da fühlt man sich schon bitter hintergangen, wenn man sich jahrelang gegenseitig ausgeholfen hat.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Wie das freundschaftlich geht, erklärt Disponent Jan Stegmann: Da soll etwa ein ganzer Sattelzug voller Paletten von Hamburg nach Wuppertal. „Und die Kunden rufen Dumpingpreise auf“, ärgert sich der Mann aus Glinde. Er rechnet: Was kostet das? Und entscheidet: „Das können wir nicht, den Auftrag verkaufen wir an eine andere Spedition weiter.“ Die nächste Anfrage blinkt auf seinem PC: Einmal wöchentlich soll ein 250 Kilogramm schwerer Erdbohrer von Hamburg 400 Kilometer südlich nach Lennestadt gefahren werden. Kostet etwa 87 Euro. „Aber das gebe ich einem Spediteur, der sowieso da vorbeifährt und für den Sammeltransport nur 65 Euro berechnet. Da frage ich unsere direkten Partner an, die sind mir lieber als eine Frachtenbörse.“

Zwischen März und Juni Umsatzausfall von einer Million Euro

Es wurden indes immer weniger Aufträge, die Wirtschaft versinkt in der Corona-Flaute. Es bleibt eine Zitterpartie – auch für die heute nur noch 30 Mitarbeiter. Viele ihrer ehemaligen Kollegen waren mit dem Kurzarbeitergeld nicht zurechtgekommen und gingen zur Konkurrenz. Dort waren Fahrer gefragt: Schließlich herrschte nach dem ersten Lockdown Goldgräberstimmung bei jenen Logistikern, die Palettenware wie Klopapier transportierten oder Kühl-Laster für die Lebensmittelindustrie hatten. Auch Anton März überlegte eine andere Geschäftsstrategie, suchte sich neue Kunden, kaufte einen Kühl-Laster. Der ging nur leider sofort kaputt.

Schon immer hatte der Firmenchef mit spitzem Bleistift rechnen müssen, weiß sein Anwalt: „Die Liquiditätsplanung hat eine sehr enge Taktung. Da kommen vielleicht 115.000 Euro Ende der Woche rein und gleichzeitig gehen Plusminus 100.000 Euro raus.“ Doch allein zwischen März und Juni sei ein Umsatzausfall von einer Million Euro zu Buche geschlagen. Bis Oktober hatte das Geschäft aber wieder etwas angezogen: „Wir hätten das ganze Feuerwerk in die norddeutschen Filialen eines großen Discounters fahren dürfen“, erzählt der Unternehmer.

Selbst das Verfahren beim Amtsgericht Reinbek beantragt

Doch dann schlug Corona erneut zu. Zum Glück waren alle Unterlagen bereits gut vorbereitet, als Mitte November der gelbe Umschlag mit dem IN-Aktenzeichen zugestellt wurde: „Ich war schon irgendwie überrascht. Die Betriebsauslastung lag doch gerade wieder bei 98 Prozent“, sagt März. „Da fällt schon eine Welt zusammen, da steht man plötzlich ängstlich vor dem Nichts.“

Für den Insolvenzverwalter hatte er bereits alle Namen der Mitarbeiter aufgeführt, sämtliche Gläubiger aufgelistet (die Verbindlichkeiten lagen schon bei über einer Million Euro), die Versicherungen aufgezählt und alle Forderungen mit den Fälligkeitsdaten. Meist ist es das Finanzamt oder ein Sozialversicherungsträger, der das vorläufige Insolvenzverfahren beantragt. „In diesem Fall war es die Techniker-Krankenkasse. Und wir selbst haben die Eröffnung des Verfahrens beim Amtsgericht Reinbek beantragt“, schildert Thomas Tehler das Prozedere.

