Schließung

Karstadt Bergedorf: Die letzten Tage sind gezählt

| Lesedauer: 4 Minuten
Ulf-Peter Busse
Karstadt-Mitarbeiter rollen Transportkisten durch die Fußgängerzone: Die letzten Waren müssen bis zur endgültigen Räumung am 31. Januar noch verpackt und abtransportiert werden.

Karstadt-Mitarbeiter rollen Transportkisten durch die Fußgängerzone: Die letzten Waren müssen bis zur endgültigen Räumung am 31. Januar noch verpackt und abtransportiert werden.

Foto: Ulf-Peter Busse

Am 31. Januar ist endgültig Schluss. Die 45 verbliebenen Mitarbeiter müssen die beiden Häuser selbst räumen. Es fließen Tränen.

Hamburg. Das fast menschenleere Sachsentor bildet in diesen Tagen die traurige Kulisse für einen noch weit traurigeren Abschied: Ohne die Chance, nach der coronabedingten Schließung am 15. Dezember auch nur für einen einzigen Tag nochmals zu öffnen, räumen die Karstadt-Mitarbeiter die beiden Kaufhäuser in Bergedorfs Einkaufsstraße - und damit auch ihre Arbeitsplätze. Bis zum 31. Januar muss alles leer sein, dann läuft der Mietvertrag endgültig aus.

"Die Stimmung ist sehr betreten. Viele Kollegen können nachts nicht schlafen, es fließt manche Träne. Das geht hier an keinem spurlos vorbei", sagt Betriebsratschef Gerhard Stachan (58). "Für viele waren die beiden Häuser seit Jahren, oft sogar seit Jahrzehnten ihr Arbeitsplatz. Und jetzt müssen sie auch noch alles selbst räumen. Das macht jede Illusion zunichte, dass vielleicht doch noch die Rettung kommt."

Karstadt in Bergedorf muss am 31. Januar schließen

Tatsächlich ist Bergedorf einer der letzten fünf Standorte auf der Liste des Konzerns Galeria Karstadt-Kaufhof, bei dem die Schließung Ende Januar vollzogen wird. 37 Häuser hatten schon im Oktober geschlossen. Von den verbliebenen sechs Kandidaten war das Lübecker Haus sogar noch in letzter Sekunde gerettet worden. Dort hatten sich Vermieter und Konzern im Dezember überraschend auf die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs geeinigt. Bergedorf blieb dieses Glück verwehrt - trotz ebenfalls intensiver Gespräche hinter den Kulissen.

Lesen Sie auch:

Für die gut 60 Beschäftigen hier bedeutet das am 1. Februar den Wechsel in die Transfergesellschaft oder in die Arbeitslosigkeit. "Knapp 20 Arbeitsverträge sind schon ausgelaufen, darunter die von befristet angestellten Aushilfen und einigen wenigen Kollegen, die absehbar in Rente gehen können", sagt Gerhard Stachan. "Von den verbliebenen 45 Kollegen hat sich ein Drittel für den Weg zum Arbeitsamt entschieden. Nur eine einzige Kollegin fängt bei Karstadt in Wandsbek an. Alle anderen gehen ab 1. Februar für ein halbes Jahr in die Transfergesellschaft, die für alle Mitarbeiter der geschlossenen Häuser gegründet wurde."

Aus erwischt überwiegend ältere Mitarbeiter

Dass die dort vorgesehenen Qualifizierungsmaßnahmen aber tatsächlich den Weg zurück in den Einzelhandel ebnen, sieht Stachan zurückhaltend: "Je länger der Lockdown andauert, umso weniger Unternehmen stellen noch neue Mitarbeiter ein. Es ist schwer genug, überhaupt das eigene Personal zu halten."

Bergedorfs Karstadt-Aus kommt also zur Unzeit - und erwischt zudem überwiegend ältere Mitarbeiter: Das Durchschnittsalter liegt hier bei 48, die Betriebszugehörigkeit bei 25 Jahren. Auch Gerhard Stachan selbst gehört zu den Erfahrenen: Vor 42 Jahren hat er hier gelernt, damals noch bei Karstadt-Vorgänger Hertie im Sachsentor. Heute ist er Leiter des Kassen-Teams von Karstadt Bergedorf.

Wegen des Lockdowns kein finaler Ausverkauf mehr

Die Räumung der beiden Immobilien läuft nunmehr seit zehn Tagen. Das große Haus ist jetzt leer - mit Ausnahme unzähliger Waren-Transportkisten, die nun auf Rollwagen durch die Fußgängerzone zum kleinen Haus gebracht werden, um dort ebenfalls alles zu packen und abzutransportieren. "Leider gab es wegen des andauernden Lockdowns keinen finalen Ausverkauf mehr. Deshalb konnten sich die Kollegen nicht mehr von den viele Stammkunden verabschieden, die uns oft über Jahrzehnte die Treue gehalten und zuletzt auch wieder mit Tausenden Unterschriften für die Rettung von Karstadt Bergedorf gekämpft hatten", sagt Gerhard Stachan. "Das schmerzt uns besonders."

Die Zukunft der Häuser ist noch offen

Wie es nun mit den beiden Immobilien weitergeht, bleibt das Geheimnis des Grundeigentümers. Über die im Hintergrund laufenden Gespräche wurde Stillschweigen vereinbart. Als sicher gilt, dass vom großen Karstadt-Haus nur noch das Erdgeschoss und vielleicht die erste Etage für Einzelhandel genutzt wird. In den beiden Stockwerken darüber könnten Wohnungen entstehen. Die Zukunft des kleinen Hauses ist offen. Am 70er-Jahre-Bau könnten die Abriss-Bagger anrücken. Es gilt als möglich, dass hier ein Parkhaus entsteht, weil das vorhandene an der Bergedorfer Schlossstraße spätestens 2025 durch einen Neubau mit großzügigen Wohnungen und Blick auf den Schlosspark ersetzt wird.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Bergedorf