Der Insolvenzverwalter kontrolliert jede kleinste Ausgabe

Ursprünglich war mit nahezu allen Gläubigern eine Ratenzahlung ausgemacht. Die Außenstände liegen noch bei 300.000 Euro. Das wird bei weitem nicht reichen. „Ich habe Angst“, sagt Anton März mit Blick aus seinem Bürofenster. Doch der geschäftsführende Gesellschafter kämpft weiter – obwohl er inzwischen kaum selbst mehr etwas entscheiden darf. Da gibt es noch eine kleine Handkasse für eine Dichtung, eine Glühlampe. Aber die 5000 Euro, die er allein in zwei Tagen für Diesel-Kraftstoff seiner Laster braucht: Vor solchen Ausgaben muss er immer den Insolvenzverwalter fragen. Der ist zwar freundlich, aber eben auch mächtig und muss alles durchleuchten: Wird er die inhabergeführte Kapitalgesellschaft in nur drei Monaten komplett abwickeln, oder kann er sie als Paket verkaufen? Was wird der Laden mit seinen vielen geleasten Lastwagen noch wert sein?

Rechtsanwalt Thomas Tehler setzt auf eine übertragende Sanierung und erklärt das Prinzip: „Wenn es gut läuft, kann er sein eigenes Unternehmen quasi dem Insolvenzverwalter abkaufen, ohne Schulden. Er gründet also quasi ein neues Unternehmen und kauft die Struktur des alten. Die Gläubiger erhalten anteilig den Kaufpreis. Und die Mitarbeiter bekommen für drei Monate ein garantiertes Gehalt, als Insolvenz-Ausfallgeld vom Jobcenter.“

Das Geld für diese Art der Sanierung müsste sich Anton März irgendwo leihen. Die Sparkasse wird es ihm kaum geben, aber er hat Glück: Eltern und Geschwister unterstützen ihn und wissen, dass der 36-Jährige vor einem Jahr ein drittes Mal Vater geworden ist. Zudem ist der Familienmensch sozial engagiert, als Trainer und Sponsor beim Oststeinbeker SV.

Nach unsicheren Zeiten geht der Unternehmer wieder gern ins Büro

Die Familie wird noch mehr schlucken müssen, wie es finanziell weitergeht, steht noch in den Sternen: Werden das Zuhause und die Privatautos zu halten sein? Vielleicht muss noch Privatinsolvenz beantragt werden. „Die EU-Richtlinie wurde mittlerweile umgesetzt, was zu einer erheblichen Verkürzung der Restschuldbefreiung führen kann“, hofft der Rechtsanwalt, der Anton März seit gut acht Jahren in Sachen Arbeits- und Steuerrecht betreut. Er ist froh, dass der Familienvater wieder Hoffnung schöpft und manchmal „gern wieder ins Büro kommt“. Denn: Sein Unternehmen werde überleben.

„Da die Lkw alle geleast sind, gibt es keine ungesicherten Verbindlichkeiten. So kann das Unternehmen weiter am Markt tätig sein, das ist der Ansatz für die Sanierung“, bestätigt Insolvenzverwalter Dr. Gideon Böhm, der indes schon erste Gespräche mit Interessenten führte, „die Aufträge und gute Fahrer gern übernehmen würden. Mal sehen, wie ernsthaft das gemeint ist.“ Seine Hamburger Kanzlei ist auf die Bewältigung von Unternehmenskrisen spezialisiert: Die sogenannte „insolvenzabwendende Stabilisierung“ steht im Fokus, dazu Restrukturierung und Sanierung.

Spediteur kämpft weiter - neue Firma gegründet

Inzwischen herrscht Klarheit: Die neue Firma wurde gegründet, der Spediteur kämpft weiter. Nicht zuletzt ist Anton März dankbar dafür, dass seine jetzigen Mitarbeiter ihm die Treue halten. „Man hat so viel Schweiß und Arbeit in die Firma gesteckt. Und natürlich auch Fehler gemacht. Jetzt weiß ich, dass eine Insolvenz auch eine Hilfestellung sein kann, um Fehler auszubügeln.“ Auf jeden Fall ist er stolz, nicht aufgegeben zu haben – und bald, so die Hoffnung, wird freitags wieder mit allen Kollegen gegrillt. Aber montags möge der Hof bitte wieder leer sein, denn, so Spediteur März: „Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn täglich 400 Tonnen rechtzeitig geladen sind und alle Jungs auf der Straße unterwegs.“

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